Die Schriftstellerin Marie Luise Kaschnitz fand für ihre Arbeit früh Anerkennung. Einen ersten Preis gewann sie bereits als 33-Jährige; 1934 in einem Wettbewerb der Berliner Illustrierten Madame um "das schönste Gedicht"; auch Peter Huchel gelangte damals unter die ersten Fünf. In den schweren Jahren von Nazizensur und Krieg gehörte sie dann der Literatur-Jury der Madame an, von 1937 bis 1942. Für diese Zeit hat die Kaschnitz später sehr kritische Worte gefunden; 1971 antwortete sie auf die Umfrage eines Gymnasiums: "In der Nazizeit war ich immer ‚dagegen‘ und habe ein paar Unannehmlichkeiten gehabt, aber ich war doch viel zu feig, um wirklich etwas zu tun. In meinem späteren Leben habe ich versucht, von Fall zu Fall richtig zu handeln, human…" Human: Das Werk der Kaschnitz ist eine einzige große Anstrengung, diese totgefeierte Vokabel wieder alltagstauglich zu machen. Besonders in ihrem Spätwerk. Allerdings: "Der Dichter soll nicht um Humanität buhlen. Er ist ein Mensch, also ist er human."

Marie Luise Kaschnitz hat offenbar eine glückliche Ehe geführt. Das lässt sich auch aus ihren Gedichten und Geschichten lesen, deren autobiografischen Kern die Dichterin nie bestritt. Mit ihrem Mann, dem Archäologen Guido von Kaschnitz, bereiste sie die Ausgrabungsstätten im Mittelmeerraum, lebte sie lange in Rom, wo die autobiografische Prosa Engelsbrücke entstand. 1955 erhielt sie den Büchnerpreis: Da hatte sie ihr eigentliches Werk noch nicht geschrieben. Nach dem Tod ihres Mannes 1958 entsteht der gewichtigere Teil ihrer Prosa. "Früher", so die Dichterin, "(war) mein Hauptberuf, verheiratet zu sein. Ich mußte dafür sorgen, daß mein Mann möglichst gut arbeiten konnte und daß er und unser Kind möglichst glücklich waren…", und so habe sie "oft heimlich, im Kaffeehaus zwischen den Einkäufen gearbeitet".

In den Erzählsammlungen Lange Schatten (1961) und Ferngespräche (1966) spürt der Leser schon mit den ersten Sätzen, dass er im Schutz einer reifen Schriftstellerin steht, einer Frau, die das Leben kennt, die Menschen beurteilen kann, aber niemals leichthin verurteilt. Hier wird kein Prosecco getrunken, es gibt keinen Mondscheintarif, keine spaßgelaunte Sprachschlamperei. Die Kaschnitz muss weder trällern noch schreien. Sie hat etwas zu sagen. Disziplin im Denken wie in der Sprache: kein Wort zu viel, aber auch kein manirierter Geiz. Eine beherrschte Sprache im doppelten Sinne: Sie beherrscht die Sprache, das Handwerk, und in Emotion und Tonfall ist auch die Sprache beherrscht.

Mitteilen bestimmt ihr Schreiben. Schreiben wie zueinander reden. Ein Eindruck, der oft durch die Bevorzugung der Ich-Erzählung verstärkt wird. Realistisch, mit großer Einfachheit, kaum ein Unterschied zwischen Vordergrund und Hintergrund, alles ist wichtig, gleich bedeutend. Fast eigensinnig hält die Kaschnitz am Alltäglichen fest. Im "Dritten Reich" war sie in die Welt der antiken Mythen und der Natur geflohen. Diese Möglichkeiten verdeckten Schreibens braucht sie nach dem Krieg nicht mehr. Geblieben ist die Fähigkeit, mit wenigen Sätzen Landschaften entstehen zu lassen, besonders die des Mittelmeers: Meer, Sand, ein paar Pinien, eine Piazza, die Schauplätze der Sehnsucht.

Im realistischen Gewand verbirgt sich eine mehrschichtige, gleichnishafte Welt. Alltägliches wird fantastisch, Fantastisches im Alltäglichen sichtbar. Dem Augenfälligen ist nicht zu trauen, jedenfalls nicht mehr als dem offenen Geheimnis der Träume. Das Sichere ist nicht sicher (Bergrutsch , Lange Schatten , Der Tag X), das Vergangene nicht vergangen (Schneeschmelze, Das dicke Kind), die Toten sind nicht tot (Eisbären, Schiffsgeschichte). Die Menschen in diesen Erzählungen sind keine Helden, sie weichen Konflikten aus, und nicht selten fliehen sie aus der Normalität in die Wunderwelt eines sanften Wahns. Die Kaschnitz lässt nichts Bitteres aus und gelangt doch zu einem hoffnungsvollen Blick auf das Leben.

Weit trägt der lakonische, unsentimentale Ton, besonders in den Geschichten vom Versagen der Menschen während der Nazizeit; etwa in Märzwind, wenn uns die Kaschnitz mit hinterhältiger Sachlichkeit zum Zeugen einer Hinrichtung macht; wir stehen bei den Dörflern, sehen mit ihnen zu, möchten Halt! schreien. Aber: Hätten wir Halt! geschrien, damals? Hätten wir Renata versteckt (Das rote Netz)?

Hinter der beherrschten Sprache vibriert eine Anteilnahme, die auf den Leser überspringt. Gedrängt wird er nicht. "Arbeite mit", sagte sie, "ergänze, was nicht dasteht, aus eigenem Vermögen." Kein Gängeln des Lesers. Geschichten und Gedichte lassen sich nicht auf nur einen Nenner bringen. Nicht einmal nacherzählen kann man sie; auch ein Gedicht ist ja nie nur das, wovon es handelt. Die Rätsel der Kaschnitz bleiben die Rätsel unserer Zeit. Das hält ihr Werk lebendig.

Georg Brandes, der große dänische Kritiker der Jahrhundertwende, sagte: „Gut ist ein Buch, das mich entwickelt.“ Die Erzählungen der Kaschnitz tun es.