Das stetige Heranwachsen Europas zu einem alternativen Zentrum der Macht hat aber nicht nur eine wirtschaftliche Seite. Die EU-Mitglieder debattieren derzeit über die Verabschiedung einer gemeinsamen Verfassung sowie über die Ernennung eines einzigen Außenministers und eines direkt gewählten Ratspräsidenten. Die EU hat die USA als wichtigsten diplomatischen Vermittler auf dem Balkan abgelöst, und die EU-Erweiterung wird den Einfluss der Union auf ganz Mittel- und Osteuropa verstärken. Die europäischen Neumitglieder sind von der Entwicklung der Union zu einem Gegenspieler der USA zwar weit weniger begeistert als die alten EU-Staaten. Aber in dem Maße, wie die europäische Sicherheitsstruktur unvermeidlicherweise europäischer und weniger atlantisch wird, muss auch den Mitteleuropäern klar werden, dass es in ihrem eigenen Interesse liegt, ihr Gewicht in eine starke EU einzubringen.

Kein Zweifel, die Anstrengungen der EU, ihre militärischen Fähigkeiten zu vergrößern, bleiben weit hinter den Fortschritten auf der ökonomischen und politischen Ebene zurück. Aber es gibt auch hier ermutigende Anzeichen. Frankreich erhöht seine Verteidigungsausgaben um 20Prozent. Und unter dem Eindruck der Turbulenzen des Irak-Konflikts planen Deutschland, Frankreich, Belgien und Luxemburg neue Schritte zur Vertiefung ihrer Verteidigungsgemeinschaft.

Selbst bei optimistischsten Annahmen wird die EU Amerikas militärische Übermacht in absehbarer Zeit nicht infrage stellen können – wenn überhaupt jemals. Aber Europas Sicherheit wird in Zukunft in viel geringerem Maße von den Vereinigten Staaten abhängen als bisher. Das wird seine Unabhängigkeit fördern und seinem Willen, sich gegenüber Amerika zu behaupten, Auftrieb geben. Die Veränderungen auf der anderen Seite des Atlantiks sind ebenfalls von grundlegender Art. Statt seine Führungsrolle auf Konsens und die Zusammenarbeit mit internationalen Institutionen zu gründen, hat sich Amerika einem sturen Unilateralismus verschrieben. Der Grund ist nicht allein George W. Bush. Es gibt dafür tiefere Ursachen.

Der Unilateralismus ist ein fester Bestandteil der amerikanischen Kultur mit ihrer Fixierung auf Freiheit und Selbstbestimmung. Nach dem Ende des Kalten Krieges und seiner Gefahren, die Amerika an seine Verbündeten und an internationale Organisationen fesselte, setzt sich diese libertäre Tradition wieder durch. Das bodenständige amerikanische "Kernland" – es ist der am schnellsten wachsende Teil des Landes – bevorzugt solche populistischen Neigungen. Und der 11. September hat die Kräfteverhältnisse bei Wahlen auf viele Jahre hinaus nach rechts verschoben – es ist jetzt politisch gefährlich geworden, sich gegen die Falken zu stellen.

Die prägende geopolitische Entwicklung dieses Jahrzehnts wird deshalb voraussichtlich die Trennung zwischen einem aufstrebenden Europa und einem schwierigen Amerika sein, was zu einer inneren Spaltung des Westens führen wird. Zwar ist es unwahrscheinlich, dass die USA und die EU durch die Auflösung der atlantischen Allianz zu Feinden werden, mit Sicherheit aber entwickeln sie sich zu ausgeprägten Konkurrenten. Wegen der militärischen Unterlegenheit Europas wird es keine bipolare Welt geben. Weil sich Europa aber entschiedener gegen Amerika behaupten kann, wird die Welt auch nicht unipolar sein.

Zu Beginn des zweiten Jahrzehnts dieses Jahrhunderts wird sich die geopolitische Achse wahrscheinlich zum Pazifik hin verschieben. China entwickelt sich nach und nach zu einer erstrangigen Wirtschaftsmacht – möglicherweise mit entsprechender militärischer Stärke. Japan wird sich irgendwann aus der Rezession befreien und zum Aufstieg Asiens beitragen. Dieses Jahrhundert wird weder Amerika, Europa noch Asien gehören – sondern niemandem.

Somit tritt die Welt in eine Epoche des geostrategischen Umbruchs ein und nicht in eine Ära fortgesetzter US-Hegemonie. Veränderungen im System zwischenstaatlicher Beziehungen sind immer mit Gefahren verbunden; es ist daher unbedingt nötig, den Wandel zur Kenntnis zu nehmen und eine Strategie zu entwickeln, wie er friedlich bewältigt werden kann.

Eine effektive Strategie des Umgangs mit diesen Herausforderungen hat drei Bestandteile. Erstens muss Amerika wieder entdecken, dass der Multilateralismus zumindest einige Vorteile hat. Geschieht dies nicht, wird das internationale Gleichgewicht zusammenbrechen, und Europa und Amerika werden eine hässliche Scheidung statt einer freundschaftlichen Trennung erleben. Es kann sein, dass sich in den USA die vernünftigen Stimmen wieder Gehör verschaffen, auch wenn das politische Klima weiterhin von der Furcht vor dem Terrorismus durchdrungen bleibt. Sollten jedoch die Mechanismen der Selbstkorrektur versagen, obliegt es anderen, vor allem den Europäern, Amerika Zügel anzulegen.