Dieses Reclam-Buch ist in so winzigen Lettern gedruckt, dass man zum Lesen eine dieser Lupen brauchte, wie ich sie neulich auf einem Foto gesehen habe: Ernst Jünger, wie er mit ihrer Hilfe eines jener kleinen Tiere betrachtet, die er noch hundertjährig gern jagte. Der Vergleich sieht weiter hergeholt aus, als er ist, denn gleich vorn im Buch, kaum hat mans aufgeschlagen, als Frontispiz – "…meist blattgroße ›Illustration auf der dem ›Titelblatt gegenüberliegenden linken ›Seite (›Bildertitel)", und nun also Seite : "Bez. für die vordere (Recto-S.) oder hintere (Verso-S.) eines ›Blattes (›Paginierung)", und also Blatt : "Das B. als Teil des ›Buchblocks entsteht aus dem ›Falzbogen (›Foliierung, ›Paginierung, ›Seite)" – und wenn Sie jetzt wieder Seite herholen und noch immer nicht wahnsinnig geworden sind, dann haben Sie dieses Buch verstanden; aber das nur am Rande –, denn (wegen der Lupe) gleich als Frontispiz vorn links im Buch ist nach einer alten englischen Vorlage der Bücherwurm (bookworm) abgebildet, er allerdings schon zwanzigfach vergrößert, dieser (Großer Meyer 1972) "Bücherbohrer (Bücherwurm, Gekämmter Pochkäfer, Ptilinus pectinicornis) ", der an sich nur 4 bis 5 mm groß werden dürfte, wenn es ihn gäbe; das heißt, es gibt ihn natürlich, aber er ist kein Bücherwurm, davon später.

Vorher ein Wort zu Gérard Genette, diesem großen Literaturtheoretiker, der 1987 das Buch geschrieben hat, zu dem jeder Vernünftige greift, wenn er wissen will, was ein Buch ist, und keine Lupe zur Hand hat, nämlich Paratexte. Das Buch vom Beiwerk des Buches , und er wird dieses Buch nicht mit den Palimpsesten (1982) desselben Verfassers verwechseln, in dem es mehr um Hypertext und Hypotext geht als, wie hier, um Para-, Peri- und Epitexte, wobei es sich so verhält, dass der Paratext sich "erschöpfend und restlos" (so Genette) zusammensetzt aus Peritext und Epitext – nun, das sind Scherze, Genettes Buch über die Paratexte ist wunderbar, es ist witzig, und wenn Genette den Versuch macht, den wissenschaftlich-spielerischen Versuch, vom Schutzumschlag bis zum Interview alles in ein Begriffssystem zu bringen, was zu einem Buch dazugehört (vom Text des Buchs abgesehen), dann führt er das alles so amüsant, materialreich und geistvoll vor, dass man hier selbst eine Lupe nicht verschmähen würde, wollte man auch die letzte Fußnote nicht verpassen.

Dem Schutzumschlag allein samt Zubehör (Bauchbinde etwa) widmet Genette acht wundervolle Seiten. Natürlich hat auch das Reclam-Buch Artikel über Schutzumschlag, Umschlag und so weiter, aber selbst wenn man den Verweiswahnsinn der Autoren mitmacht und zu Cover und andern Sachen gelangt, entgeht einem der Spaß, der, zufällig entdeckt, im Nackenbeißerroman oder dann, worauf der Nackenbeißer verweist, im Beißerroman steckt; das ist, neben dem Bücherwurm, einer der Höhepunkte des Buchs. Dieser Nackenbeißer- oder eben Beißerroman ist ein trivialer Unterhaltungsroman, benachbart dem Heftchenroman, meistens mit einem "grellen, verkitschten Cover" (so herum funktioniert der Verweis, nur eben nicht von Cover auf Beißer), gern mit halbnackten Paaren: "Der Mann beugt sich über die willenlos-beglückte Frau und nähert sich ihrem makellosen Nacken so, dass nicht definitiv zu entscheiden ist, ob ein Kuss oder ein Biss folgen wird." Auf solche Formulierungen mit ihrem leicht gesellschaftskritischen Gout muss man kommen; und dann das Beste: "Wissenschaftlich noch nicht ausreichend erforscht ist die Frage, inwieweit die häufig verwendeten Pferdemotive auf den Covern einen Hinweis auf die erotische Freizügigkeit des Inhalts geben."

Das hätten wir womöglich alles nicht gewusst. Was nun den Bücherwurm als reales Tier angeht, so tun ihn alle seriösen älteren Enzyklopädisten offenbar mit einem Lächeln ab, sie übergehen ihn schlicht; es gibt ihn nicht, ich glaube, selbst Reclam (womöglich ein zweites Mal?) scherzt hier, so wenig wir darauf gefasst sind. Als ich meinem Computer über Google den Ptilinus eingab, holte er ein altes Buch über die kleinen Schädlinge unserer Landwirtschaft herbei, und als ich ihn darin suchen ließ, lief er suchend so heiß, dass ich ihn nur gewaltsam zur Ruhe bringen konnte. Und als ich ihn später wieder anwerfen wollte, fragte er erst, ob es ihn wirklich überhaupt noch gebe.