Soll man sich aufregen? Verdient Josef Ackermann Schelte, weil er als Chef der Deutschen Bank im Krisenjahr 2002 ein Spitzengehalt von knapp sieben Millionen Euro einstrich? Ist es ein Skandal, dass DaimlerChrysler-Chef Jürgen Schrempp und seine Vorstandskollegen ihr Salär mehr als verdoppelten, während sich der Börsenkurs fast halbierte? Oder ist die Aufregung um hohe Managergehälter nur ein typisch deutscher Neidreflex?

Immerhin ist das Thema so populär, dass selbst der Bundeskanzler und sein Exherausforderer Edmund Stoiber in seltener Einmütigkeit auf Manager schimpfen, die sich trotz Massenentlassungen und Börsenkrach weiter die Taschen vollstopfen. Schon droht Bundesjustizministerin Brigitte Zypries mit einem gesetzlichen Höchstlohn für Manager. Und eine Regierungskommission prüft in dieser Woche, ob Vorstände zu mehr Bescheidenheit gezwungen werden können, indem man sie verpflichtet, ihre Gehälter offen zu legen.

Die Betroffenen warnen dagegen, Deutschland dürfe sich nicht von international üblichen Gehältern abkoppeln. Der Wirtschaftsstandort sei in Gefahr, wenn Politiker und Gerichte in die Lohntüte der Vorstände hineinregierten. Es sei allein Sache der Unternehmen, die Vergütung festzulegen.

Andersherum könnte man auch sagen: Die Aktionäre sind selbst schuld, wenn sie sich an Unternehmen beteiligen, die ihren Spitzen-Angestellten Millionen in den Rachen werfen. Vielleicht wollen sie es sogar so. Ein staatlich verordneter Höchstlohn scheint dagegen gar nicht gut in eine Marktwirtschaft zu passen, in der eigentlich Angebot und Nachfrage regeln sollten, wer mit welchem Einkommen nach Hause geht.

Eigentlich. Die Wirklichkeit sieht anders aus. Denn der Markt, auf dem sich die Gehälter für die Topmanager bilden, funktioniert nicht richtig. Das Hauptproblem: Die Aktionäre können nicht selbst die Gehaltsverhandlungen führen. Sie müssen darauf vertrauen, dass ihre Repräsentanten, in einer Aktiengesellschaft sind das die von ihnen gewählten Aufsichtsräte, in ihrem Sinne handeln. Doch sind die Aufseher im Hauptberuf zum größten Teil selbst Vorstände in einem anderen Unternehmen. Welches Interesse sollten sie haben, Managergehälter zu deckeln?

Ökonomen sehen in dem Verhältnis zwischen Aktionären, Aufsichtsräten und Vorständen das klassische Beispiel für ein Principal-Agent-Problem. Bei diesem Konzept, das wirtschaftswissenschaftlich gebildeten Managern durchaus geläufig sein dürfte, geht es um die Frage, wie ein "Principal" sicherstellen kann, dass ein anderer – der "Agent" – wirklich in seinem Sinne handelt. Das ist immer dann schwierig, wenn der Principal nur unvollständige Informationen hat, um die Arbeit des Agents zu beurteilen. Und genau das gilt auch bei den Vorstandsbezügen: Die Aktionäre sind bei den Gehaltsverhandlungen nicht dabei, sie wissen nicht, ob es andere Kandidaten gab. Sie erfahren meist nicht mal, wie viel ihre Topangestellten jeweils verdienen. Ihnen bleibt sogar verborgen, wenn einzelne Aufsichtsratsmitglieder Zweifel an exorbitanten Gehältern äußern, denn das Kontrollgremium tagt streng vertraulich.

Verschärft wird das Problem ausgerechnet durch ein Instrument, das einst als Patentlösung für dieses Agent-Problem galt: die Aktienoptionen. Mit ihnen sollten die Interessen der Manager mit denen ihrer Auftraggeber gleichgerichtet werden. Doch die Optionen haben nicht nur für viele Bilanzmanipulationen gesorgt, sie bieten außerdem ungeahnte Möglichkeiten zur Selbstbedienung. Kaum ein Aktionär versteht die komplexen und deshalb umso leichter manipulierbaren Modelle. Für die knifflige Formel, mit der sich der Wert der Optionen errechnen lässt, bekamen ihre Erfinder immerhin den Nobelpreis.

Für die Aktionäre lohnt es sich aber kaum, die Vergütungsmodelle eingehend zu studieren. Denn der einzelne Anleger hat zu wenig Einfluss, um irgendetwas zu verändern. Um für eine Hauptversammlung mehrheitsfähige Gegenvorschläge zu entwerfen, müsste er sich mit Tausenden anderen Anteilseignern abstimmen. Selbst wenn es aber einigen Aktionären gelingt, Gehaltsexzesse zu verhindern, profitieren davon alle, gleichsam als Trittbrettfahrer. Deshalb sprechen Ökonomen angesichts von Anlegern, die sich nicht um diese Fragen kümmern und schon gar nicht zu einer Hauptversammlung reisen, von "rationaler Apathie".