Auf der Erde leben eine Menge "Sorgenkinder", die sich nicht an die globalen Spielregeln halten, üble Streiche aushecken und friedliebende Nachbarn ärgern. Diesen Zöglingen fehlt ein "Babysitter", der ihnen mit dem Stöckchen eins auf die Finger gibt und auf den Pfad der Tugend führt. Andere Weltenkinder darben im Hinterhof und wünschen sich nichts sehnlicher als die Freiheit. Doch wer schenkt sie ihnen? Die Alteuropäer? Gewiss nicht. Wer dann?

Fragt man Thomas P. M. Barnett, dann gibt es nur eine Macht der Welt, die willens und in der Lage ist, den "Babysitter" zu spielen und die Menschenrechte weltweit durchzusetzen: die Vereinigten Staaten von Amerika. Barnett, Professor am U. S. Naval War College und Berater von US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld, hat vor kurzem The Pentagon’s New Map veröffentlicht, eine Liste "künftiger Konfliktherde und Interventionspunkte". Barnett will die gefährlichen "Lücken" auf der Landkarte der Weltgesellschaft beseitigen und isolierte Länder einbinden, notfalls auch mit Gewalt. Eine Lücke, das ist für Barnett ein "Ozonloch" im Himmel der Globalisierung, und aus so einer Lücke kam al-Qaida. Deshalb bestehe Amerikas Mission darin, die "Lücken" an den freiheitlichen "Kern" anzuschließen, und zwar schon bald, in der "nächsten Runde von Auswärtsspielen des US-Militärs". Die Faustregel lautet: "Je weniger ein Land an der Globalisierung teilhat, desto eher wird es eine militärische Intervention der Vereinigten Staaten heraufbeschwören… Wir müssen Feuer mit Feuer bekämpfen." Barnett nennt es "Babysitting", und dann folgt, nachzulesen im Mai-Heft der Blätter für deutsche und internationale Politik, eine Liste von 16 Problemkindern, die unter Beobachtung stehen – darunter Iran, Nordkorea, Pakistan, Südafrika.

Diktatoren das Handwerk legen

Bei solchen Sätzen glaubt man seinen Augen nicht zu trauen. Konservative Intellektuelle, die vor kurzem noch Hohn und Spott über den Universalismus der Menschenrechte ausgegossen hatten, sind vom Saulus zum Paulus geworden: zu Kosmopoliten und Vorkämpfern für den "Fortschritt der Freiheit". Auch in Deutschland erhalten die Weltverbesserer Zulauf, so zuletzt von dem prominenten Neuankömmling Hans Magnus Enzensberger. Nicht dass "HME" je mit Despoten wie Saddam Hussein sympathisiert hätte, im Gegenteil. Aber Enzensbergers Buch Aussichten auf den Bürgerkrieg war eine gequälte Abrechnung mit dem Universalismus der Menschenrechte, für ihn das größte Gift, das je die Köpfe von Intellektuellen verlassen hat. "Es ist an der Zeit, sich von moralischen Allmachtsphantasien zu verabschieden."

Das war gestern. Heute ist von der Skepsis gegenüber "Traumtänzern" und universalistischen "Spinnern" nichts übrig geblieben. Überall, am besten sofort, sollen Freiheit und Menschenrechte, Markt und Demokratie durchgesetzt werden, und zwar nicht von der Völkergemeinschaft, sondern von den USA, dem Treuhänder der Freiheit. Dieser gentle civilizer, so formulieren es die Revolutionäre im Pentagon, soll in die Fußstapfen der zimperlichen UN treten, die in ihren Reihen mehr Schurken duldeten, als in einem Zuchthaus Platz fänden.

In der Tat: Was spricht dagegen, wenn die Folter abgeschafft und Menschenquälern das Handwerk gelegt würde? Wenn in Tschetschenien der Terrorismus wie auch der Staatsterrorismus ein Ende hätten? Wenn der chinesische Gulag beseitigt und aus Nordkorea ein freundliches Land würde? Was spräche dagegen, wenn alle Halb- und Volldiktaturen sich in Gesellschaften verwandelten, in denen man das Wort Freiheit aussprechen darf, ohne zu fürchten, auf immer zu verschwinden? Wenn die Todesstrafe, auch in den USA, abgeschafft würde? Und die barbarische Scharia dazu? Was spricht gegen eine Welt, in der Gerechtigkeit und kulturelle Verschiedenheit keine Gegensätze bilden und in der ein in Kinshasa geborenes Kind ähnliche Lebenschancen hat wie ein in Karlsruhe geborenes?

Dagegen spricht: nichts, nicht das Geringste. Der Sieg der Demokratie über autoritäre Repressionsgesellschaften wäre eine planetarische Umwälzung, ja ein ethischer Sprung in der Entwicklung der Menschheit. Und unterstellen wir, gegen alle Erfahrung mit der US-Politik in Lateinamerika, die neokonservative Vision meine es ernst und sei frei von machtpolitischem Zynismus, dann müsste man sagen: Es ist fabelhaft, dass Intellektuelle von der Morgenröte der Demokratie schwärmen und an eine Utopie erinnern, die aus den Köpfen verschwunden war, sogar bei den Restlinken, die sich von Systemtheoretikern einreden lassen, man dürfe die Welt nur verändern, wenn sie bleibt, wie sie ist.

Doch die Schwierigkeiten mit der neokonservativen Vision beginnen schon vor Sonnenaufgang. Sie beginnen damit, dass die Vereinigten Staaten einen bestimmten "Pfad" der Modernisierung exportieren: Einen Kapitalismus, der bereits im eigenen Land mit einer Sozialpolitik erkauft wird, die eines reichen Landes unwürdig ist und kein Vorbild für die Welt darstellt. Diese Behauptung stammt übrigens nicht von Attac. Sie stammt von Joseph Stiglitz, dem Nobelpreisträger für Wirtschaftswissenschaften, ehemaligen Chef-Ökonom der Weltbank und früheren Clinton-Berater. Die Globalisierung nach amerikanischem Muster, so Stiglitz in der Zeitschrift Lettre (Heft 60/03), habe "viele der Ärmsten in der Dritten Welt noch ärmer gemacht. Und selbst wenn es ihnen besser geht, haben sie das Gefühl, dass ihr Dasein unsicherer geworden ist."