Colin Powell brauchte nicht lange, um den Fall zu klären. Die Anschläge in der saudischen Hauptstadt Riad, stellte der amerikanische Außenminister unmittelbar nach den verheerenden Bombenexplosionen fest, trügen "die Handschrift von al-Qaida". Mindestens 34 Menschen starben, als eine Gruppe von vermutlich 19 Tätern in der Nacht zum 13. Mai drei Autobomben in verschiedenen Ausländer-Wohnvierteln der Stadt zündete. Vier Tage später, an einem Freitagabend, das gleiche Muster in Casablanca: Fünf fast zeitgleiche Detonationen erschüttern das Finanz- und Vergnügungsviertel der marokkanischen Hafenstadt und reißen 41 Menschen in den Tod. Al-Qaida-Terrorismus überall, im streng islamischen Saudi-Arabien genauso wie in Marokko, dem muslimischen Land, das als Erstes die Anschläge vom 11. September verurteilte? Wessen "Handschrift" wird da sichtbar?

Der marokkanische Justizminister beschuldigte eine Gruppe mit Namen Assirat al-Mustaqim ("Der Rechte Weg"), die 14köpfige Selbstmordmannschaft in Marsch gesetzt zu haben. Die meisten der Attentäter waren um die 20 Jahre alt. Der Rechte Weg war in Casablanca bis dahin eher als radikal-islamische Hinterhofbande bekannt. Im Februar vergangenen Jahres steinigten Anhänger der Gruppe in einem Armenviertel der Millionenstadt einen Mann, der sich nicht an die islamischen Gesetze, an die Scharia, gehalten hatte.

Falsche Bärte und Kalaschnikows

In Marokko schlugen also nicht jene gefürchteten arabischen Mudschaheddin zu, die während der achtziger Jahre in den Schützengräben von Afghanistan Bruderschaft schlossen. Aber was spricht dann für einen Anschlag von al-Qaida? "Handschriften" lassen sich nachahmen. Für simultane Bombenexplosionen besitzt alQaida kein Urheberrecht, auch andere Terrorgruppen haben sich dieser Methode in der Vergangenheit bedient. Und doch, die Mörder von Casablanca und Riad verbindet etwas mit Osama bin Laden, etwas, das dauerhafter zusammenschweißt als jede persönliche Bekanntschaft: die salafitische Lehre des Terror-Chefs.

Der Salafismus (von arabisch al-Salaf al-Saalih, "die frommen Vorväter") ist eine Rückbesinnung auf den frühen, vermeintlich reinen Islam. Um den unverdorbenen Urzustand der Generation des Propheten wiederherzustellen, so sehen es die Salafiten, haben sie jenen muslimischen Herrschern den Krieg erklärt, die sich nicht buchstabengetreu an der Scharia orientieren. Osama bin Laden ist ebenso ein Anhänger dieser puritanischen Minderheitslehre wie sein ebenfalls flüchtiger Stellvertreter Ayman al-Sawahiri. "Die modernen Salafija-Bewegungen", stellt der nordrhein-westfälische Verfassungsschutz in einem Dossier über al-Qaida fest, "wenden sich gegen den westlichen Kolonialismus beziehungsweise das, was sie dafür halten."

Der Anführer der Flugzeugentführer vom 11. September, Mohammed Atta, soll nach einem Bericht der britischen Times salafitische Bücher gelesen haben. John Walker Lindh, der "amerikanische Taliban", hatte im Jemen die salafitische Theologie studiert. Im August 2002 nahm die schwedische Polizei im Flughafen von Stockholm den 29 Jahre alten Kerim Chatty fest, weil er versucht hatte, eine Pistole im Staugepäck zu transportieren. Das Ziel des jungen Muslims war eine Salafiten-Konferenz in Birmingham.

