Berlin

Im Kanzleramt ist die Botschaft angekommen, Washington wünsche nun den nächsten regime change , den Kanzlersturz in Berlin. Gewiss, so wird relativiert, Washington sei kein Monolith, man registriere auch richtiges "Werben" um den transatlantischen Lieblingspartner. Fischer und Powell, Cheney und Clement, alles okay. Aus George Bushs Sicht aber sei das Verhältnis zu Gerhard Schröder irreparabel zerstört. Eines scheint damit klar zu sein: Es gibt keinerlei Versöhnungsabsicht gegenüber dem Schurken im Kanzleramt!

Schröder als Casus: Nichts davon wird offen, jedenfalls nicht öffentlich, ausgesprochen, und schon gar nicht gibt es Beweise. Anfang des Jahres mutmaßte Schröder schon einmal, dass von außen Washington und zu Hause Springer ein gemeinsames Ziel verfolgten – die Kanzlerbeseitigung.

Man dürfe nicht so tun, als sei alles back to normal , verkündete Colin Powell jüngst in der ARD. Und auf die Frage, ob beim bevorstehenden G-8-Gipfel in Evian Anfang Juni der amerikanische Präsident und der deutsche Kanzler sich vielleicht zu einer bilateralen Aussprache am Rande treffen würden, antwortete er ganz von oben herab: Die Herren begegneten sich ohnehin "alle in einem Raum". Noch Fragen?

Im Blick auf das Treffen in Frankreich wird im Kanzleramt gelegentlich zurückgefragt, wieso es stets um eine versöhnliche "Geste" zwischen Schröder und Bush allein gehe. Denn Jacques Chirac ist der Gastgeber, und da gebietet es doch schon die Kleiderordnung, dass sich zuallererst der amerikanische und der französische Präsident unter vier Augen aussprechen. Was sowieso richtig ist, vor allem aber daran erinnert, dass über das Verhältnis Amerikas zu Deutschland derzeit nicht reden kann, wer über das vergiftete zu Frankreich schweigt.

Sicher, es gibt Wichtigeres als die Beziehungskiste zwischen Kanzler und Präsident. Freundschaften in der Politik garantieren noch kein Gemeinsamkeits-Glück. Untergraben hingegen Feindschaften mit Zwangsläufigkeit das Ganze? Wenn das Verhältnis von Bush und Schröder dermaßen kategorisch für kaputt erklärt wird, dann lädt sich das jedenfalls leicht zu einem Politikum auf. Dick aufgetragenes Symbol dafür war die Referenz, die Bush Roland Koch, dem Unionspolitiker aus der Provinz, erwies. Der Kanzler selbst sagt, er habe sich nicht darüber geärgert, und lacht die Eintagsfliege weg. Business möchte er machen, kalmieren, nach vorn blicken. Aber die Vergangenheit schlägt zurück. Hinter den Kulissen wird von amerikanischer Seite ins Feld geführt, "betrogen" fühle sich Bush, weil Schröder ihm beim ersten Besuch nach dem 11. September in Washington – und dann bei der Visite Bushs in Berlin, als sie im Restaurant Tucher am Pariser Platz zusammensaßen – signalisiert habe: Wenn er den Irak-Krieg unbedingt führen wolle, dann solle er es halt machen, er werde ihm nicht in den Arm fallen.

Dass nicht Berlin, sondern Washington die Begründung für die Intervention ohne Rücksprache gewechselt habe, darauf besteht der Kanzler unverändert. Was er George Bush im kleinsten Kreis gesagt hat, will er hingegen nicht ausplaudern. Es würde das Vertrauen in jede Vertraulichkeit demolieren. Man wird es später nachlesen können in den Protokollen; Berater und Botschafter saßen immer dabei.

Nicht zu Kreuze kriechen