Allein schon der Geruch. Und dann die Oberfläche, glatt geschliffen und poliert: Sie fühlt sich so lebendig an. Oder die Optik, die unterschiedlichen Farbnuancen und die immer neue Maserung. Sabina Kahl* liebt die Arbeit mit Holz. Deshalb ist sie Tischlerin geworden und hat sich mitten im Kreuzberger Szene-Kiez selbstständig gemacht. In ihrer Werkstatt im Souterrain schneidet sie Bretter zu, sie hobelt, leimt und schraubt, baut Küchenschränke oder Regale. Und besucht zwischendurch schnell einen Kunden, um dort die Fenster zu reparieren.

Die Deutschen zeigen zu wenig Unternehmergeist? Die Existenzgründerquote ist zu niedrig? Die Menschen müssen flexibler werden und der Arbeitsmarkt auch? Die 35-Jährige hat sich das zu Herzen genommen. Weder klammert sich Sabina Kahl an das überholte Ideal vom unkündbaren Job auf Lebenszeit, noch wartet sie untätig, dass ihr das Arbeitsamt eine ebensolche Stelle vermittelt. Stattdessen zahlt sie Steuern und unterstützt das Solidarsystem, indem sie sich in einer gesetzlichen Kasse krankenversichert hat. Vorbildlich?

Nein, im Gegenteil. Eigentlich darf die Tischlerin ihren Lebensunterhalt gar nicht im Eine-Frau-Betrieb verdienen. Das ist ihr verboten. "Wenn mir die Innung auf die Schliche kommt", sagt sie, "dann machen sie mir die Werkstatt dicht." Denn ihr fehlt der Meisterbrief.

Der Zugang zur Selbstständigkeit ist für deutsche Handwerker streng reguliert. Wer keinen Meistertitel vorweisen kann, muss sich einen Job als angestellter Geselle suchen. Wem das nicht gelingt, weil seit 1995 die Zahl der Beschäftigten im Handwerk um rund 1,6 Millionen gesunken ist, dem bleibt nur die Stütze. Kann sich das Land solche starren Vorschriften angesichts von 4,5 Millionen Arbeitslosen noch leisten?

Nein, meint Arbeitsminister Wolfgang Clement. Deshalb nahm er sich die Handwerksordnung vor. Und legte jetzt einen Gesetzentwurf vor, der die Bestimmungen lockern soll. Die Lobby der etablierten Handwerksmeister ist bereits auf den Barrikaden. Sie hat Unterstützer bei der Opposition gefunden, die das geplante Gesetz im Bundesrat kippen kann. Schon arbeite die Union an einem Gegenentwurf, sagt Ernst Hinsken (CSU). Er leitet die Projektgruppe Novellierung des Handwerksrechts seiner Bundestagsfraktion und beharrt energisch auf der Meister-Vorschrift. Wenn es um die eigene Klientel geht, ist der Ruf nach einer Deregulierung des Arbeitsmarkts schnell vergessen.

Dabei ist der vorgelegte Entwurf bereits ein Kompromiss, der den Widerstand der Handwerkslobby dämpfen sollte. Ein "Zwischenschritt", wie es im Arbeitsministerium heißt. Die komplette Streichung des Meisterzwangs wäre wohl ein zu großer Sprung gewesen.

Jetzt sollen 62 der bislang 94 Berufe vom Meisterzwang befreit werden. Sie machen allerdings nur ein Drittel des Umsatzes und der Beschäftigten aus. Denn darunter sind Tätigkeiten wie Böttcher, Korb- oder Segelmacher. Aber auch der Maler: Künftig werden sogar Autodidakten ihre Dienste bei der Wohnungsrenovierung anbieten dürfen. Oder andere Handwerker erledigen das Streichen mit, damit der Kunde nicht verschiedene Betriebe beauftragen muss.

In den übrigen 32 Gewerben, darunter fast alle Bauberufe, seien "Leben und Gesundheit Dritter" bedroht, wenn die Arbeiten nicht sachgemäß ausgeführt würden, meint die Regierung. Sie bleiben weiterhin zulassungspflichtig. Allerdings, und das ist besonders umstritten: Wer zehn Jahre als Geselle in einem solchen Beruf tätig war, soll künftig ebenfalls ohne Meisterbrief den eigenen Betrieb eröffnen dürfen.