Lila Zeiten für Belgiens Politik. In der politischen Farbenlehre ergeben Rot und Blau jenen Ton, den die Umfragen vorhergesagt und die liberalen und sozialistischen Parteiführer herbeigewünscht hatten. Auch die vernichtende Niederlage für die Grünen, die in beiden nationalen Kammern nicht mehr vertreten sein werden, hatten die meisten Beobachter geahnt und mancher Parteigänger von Ecolo oder Agalev (wie die Grünen in Flandern heißen) durchaus befürchtet. Und auch das Comeback der Sozialisten im französischsprachigen Teil wie im niederländisch parlierenden Flandern lag in der Luft. Nach dem aktuellen Stand wird der kommende Premierminister wieder Guy Verhofstadt heißen. In der Regel macht dabei der König den Chef der stärksten Partei im bevölkerungsreichen Flandern (dort leben rund sechs von zehn Belgiern) zum Formateur der künftigen Regierung, ein Titel, der dem des designierten Premiers entspricht. Und die Lehren aus dieser Wahl? Vier Jahre lang wölbte sich über Belgien der Regenbogen aus Liberalen, Sozialisten und Grünen. Bis Guy Verhofstadt den Wettergott spielte und die Grünen kurz vor der Wahl aus der Koalition vertrieb. Sagen die Grünen. Die andere Seite sieht es anders: Mit diesen Grünen, egal ob aus Flandern und Brüssel oder Wallonien, war kein Regieren mehr. Sie sorgten dafür, dass das populäre Formel-1-Rennen von Spa-Francorchamps durchs Tabakwerbeverbot gestrichen wurde. Sie zeigten sich kompromisslos beim Verbot für Waffenlieferungen an Nepal oder im Streit um die Überflugrechte über Brüssel. Standfest, prinzipientreu, aber - und das ist in der Kompromisskultur der Belgier entscheidend - letzten Endes unflexibel: So verspielten die Grünen ihren Einzug in die Abgeordnetenkammer und den Senat. Vergessen die moralische Wende von 1999, unter dem Eindruck der Dutroux-Kinderschänderaffäre und des Dioxin-Futtermittelskandals.Die zweite Lehre dieser Wahl: Der Belgier geriert sich übers Jahr gern und in erster Linie als Flame, Wallone, Brüsseler, flirtet mit konföderalistischen Ansichten oder gar separatistischen Phantasien. An der Urne aber sind sich diesmal die (getrennt ausgezählten!) Bürger von Lüttich bis Oostende, von Antwerpen bis Charleroi einig. In allen Landesteilen gleichen sich die Wahltrends und Wahlergebnisse verblüffend, wie eingangs beschrieben.Noch geht es dem Land wirtschaftlich vergleichsweise gut, wie ein Blick nach Frankreich oder Deutschland lehrt: Das stärkt die Liberalen. Noch sind die politischen Verhältnisse stabil, nichts von der Unruhe, die etwa die Niederländer nach der Ermordung des Populisten Pim Fortuyn heimsuchte: Das stützt die scheidende Regierung. Der rechtspopulistische Vlams Blok in Flandern und diesmal auch die wallonische Front national, die beide leicht hinzugewinnen, können angesichts der stabilen lila Mehrheit wenig ändern. Doch steht hinter all dem ein kleines Aber: Das erklärt den rechtspopulistischen Stimmanteil, vor allem aber den Wiederaufstieg der Sozialisten mit einer neuen Führung. Gewiss haben die Sozialisten auch vom Ausscheiden der Grünen profitiert, aber vor allem von der bangen Frage, wie lange sich das Zehn-Millionen-Land noch seine teuren Sozialsysteme wird leisten können in einem Europa, in dem alle Großen schwächeln. Darum lila Zeiten, egal, wie der Premierminister heißen wird. Und eine stabile Mehrheit für eine Regierung, der der Wind längst nicht so hart ins Gesicht weht wie ihren nächsten europäischen Nachbarn.