Die Parteiführung musste erkennen, dass nicht nur die Arbeiter "staatsfeindlich" reagierten, sondern dass bei den Demonstrationen auch KPC-Mitglieder mitmarschiert waren. "In den Großbetrieben", stellten die Parteisekretäre auf einer Konferenz am 10. Juni erschrocken fest, "standen Kommunisten an der Spitze der staatsfeindlichen Aktionen, und die Volksmiliz weigerte sich, gegen sie einzuschreiten."

Staatspräsident Zápotocký bekundete seine Empörung, entschuldigte aber zugleich die Parteigenossen als vom Feind verführt: Die Unruhen seien das Werk "imperialistischer Agenten". Er deklarierte eine Politik der starken Hand, und mit Zustimmung der Gewerkschaftszentrale wurde beschlossen, die Anführer und Hintermänner entschlossen zu verfolgen. Zudem legte der Verteidigungsminister am 14. August, also zweieinhalb Monate nach den stürmischen Ereignissen, rigoros fest, dass jeder zukünftige Aufruhr oder Widerstand gegen die Staatsgewalt durch den Einsatz des Militärs sofort unterbunden werde.

Nun galt aber Pilsen als traditionelle Hochburg der tschechischen Sozialdemokratie, und in der Tat bekannte sich der Großteil der Streikenden zu der vor fünf Jahren offiziell liquidierten Partei (ähnlich wie in der DDR war sie mit den Kommunisten zwangsvereinigt worden). Anlass genug für die KPC, jetzt noch härter gegen die Sozialdemokraten vorzugehen. Die Kreissekretariate wurden angewiesen, "konsequent das wahre Gesicht der Reaktion, vor allem des Sozialdemokratismus, zu enthüllen". Und auch in ihren Thesen über die wirtschaftspolitische Lage in der CSR , die von der Parteiführung am 2. August 1953 gebilligt wurden, findet sich die Feststellung, dass die KPC "durch Träger der bürgerlichen Ideologie, vor allem des Sozialdemokratismus, deutlich geschwächt worden" sei.

"Die Reaktion in Pilsen", so kam die kommunistische Partei wenige Tage später, am 5. August, in einer Resolution endgültig zu dem Schluss, "bediente sich derselben Losungen, Methoden und Formen des Kampfes, wie dies später auch die Reaktion am 17. Juni in Berlin tat. Das beweist, dass ihr staatsfeindliches Auftreten von einem Plan westlicher Imperialisten geleitet worden war." Natürlich stimmte nichts davon - selbst dem Abschlussbericht der Pilsener Staatspolizei vom 23. August ist wörtlich zu entnehmen, dass es sich bei dem Streik und dem nachfolgenden Aufstand in der Stadt um eine unvorbereitete, ungeplante Aktion gehandelt habe. Es sei nicht das geringste Anzeichen für eine Steuerung aus dem Ausland zu erkennen.

Immerhin, ganz ohne Wirkung war die Empörung nicht geblieben: Schon am 8. Juni hatte das erschütterte Regime beschlossen, alle Anordnungen vom 31. Mai zurückzunehmen (mit Ausnahme der Währungsreform) und der erregten Bevölkerung mit einigen wenigen wirtschaftlichen Konzessionen entgegenzukommen. Insofern brachte der Aufstand auch einen durchaus greifbaren Erfolg.

Doch die eigentliche historische Bedeutung ist eine andere. Denn hier, im Übergang vom wirtschaftlich-sozialen Protest zum Widerstand gegen das System, zeigte sich erstmals das klassische Schema aller späteren Arbeiterunruhen im Ostblock - vom 17. Juni bis zu den Unruhen in Polen 1976, die schließlich, nach einer zweiten Streikwelle 1980, zur Gründung der freien Gewerkschaft Solidarnosc führen sollten. Zum ersten Mal wurde hier der Machtapparat eines Ostblockstaates mit dem Widerstand des Volkes, mit Massenstreiks und -demonstrationen konfrontiert. Und das Regime hatte erkennen müssen, dass nur Gewalt es retten konnte. Ein Arbeiterstaat aber, der auf die Arbeiter schießen ließ - das war der vollkommene moralische Bankrott.

Vor allem aber hatte sich erwiesen, dass das tschechische Volk auch nach bald 14 Jahren Diktatur (erst die Besetzung durch die deutschen Nazis, dann das kommunistische Regime) keine "apathische" Masse geworden war, sondern sich die Kraft zum Widerstand gegen Willkür und Diktatur bewahrt hatte. Der einsame Aufstand von Pilsen steht am Anfang des langen Weges der Staaten Osteuropas in die Freiheit. Und wenn wir heute zurückblicken, auf eine Zeit, die wir in all ihrer Absurdität und Wirrnis und Qual unseren Kindern schon mühselig erklären müssen, dann können wir mit Blick auf die Pilsener Arbeiter sagen: Sie waren die Ersten, sie gingen voran.

Der Autor ist Historiker und lebt in Heidelberg