Ein Arbeiter-Revolutionskomitee übernimmt die Führung und stürmt mithilfe der erbeuteten Waffen am Nachmittag das nahe Gefängnis Bory - das zweitgrößte der Tschechoslowakei. Über hundert politische Häftlinge kommen frei; einem Großteil von ihnen gelingt später die Flucht über die Grenze nach Österreich und in die Bundesrepublik Deutschland.

Die politischen Parolen, welche die Luft erfüllen und Pilsens Hauswände bedecken, zeigen, wie der Protest von der Demonstration gegen die Misswirtschaft zum Aufstand gegen das Regime mutiert: "Wir fordern Lohnerhöhung!", "Wir fordern Preissenkungen!", "Weg mit der Ausbeutung der Arbeiter!", "Weg mit der roten Bourgeoisie!", "Weg mit den Kommunisten!", "Wir wollen Freiheit!", "Wir wollen freie Wahlen!", "Weg mit der Diktatur!", "Wir wollen eine freie Tschechoslowakei!", "Weg mit der Partei!", "Weg mit der Regierung!", "Weg mit den Henkern des Volkes!", "Tod den Sicherheitsleuten!", "Mörder!", "Verbrennt sie lebend!", "Faschisten, SS-Männer, Gestapoleute!", "Tod den Verbrechern!"

Rote Fahnen werden zerrissen, Parteibücher verbrannt. Der Hass der Menge konzentriert sich in erster Linie auf die Staatssicherheit und deren Konfidenten - man verprügelt Dutzende Geheimpolizisten, die Selbstjustiz fordert ein Todesopfer. Weitere Gewehre werden aus dem Arsenal des bereits eroberten Gefängnisses herbeigeschleppt. Der lokale Protest droht zum nationalen Fanal zu werden.

Die Regierung in Prag gerät in Panik. Auch in Kladno und Ostrau streiken jetzt die Arbeiter. Man beschließt, sofort mit Gewalt zu intervenieren. Kurz nach 20 Uhr erreichen zwei Polizeiregimenter, 8000 Mann stark, verstärkt um eine Armeeeinheit mit 2500 Soldaten und 80 Panzern, von Prag aus Pilsen. Doch die Arbeiter setzen sich zur Wehr: Sie versuchen, die Panzer mit Benzinflaschen in Brand zu setzen, und obwohl nur kümmerlich bewaffnet, gelingt es den Rebellen, neun Panzer gänzlich zu zerstören und weitere 20 anzuzünden. Es kommt zu einer regelrechten Straßenschlacht, aus vielen Häusern, Hauseingängen, von Dächern herab krachen Schüsse. Etliche Polizisten und Soldaten sterben, und auch an die 40 Aufständische werden getötet. Erst gegen zwei Uhr früh gelingt es den Prager Truppen, die Arbeiter aus der Stadtmitte zu verdrängen; einen Tag später, am Vormittag des 2. Juni, kapitulieren auch die Letzten, die sich auf das Skoda-Werksgelände zurückgezogen haben.

Es folgt eine massive Verhaftungswelle, der 650 Menschen zum Opfer fallen, ein angeblicher Anführer wird im Herbst 1954 hingerichtet. In Ostrau und Kladno fallen die Repressalien wesentlich milder aus, da sich die meisten Arbeiter dort, es waren zusammen mehr als 50 000 Menschen, bei ihrem Aufstand auf die Betriebsareale beschränkt hatten und nicht in die Stadt marschiert waren.

Ein blutiges Nachspiel gab es noch: In einem der vielen Straflager um die Uranbergwerke in Jáchymov (Sankt Joachimsthal), erfuhr eine Gruppe von 20 Häftlingen in den Frühstunden des 2. Juni von dem Pilsener Aufstand. In der Annahme, die Stunde der Freiheit sei angebrochen, fielen sie über ihre Wächter her, ermordeten drei von ihnen, raubten die Waffenlager aus und flohen mit 14 geladenen Maschinenpistolen in Richtung Grenze. Bevor sie diese erreichen konnten, wurden sie jedoch von einem Fahndungstrupp eingeholt, und es kam zu einer mehrstündigen Schießerei zwischen den verbarrikadierten Flüchtlingen und den im offenen Gelände operierenden Geheimpolizisten. Sieben Beamte starben. Auch neun der Häftlinge kamen um; den übrigen elf gelang die Flucht.

Trotz der drakonischen Reaktion des Regimes ergriffen Streiks und Demonstrationen weitere 19 Großbetriebe in Böhmen und Mähren (nur in der Slowakei blieb alles ruhig): die Schwerindustriebetriebe CKD in Prag (Ceskomoravsk  Kolben-Danek) und die CKD in Blansko, westlich von Brünn, die Eisen- und Hüttenwerke in Trinec und Bohumín, nicht weit vom Ostrauer Kohlenrevier, wo auch in den Hüttenwerken von Karviná (in der Nähe der polnischen Grenze) gestreikt wurde. Außerdem dabei waren die Automobil- und Rüstungswerke in Strakonitz, in Südböhmen, der Rüstungsgroßbetrieb in Brünn, das Chemie- und Munitionswerk in Pardubitz, die Skoda-Autofabriken in Jungbunzlau, die riesigen Hüttenwerke NHKD in Witkowitz bei Ostrau, der Komplex für Flugzeugmotorenproduktion in Jinonitz bei Prag, die Maschinenhersteller in Königgrätz und Olmütz, die Tatra-Werke in Koprivnice und die Waggonwerke in Studénka, beide Ostmähren, die Reifenfabrik in Otrokowitz bei Zlín, die Stalin-Werke - ein Chemiekombinat - mit ihren Standorten in Záluzí bei Brüx und in Oberleutensdorf und schließlich die Maschinenwerke in Gablonz.

Überall wurden die Streiks und Demonstrationen noch fast eine Woche fortgesetzt, bis in die Nacht vom 5. auf den 6. Juni. Insgesamt streikten in ganz Böhmen und Mähren rund 360 000 Arbeiter. Die Zahl derer, die dazu noch in den Städten auf die Straße gingen, blieb darunter; sie lag wohl bei einer Viertelmillion. Es war ein Aufstand, der den ganzen Staat erschütterte und in der Prager Machtzentrale eine tiefe Krise auslöste - die erste seit der kommunistischen Machtergreifung überhaupt.

Das wahre Gesicht des "Sozialdemokratismus"