Quintan Wiktorowiczq, Al-Qaida-Experte am amerikanischen Rhodes-College, hält eine "transnationale Salafiten-Bewegung" für die Bedrohung der Zukunft. "Wenn die Vereinigten Staaten verhindern wollen, dass sich die Salafiten weiter radikalisieren und eine Legion von Unterstützern für bin Laden produzieren, müssen sie die Ideologie der Bewegung verstehen." Die Affinität zu bin Laden macht die Salafiten-Szene zu "einem der größten Rekrutierungspools", glaubt Wiktorowiczq.

Das lässt sich derzeit vor allem an jenen drei Ländern zeigen, in denen islamische Terrorgruppen in den vergangenen Wochen Anschläge und Entführungen organisierten. Denn diese Gruppen eint auch ein gemeinsames Ziel: der Sturz traditionell prowestlicher arabischer Regime durch systematische Destabilisierung.

Algerien: Die salafitische Gruppe GSPC (Groupe Salafiste pour la Prédication et le Combat), die für die jüngsten Touristen-Entführungen in der Sahara verantwortlich gemacht wird, beruft sich auf islamische Gelehrte, die der Übermacht Europas durch ursprüngliche muslimische Werte beikommen wollen.

Saudi-Arabien: Hier zielten die Terroristen auf amerikanische, europäische und asiatische Investoren, die für den Wüstenstaat von eminenter Bedeutung sind. Die Saudis sind Herren über ein Viertel der nachgewiesenen Ölreserven der Welt, und Amerika ist einer der wichtigsten Importeure des Rohstoffs. Trotz des jüngsten Beschlusses Washingtons, seine Truppenpräsenz in Saudi-Arabien drastisch zu verringern, bleibt Riad ein Verbündeter der USA. Denn westliche Geschäftsleute wollen weiter Geld in Saudi-Arabien verdienen. Ihnen galten daher die Anschläge. Doch ums Leben kamen dabei auch ein Dutzend arabische Staatsbürger, darunter zwei Kinder. Ein Kolumnist der saudischen Tageszeitung al-Watan schrieb: "Das ist das saudische Manhattan."

Der Vergleich mit dem 11. September kommt nicht von ungefähr. Immerhin waren damals 15 von 19 Attentätern saudische Staatsbürger. Das Rekrutierungspotenzial ist groß : rund 25000 ehemalige Kämpfer, die aus dem Heiligen Krieg gegen das sowjetische Besatzungsregime in Afghanistan wieder nach Saudi-Arabien zurückgekehrt sind. Und die Zöglinge wohlhabender Familien, die in der Schule mit radikalen Ideen infiziert wurden.

Denn bis heute verbreiten vor allem Gelehrte aus Saudi-Arabien die salafitische Lehre der Einheit von Staat und Religion, von Wort und Tat. Das hat Tradition. In den zwanziger Jahren berief sich der Gründer des saudischen Königreichs, Ibn Saud, auf die salafitische Auslegung des Islams. Als er das radikale Potenzial dieser Strömung erkannte, ließ er die Fundamentalisten in den eigenen Reihen vom Militär beseitigen. Im Untergrund aber gärte die Salafija weiter. Im November 1979 besetzten 250 Salafiten die Große Moschee von Mekka und nahmen Pilger als Geiseln. Die Revolte endete in einem Blutbad, die meisten der Aufrührer wurden getötet.

Die saudischen Behörden wissen also seit langem um die Gefahr, doch sie bewegen sich erst seit kurzem. Immerhin. Kurz vor dem Anschlag vom 13. Mai enttarnten sie eine Terrorgruppe von fünf Dutzend Kämpfern. Die Verschwörer suchten das Weite, die Polizei kaperte ihr Arbeitsmaterial: falsche Bärte, Perücken, Ausweise, Waffen, Sprengstoff. Der wenige Tage auf die Razzia folgende Anschlag bewies, dass die Terrorgruppen zersplitterter und schwerer fassbar sind als bisher angenommen.

