Es dürfte leichter sein, einen Termin beim Bundeskanzler zu bekommen als bei Irene Khan. Die Generalsekretärin reist enorm viel und ist dabei, amnesty international (ai) zu reformieren: die größte und erfolgreichste private Menschenrechtsorganisation der Welt - mit über 1,5 Millionen Mitgliedern, Unterstützern und Förderern, mit Sektionen in 56 Staaten und rund 8000 Studenten-, Schüler- oder Berufsgruppen in über 100 Ländern - dazu das Nervenzentrum in London mit rund 350 fest angestellten Mitarbeitern und über 100 Freiwilligen aus 70 Ländern.

Obendrein sind dies harte Zeiten für Menschenrechte und jene, die auf ihnen beharren. Nicht nur die üblichen Verdächtigen machen Sorgen, sondern auch jene liberalen Demokratien, die seit dem 11. September im Namen der Sicherheit zivilisatorischen Ballast abwerfen und Kriege anzetteln. In der nächsten Woche erscheint wieder der jährliche amnesty-international-Report, ein viele hundert Seiten langer Bericht über Menschenrechtsverletzungen in Regionen von A wie Afghanistan über G wie Guantánamo bis Z wie Zentralafrikanische Republik.

Doch jetzt nimmt sich die zierliche 46-jährige Irene Khan Zeit, in einer langen Pause zwischen zwei Sitzungen in einem Londoner Tagungshotel ganz in der Nähe der ai-Zentrale am King's Cross. Natürlich beschäftigte der Irak-Krieg auch amnesty. In der International Herald Tribune hatte Irene Khan vergeblich den Einsatz von Streubomben und Uranmunition angeprangert. "Unser Hauptziel bleibt auch jetzt", sagt sie, "die Menschenrechte einzuklagen. Wir wollen, dass Menschenrechtsexperten im Land arbeiten, um vergangenen und gegenwärtigen Missbrauch zu untersuchen. Schuldige müssen zur Verantwortung gezogen werden."

Irene Zubaida Khan ist eine außergewöhnliche Wahl: Seit August 2001 hat amnesty mit ihr zum ersten Mal in seiner über 40-jährigen Geschichte eine Frau an der Spitze, eine Muslimin aus dem Entwicklungsland Bangladesch, die tief geprägt ist durch ihre Erlebnisse während des furchtbaren Bürgerkrieges Anfang der siebziger Jahre. Als 14jähriges Mädchen sah sie, wie Menschen auf den Straßen gelyncht wurden, wie der Vater ihrer Freundin erschossen wurde, weil er, ein Hindu, die "falsche" Religion hatte, wie Jungen aus der Nachbarschaft verschwanden, um der so genannten Befreiungsarmee zu folgen, wie ihr Vater mit dem Tod bedroht wurde, weil er als Arzt jeden behandelte, egal, zu welcher Partei er gehörte. Schulen und Universitäten funktionierten nicht mehr, deshalb schickten die Eltern Irene und eine ihrer beiden Schwestern zu Freunden nach Nordirland - ausgerechnet, lacht sie, "aber für mich waren die Unruhen dort gar kein richtiger Krieg, ich kannte ja viel Schlimmeres". Später studierte sie an der Universität von Manchester und an der Harvard Law School Internationales Recht und Menschenrechte. 1979 begann sie ihre Arbeit bei der Internationalen Juristenkommission in Genf. Ein Jahr später startete sie eine eindrucksvolle Karriere beim UNHCR, dem Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen. Ihr Engagement trug sie rund um den Globus, zuletzt nach Makedonien. Irgendwann zwischendurch hat sie einen Deutschen geheiratet und eine Tochter bekommen.

Zu Irene Khans Prioritäten gehört, die Menschenrechte für Frauen einzuklagen.

"Wussten Sie, dass jedes Jahr etwa 14 000 Frauen in Russland an den Folgen häuslicher Gewalt sterben?" Amnesty-Gruppen im Land haben viel Lobbyarbeit für ein Gesetz zum Schutz der Frauen investiert, doch kein einziger von insgesamt 50 Gesetzesentwürfen hat die Duma passiert. So bleibt auch dieses Thema auf der Agenda.

Amnesty international, 1961 von dem britischen Anwalt Peter Benenson gegründet, hatte als eine Organisation begonnen, die sich für die Freilassung gewaltloser politischer Gefangener einsetzte. Es ging um Haftbedingungen, faire Prozesse, um Kampagnen gegen Folter und Todesstrafe. Nach 1991 änderte sich das Bild: In den Vordergrund rückten Menschenrechtsverletzungen an anderen Gruppen - an Flüchtlingen, ethnischen Minderheiten, Frauen. "Wir entdeckten, dass Leute nicht nur für das, was sie taten, ihrer Rechte beraubt wurden, sondern schlicht für das, was sie sind." Und seit Irene Khan im Amt ist, hat sich der Blickwinkel von amnesty international noch einmal erweitert: Im Kontext der allgemeinen Menschenrechte werden nun auch Verstöße gegen wirtschaftliche, soziale und kulturelle Rechte dokumentiert. Das klingt ein bisschen so, als wolle amnesty die Welt von allen Übeln erlösen. "Nein, nein!", ruft Irene Khan und erklärt am Beispiel der von Israel besetzten Gebiete, was gemeint ist: "Unser nächster Report wird sich auch mit dem Recht der Palästinenser auf Arbeit befassen. Wie hat die israelische Politik der Abschottung dieses Recht beeinträchtigt? Für den normalen Palästinenser ist das Thema überlebenswichtig."