Yadegar Asisi hat kaum geschlafen. Seine sonst so flinken hellbraunen Augen sind heute Morgen rot unterlaufen, er schnappt nach Luft zwischen den Sätzen. So kurz vor dem Ziel – und noch immer weiß er nicht, wie sein Traum aussehen wird. Ein Traum, den der Künstler seit zwei Jahren träumt. Für Asisi und ein Team entschlossener Männer ist heute der Tag der Wahrheit: Sie wollen das größte Panoramabild der Welt aufhängen. 32 Meter hoch, 106 Meter lang, darauf in 360-Grad-Rundumsicht zu sehen: der höchste Berg der Erde.

Noch liegt der Mount Everest im Baustaub. Eine ringförmige Wurst in grauer Plastikplane, eine Tonne schwer, inmitten von Bretterstapeln, Erdhaufen, Gabelstaplern. Akkuschrauber rattern, Hammerschläge hallen im mächtigen Rund des ehemaligen Gasometers Südost in Leipzig. Gerüstbauer, Hände in die Seiten gestemmt, blicken immer wieder mit gefurchter Stirn an der 16-stöckigen Konstruktion hinauf, an deren Oberkante 22 Elektromotoren verschraubt sind, mit denen das Kunstwerk hochgezogen werden soll. Im Gerüst verteilt, stehen die so genannten Rigger: Industriekletterer, behangen mit so vielen Seilen und Haken, dass sie selbst aussehen wie Bergsteiger. Sie werden Meter für Meter beobachten, wenn die große maßgefertigte Aluminiumtraverse in Richtung Decke fährt, an der Asisis Bild hängt. Zentimeterarbeit, denn das Gerüst "baucht". Bleibt der Ring an einem Vorsprung hängen, kann die ganze Konstruktion einstürzen.

Unter den Füßen knirscht Thüringer Marmorbruch

Es riecht nach Gas. Genauer, nach dem Geruchsstoff THT, der dem Gas beigemengt wurde. Das schwefelig-stechende Odeur sitzt noch immer in den Ritzen, obwohl der Gasometer seit einem Vierteljahrhundert außer Betrieb ist. Seit 1910 wurde direkt auf dem Gelände aus Braunkohle Stadtgas gewonnen. 56400 Kubikmeter zeigt der riesige Füllstandanzeiger draußen an der Backsteinwand. Bis vor kurzem war das Gelände eine DDR-typische Industriebrache mit eingeworfenen Fenstern und zugewucherten Wegen. Dann kam der "Herr Professor", wie Asisi hier heißt – und begeisterte die Stadtwerke für seinen Vorschlag.

"Absolute Ruhe, bitte!", ruft jetzt Christof Müller in die Runde und gibt das Signal, die Motoren zu starten. Seine Stimme krächzt zugleich aus einem Dutzend Funkgeräte. Auch Müller hat schlecht geschlafen. Auch er ist seit mehr als einem Jahr von Asisis Traum infiziert. Eine halbe Ewigkeit hat er in Materialprüfungsanstalten Stoffe zerrissen, um das richtige Gewebe zu finden: Nessel. An dem Ring hängen 115000 Euro. So viel hat es gekostet, das Bild bei Müllers Firma Big Image zu drucken. Besser gesagt: zu sprühen. Digital Airbrush heißt das Verfahren. Gerade mal 75 Liter Farbe waren nötig, um den Berg Chomolungma, wie er in Nepal heißt, abzubilden. Der Vermessungsingenieur George Everest, nach dem der Berg von den Briten benannt wurde, hat ihn nie gesehen. Wie wohl auch die meisten Besucher der Leipziger Ausstellung, die weder die 10000 Dollar Gebühr für einen Aufstieg zahlen können, welche die nepalesische Regierung mittlerweile verlangt, noch den Kick suchen wie so viele immer aberwitzigere Bezwinger des Berges. Einbeinige waren schon oben, Blinde, 16- und 66Jährige, manch einer ruft von oben die Familie an, andere fahren mit dem Snowboard herunter. Doch der Großteil der Menschheit sieht den Gipfel des Mount Everest höchstens mal aus dem Flugzeug.

Die Besucher in Leipzig werden imaginär im "Tal des Schweigens" stehen, vor sich den Gipfel, hinter sich die Nuptse-Wand. In der Realität werden sie auf einem 6,50 Meter hohen Podest in der Mitte des Gasometers stehen. Unter ihren Füßen knirscht dann thüringischer Marmorbruch, der funkelt wie Eis. Alle fünf Minuten wird die Lichtstimmung zwischen Tag und Nacht wechseln. Ein Kühlaggregat soll dafür sorgen, dass die Besucher zumindest frösteln.

Auch für Yadegar Asisi ist das Tal des Schweigens ein imaginärer Ort. Einmal hat er einen Aufstieg gewagt, "ein schlecht vorbereitetes Trekking", wie er sagt. Die Höhenakklimatisierung war zu kurz. Lange vor dem Gipfel bekam Asisi ein Lungenödem und eine Rippenfellentzündung, war monatelang außer Gefecht. Aber die Idee ließ ihn nicht los. "Ich bin eigentlich ein Langweiler", sagt er, "den man einfach im Atelier einschließen kann."

Asisi, 48, in Wien geborener, dezent sächselnder Iraner, in Leipzig aufgewachsen, seit 1978 als Architekt in Berlin West tätig, hat schon oft große Formate gewählt. Er ist von "Sehsucht" befallen. Wer Daniel Libeskinds Entwurf für Ground Zero als Panorama umsetzt oder auch mal ein Jahr an einem historischen Rom gemalt hat, den schreckt so leicht nichts mehr. "Man muss das Ergebnis im Auge haben", sagt Asisi mit seinem freundlichen Lächeln, das die Mühen des Aufstiegs und mehrerer gescheiterter Anläufe verrät. Zunächst sollte das Bild zum 50. Jahrestag der Everest-Erstbesteigung am 29. Mai in Oberhausen hängen, dann in London, schließlich in Göteborg.