Eine Bank, eine Treppe, der blanke Boden – alles war gut genug, um sich draufzusetzen, schnell, und loszulegen. Hülle auf. Mischen. Verteilen. Dann ging es los. "175 PS." – "90." Ha! Ich bin an der Reihe. "PS? Hat jemand PS gesagt? 230." Der Ford Capri und der Saab 850 gehen in meinen Besitz über, geschlagen durch meinen super Datsun 240 Z.

Dann kommt meine Corvette dran. "5675 ccm." – "Was heißt eigentlich ccm?" – "Klappe! 5675 hab ich gesagt." – "Glaub ich nicht, zeig!" – "Da, iss das!" – "Oh. 1285." – "Hm. 1985."

Magere Beute bloß. Ein Volvo 144, ein Renault R8 Gordini. Aber es läuft. Super, jetzt der Porsche 911 S. Vor Nervosität schnell noch den Finger in die Nase geschoben. Nachdenken. Stärken und Schwächen abwägen. Dann cool: "245 km/h". – "185." – "180." – "Danke, danke, und ccm heißt Kubikzentimeter, es beschreibt die Größe des Motors, das Volumen des Kolbens oder so." Der Sieg war nur noch eine Frage der Zeit. Das Kartenbündel dick in der Hand, am Ende, komplett, das Herz voll Glück. "Wilde Meute" hieß das Auto-Quartett-Spiel. Und das passte gut zu uns, wie wir waren, junge Knirpse mit nicht nur Flausen im Kopf, sondern auch Träumen. Träumen aus Blech. Träumen, die wir besitzen konnten – auf Papier, immerhin.

Werner Seitz spielt nicht mit Autos. Er spielt überhaupt nicht. Schon gar nicht Quartett. Dafür ist er ein bisschen zu alt. Überhaupt: Aus Autos hat er sich nie viel gemacht. Gut, er mochte immer Mercedes, weil dort Verwandtschaft tätig ist und wegen des lokalen Bezuges. Herr Seitz ist Ruheständler, 74 Jahre alt, rüstig und vital. Wirkt auf jeden Fall ein paar Jahre jünger. Unauffällige Erscheinung, nicht groß, nicht klein, nicht dick, nicht dünn. Unauffälliger Pulli über unauffälligem Hemd. Unauffällige Hose. Schuhe? Keine Ahnung. Und bescheiden ist er, der Herr Seitz. Er ist Schwabe. "Herr Seitz, spüren Sie nicht ein wenig Stolz, hier neben Ihrer Erfindung zu stehen?" Er lächelt ein bisschen und zuckt mit der Schulter. "Ach", sagt er. "Stolz?"

Herr Seitz steht im tageslichtlosen Keller eines Kindergartens in Leinfelden, einem Ort außerhalb Stuttgarts, wo dahinter bald der Flughafen kommt und viele Zulieferbetriebe für die Autohersteller den Steuersatz drücken. Im Keller befindet sich das Spielkartenmuseum, welches in einem Teil des Raumes eine kleine Ausstellung zeigt: 50 Jahre Automobil-Quartett. Und wer hat’s erfunden? Genau. Dieser Herr Seitz.

1952. Er war ein junger schlecht bezahlter Volontär bei der Firma ASS, was ausgeschrieben Vereinigte Altenburger und Stralsunder Spielkarten-Fabriken A.G. Stuttgart-Leinfelden heißt. Ein Spielkartenhersteller mit Tradition oder, besser gesagt: ein Teil davon, denn schließlich liegt Altenburg ja nicht im Schwabenland, sondern im Osten, bei Leipzig. Nach dem Krieg aber setzte sich ein Teil der Belegschaft aus dem russischen Sektor ab und fing bei Stuttgart unter dem alten Namen nochmals an. Man hatte Angst, die Russen würden die Druckmaschinen verschleppen.

Nun war Seitz also jung und hatte Ideen. Und ihm war es recht, als der Verkaufsleiter mit einem Vorkriegs-Quartett der Firma Hausser zu ihm kam, dem legendären "Rennen-Rennfahrer-Rekorde" aus dem Jahre 1939. Ein klassisches Sammel-Quartett mit dem langschnäuzigen Mercedes-Benz-Silberpfeil vorn drauf, selbstverständlich an einer Hakenkreuzfahne vorbei über den Avus-Rennring zischend. Also heckte der Volontär etwas aus. Beim Nazi-Rennspiel standen die Rennfahrer und ihre Geschichte im Vordergrund, etwa Manfred von Brauchitsch, Rudolf Caracciola oder Hermann Lang, "der viel umjubelte Sieger im Millionenrennen beim Großen Preis von Tripolis in Libyen 1937 und 1938 mit dem 3-Liter-12-Zylinder-Mercedes-Benz-Rennwagen". Nach dem Krieg war den Leuten nicht so nach Legenden und Heldentaten. Und Seitz dachte sich: Jeder würde gern ein schickes neues Auto in glänzendem Blech besitzen. Aber wer hatte schon das Geld dafür? Ersatzbefriedigung wie etwa die Automobilpresse war damals noch unbekannt. Also warum nicht ein Quartett, bei dem es um nichts anderes ging als um das Automobil und dessen technische Leistung?

Das erste richtige Auto-Quartett war geboren. Fast. Denn zuerst galt es noch, den Vorstand der Firma ASS zu überzeugen.