Man greift mit großen Erwartungen zu diesem Buch. Norman Mailer gehört nicht nur zu den herausragenden amerikanischen Schriftstellern des 20. Jahrhunderts, sondern hat auch politisch scharfsinnige Analysen zur geistigen Situation unserer Zeit verfasst – Armies of the Night etwa, seine 1968 publizierte Betrachtung der Seelenlandschaft einer vom Vietnamkrieg innerlich zerrissenen Nation, liegt heute noch um Längen vor den einschlägigen Studien professioneller Historiker. Einer wie er ist immer für Überraschungen gut. Allein deshalb, weil er sich empören kann und obendrein umso klarer sieht, je wütender er wird.

Und die Wut ist in jedem Satz spürbar. Mailer empört sich über einen aus dem Ruder laufenden Patriotismus, bigotte Medien, vor allem aber über eine politische Elite, die im Namen der Freiheit bürgerliche Freiheitsrechte usurpiert und den Ausnahmezustand zum Regelfall erklärt. Und dabei auch noch von einer Bevölkerung Zuspruch erfährt, der nach dem 11. September offenbar die Fähigkeit zum Hören und Sehen abhanden gekommen ist. "Es ist eine Sache, wenn man eine gewaltige Explosion hört. Aber es ist etwas ganz anderes, wenn man kurze Zeit später feststellt, dass man davon taub geworden ist." Genau hier liegt der Kern der amerikanischen Malaise. Wer sie verstehen will, muss fragen, welche Mechanismen am Werk sind, damit Gefühle der Ohnmacht in Fantasien von Allmacht umschlagen können.

Früher nutzte Mailer derartige Beobachtungen als Leitmotiv, mit dessen virtuoser Variation er sich die unterschiedlichen Facetten eines Themas erschloss. Der vorliegende Text trägt nicht die Spur solchen Bemühens. Vieles wird angesprochen und nichts zu Ende geführt – als hätte es der Autor mit Vorsatz auf eine Kakofonie angelegt. Dergleichen ließe sich noch etwas abgewinnen, wenn die Versatzstücke Überraschendes böten. Doch das meiste wurde bereits von anderen zornigen Zeitgenossen auf überzeugendere Weise gesagt. Mithin ist Mailers Anliegen bei Noam Chomsky, Michael Moore oder Gore Vidal in besseren Händen.

Diese Kritik sollte nicht als Urteil über den Schriftsteller Mailer missverstanden werden. Denn das vorliegende Buch ist eigentlich gar keines. Vielmehr handelt es sich um einen Flickenteppich, eilig genäht aus Interviews, die Mailer in den letzten Jahren gegeben hat, und ergänzt um längere Zitate ihm sympathischer Autoren der New York Times. Offensichtlich ging es dem amerikanischen Verlag darum, mit einem publizistischen "Schnellschuss" im Vorfeld des Irak-Krieges Kasse zu machen. Und von Mailer ist bekannt, dass er im Zweifel alle Augen zudrückt, wenn die politischen Umstände es gebieten.

Dass ein Buch in den USA zu einem bestimmten Zeitpunkt sinnvoll war, ist kein hinreichender Grund, es in unveränderter Form auf den deutschen Markt zu werfen. Aber offensichtlich erliegen hierzulande auch renommierte Verleger der Versuchung, sich mit allen Mitteln ihren Weg in die Bestsellerlisten zu bahnen. Man braucht nur einen großen Namen. Für den Rest nehmen sich hauseigene Werber und Texter die Freiheit, die sie brauchen – auch jene, das englische Original Why Are We at War? mit Heiliger Krieg: Amerikas Kreuzzug zu übersetzen. Die Leser können sich dieser Zumutung verweigern. Schade ist es um das Renommee des Autors. Denn über Norman Mailer sollte man alles sagen dürfen. Nur eines nicht: dass er ein überflüssiges Buch vorgelegt hat.