Martina Haedrich, 55, will in Jena äthiopische Juristen ausbilden

Ein Jurist, der sich auf Friedensverträge spezialisieren würde, hätte nicht viel zu tun. Es kommt praktisch nicht vor, dass Kriege durch Friedensverträge zwischen Staaten enden. Sie enden meist schlicht damit, dass die Waffen schweigen. Ich trage als Rechtswissenschaftlerin auf andere Weise zum Frieden bei: Ich entwickle Ideen, nach denen man den Sicherheitsrat der Vereinten Nationen stärken und reformieren kann, oder ich arbeite an Vertragswerken mit, die die Menschenrechte schützen sollen.

Ich bin nicht nur Professorin für Völkerrecht, sondern auch für Öffentliches Recht. Das kommt mir in unserem aktuellen Projekt sehr gelegen. Wir arbeiten mit der Universität in Addis Abeba zusammen. "Regionale Selbstverwaltung" – das ist zwar ein trockenes Wort, und es klingt, als hätte es nicht viel mit Frieden zu tun. In diesem Fall will aber Äthiopien nach jahrelangem Bürgerkrieg mittels einer Verfassung, die ähnlich föderal ist wie die deutsche, Konflikte zwischen den einzelnen Völkern Äthiopiens umgehen. Dabei wollen wir nicht als die Besserwisser aus dem europäischen Westen auftreten. Unser Ziel ist es, unser Wissen weiterzugeben, indem wir Jurastudenten aus Äthiopien bei uns in Jena ausbilden. Im Herbst fahre ich zum ersten Mal nach Addis Abeba, das Projekt steckt noch in den Kinderschuhen.

Ich habe mich schon für das Völkerrecht interessiert, als ich begann, Jura zu studieren, das war im Jahr 1969 in Jena. Ich war fest davon überzeugt, dass man damit Unglaubliches bewegen könnte. Ich habe mein Faible jedoch lange verschwiegen, weil ich mich in der DDR leicht verdächtig gemacht hätte, dieses Interesse nur vorzutäuschen, um eine Gelegenheit zu bekommen, ins westliche Ausland zu reisen. Erst als ich beschloss, in Berlin im Fach Völkerrecht zu promovieren, war glaubhaft, dass ich mich aus wissenschaftlichen Gründen dafür interessierte.

Der Optimismus meiner ersten Studienjahre hat sich leider etwas gelegt. Das Völkerrecht ist in eine Krise geraten. Was mir aber Mut macht, sind meine Studenten. Zu meiner Einführungsveranstaltung in Völkerrecht kamen in den letzten Semestern eher mehr als weniger Studenten.