Marokko: Der marokkanische Rechte Weg gilt als Untergruppe der größeren Extremisten-Organisation Dschihad al-Salafi. Das Motiv der Destabilisierung scheint auch bei den Attentaten der maghrebinischen Salafiten durch. Der Bombenlärm von Casablanca zu Beginn der Urlaubssaison hallte in der ganzen Welt nach. Die marokkanische Tourismusindustrie fürchtet jetzt, den Rest des Jahres abschreiben zu können. Doch nicht nur die Wirtschaft ist getroffen. Nicht zufällig explodierten einige der Bomben an den letzten Orten jüdischen Lebens in Marokko. Noch wohnen rund 4000 jüdische Bürger von ehemals 300000 in Marokko. Die Beziehungen zu Israel sind für ein arabisches Land vergleichsweise gut. Nach der israelischen Anerkennung der PLO 1993 gehörte Marokko zu den arabischen Ländern, die schnell diplomatische Beziehungen mit Israel aufnahmen. Marokko ist bis heute das einzige arabische Land, das seinen Bewohnern eine doppelte Staatsbürgerschaft mit Israel erlaubt.

Sprengstoffgürtel statt Ehering

"Juden sind Bürger, Wahhabiten sind Mörder", riefen Demonstranten in der Hauptstadt Rabat am Tag nach den Attentaten. Auf der Straße waren die parlamentarische Linke und eine unabhängige Menschenrechtsorganisation. Am nächsten Tag beherrschten islamistische Gruppen die Straße. "Al-Islam dinuna; al-irhab aduwuna" – "Der Islam ist unsere Religion; der Terrorismus unser Feind", riefen ihre Anhänger vor dem marokkanischen Parlament. Dirigiert wurden die Sprechchöre von der gemäßigt islamistischen Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung (PJD), die in den Wahlen im vergangenen September ihre Sitzzahl im Parlament verdreifacht hatte. Auch die Bewegung Gerechtigkeit und Wohlfahrt verteilte Flugblätter. Obwohl illegal, ist Gerechtigkeit und Wohlfahrt die mitgliederstärkste islamistische Organisation in Marokko. In Rabat verurteilte die Gruppe am vergangenen Sonntag den Terrorismus jeglicher Couleur.

Doch ob diese Distanzierung gemäßigter Islamisten junge Salafiten und andere islamische Extremisten von Selbstmordattentaten abhalten wird, darf bezweifelt werden. Der deutsche Islamwissenschaftler Peter Heine glaubt ebenfalls, dass der Salafismus der Leitfaden einer neuen Generation von Al-Qaida-Aktivisten sein könnte. Vielen jungen Arabern (in Marokko sind 60 Prozent der Bevölkerung jünger als 30 Jahre) fehle neben einem Arbeitsplatz oftmals schlicht das Brautgeld zum Heiraten. Auf derart perspektivlose Jugendliche wirke der Salafismus besonders anziehend.

"Dass diese Lehre, die ursprünglich aus Saudi-Arabien stammt, einmal auf die Saudis zurückschlägt, haben sie sicher selbst nicht gedacht", sagt Heine. Bisher, räumt der Professor der Humboldt-Universität ein, sei diese Strömung nicht ausreichend beobachtet worden: "Die Islamwissenschaft hat die Reislamisierung regelrecht verschlafen. Zum einen natürlich, weil es schwierig ist, überhaupt Zugang zu Salafiten zu finden. Zum anderen galt die Beschäftigung mit dem Thema als politisch nicht korrekt. Ich habe das selbst gehört: ,Über so etwas forscht man nicht.‘"

Wo die nächsten Bomben explodieren könnten, hat Osama bin Laden auf einer Videokassette verraten, die im Februar verbreitet wurde. Darin verurteilte er die "vom Glauben abgefallenen" arabischen Staaten. "Die Muslime", sagte er, "müssen aufstehen, um sich von Regimen zu befreien, die Amerika versklavt hat: in Jordanien, Marokko, Nigeria, Pakistan, Saudi-Arabien und Jemen." Zwei Länder von dieser Liste, so scheint es, sind abgehakt.

Mitarbeit: Sonja Hegasy, Wissenschaftlerin am Berliner Zentrum Moderner Orient, derzeit in Rabat