Wo die Gewalt nistet

Der über 80-jährige Walter Laqueur ist der Nestor der Terrorismusforschung. In der siebziger Jahren erschienen von ihm zwei Studien zu Terror und Terrorismus, die mit Recht zu Standardwerken geworden sind. Laqueur versuchte nicht, Terror ein für alle Mal definitorisch festzulegen, sondern untersuchte terroristische Gewalt in ihrem historischen, gesellschaftlichen und politischen Kontext. Sein jüngstes Buch beschäftigt sich mit dem "neuen Terrorismus" und verzichtet weitgehend auf die Analyse von dessen historischer Herkunft und gesellschaftlichem Umfeld. Den Anlass bildet der 11. September 2001, und die Darstellung der Reaktionen darauf beansprucht den größten Raum.

Für Laqueur zeichnet sich der neue Terrorismus gegenüber dem alten durch drei Elemente aus: Erstens werden die Opfer völlig willkürlich beziehungsweise zufällig ausgewählt; zweitens spielt der "religiöse und politische Fanatismus" bei den Tätern eine wichtige Rolle, und drittens verfügen die neuen Terroristen über wirksamere Waffen bis hin zu "Massenvernichtungswaffen". Anhand von Fallbeispielen zeigt Laqueur, dass Terrorismus immer weniger an eine bestimmte Ideologie gebunden ist und von "nahezu jeder Gruppe innerhalb und … außerhalb des politischen Spektrums angewandt werden kann".

In einem Spannungsverhältnis, wenn nicht im Widerspruch dazu steht freilich Laqueurs Analyse des "islamischen Terrorismus", der weltweit agiert. Es gibt unbestreitbar einen Zusammenhang zwischen dem aktuellen Terrorismus und der Wiederbelebung von fundamentalistischen Lesarten des Islam. Aber Laqueur geht diesen Zusammenhängen nicht mit historisch präzisen Analysen nach, sondern setzt einigermaßen pauschal Islam, Islamismus, Terrorismus und den "Heiligen Krieg" (Dschihad) gleich. Für die Zukunft rechnet der Autor schlicht mit "der Ausbreitung des Dschihadismus". Die rustikale These beruht auf der Annahme, dass der religiöse Fanatismus durch "die Indoktrination" in Koranschulen gezielt gefördert wird und quasi automatisch in Terrorismus übergeht.

Das ist umso erstaunlicher, als der Autor einräumt, dass viele "islamistische Terroristen" nur rudimentäre religiöse Kenntnisse besaßen. Das gilt auch für den New Yorker Attentäter Mohammed Atta, der in seinem mysteriösen "Abschiedsbrief" elementare religiöse Sprachregeln verletzt. Interessanter als die Erklärung aus der Indoktrination ist der Hinweis, dass Attentäter in Ägypten, in Israel und in den besetzten Gebieten genauso wie in Frankreich sich während Aufenthalten in Gefängnissen politisch radikalisierten und nicht in Koranschulen.

Versuche, den gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und politischen Wurzeln des jüngeren Terrorismus nachzugehen, lehnt Laqueur ab und sieht in ihnen je nach Herkunft antisemitisch oder antiamerikanisch motivierte Ablenkungsmanöver und Verharmlosungen. Dass Terror überhaupt etwas mit Armut, Hunger, Arbeitslosigkeit und Hoffnungslosigkeit zu tun haben könnte, tut er als "hartnäckigen Glauben" ab, räumt jedoch ein, dass jene zur "Entstehung und Ausbreitung des Terrorismus beitragen". Den direkten Anteil westlicher Staaten und ihrer Geheimdienste bei der Stärkung von islamistischen Kämpfern wie den Taliban übergeht Laqueur diskret, spekuliert dafür über die Erklärungskraft "psychologischer Faktoren" beziehungsweise der "biologisch-genetischen Grundlagen".

Einleuchtender ist das Kapitel über die Selbstmordmissionen, die weder neu noch islamtypisch sind, wie Lauquer in seinem historischen Überblick zeigt. Freilich ist über die Herkunft der Täter und ihre Motivation wenig Präzises zu erfahren, und der Autor bleibt hier wie oft in seinem Buch auf Zeitungsnachrichten als Quellen angewiesen. Das ist ebenso riskant (aus der New York Times zitiert Laqueur ein dreijähriges Mädchen, das angeblich auch Selbstmordattentäterin werden wollte wie seine Tante) wie seine Vorliebe, das Abwägen von Argumenten in schwierigen Fragen mit einem "kurz" abrupt zu beenden: "Kurz, es gibt Terrorismus, aber auch Elemente eines Bürgerkriegs."

Der gravierendste Einwand ist konzeptioneller Natur: Laqueur hat kein Sensorium dafür, wie sehr Terror und Staat aufeinander reagieren. Terroristische Gewalt ist dadurch charakterisiert, dass jede Tat, durch die das politische Ziel nicht erreicht wird und meistens gar nicht erreicht werden kann, durch eine "größere" Tat überboten werden muss. Das gilt insbesondere in der Konkurrenz zur staatlichen Gewalt. Staatliche und terroristische Gewalt sind eingebunden in eine spiralförmige Bewegung der Überbietung von terroristischem Handlungszwang und staatlichem Aktionismus. Dieses Hochschaukeln von Gewalt und Gegengewalt lässt sich am Nahostkonflikt exemplarisch belegen.

Wo die Gewalt nistet