Das größte Wunder in seinem Leben war vielleicht schon dieses: dass es bis heute gedauert hat. Unglaublich, wer da so lange unter uns lebte, in einem Dorf im Hochschwarzwald. Der Dichter Moses Rosenkranz wurde, und dies ist kein Druckfehler, im Jahr 1904 in der Bukowina geboren, jenem fernen Land des damaligen k. u. k. Reiches, aus dem so viele großartige deutschsprachige Dichter kommen. Er lebte in Bukarest (im Dienste der rumänischen Königin), verbrachte die Kriegsjahre erst im Ghetto von Czernowitz und dann, gemeinsam mit Paul Celan, im Lager Tabaresti-Cilibia, wo er die Blutfuge schrieb, eines der Bukowiner Gedichte, die Celan kurz darauf zu seiner Todesfuge inspirierten. Als die Bukowina sowjetisch wurde, kam er wieder ins Lager, zehn Jahre Sibirien wegen "Deutschenfreundlichkeit". Unter den vier bis fünf Sprachen, die in der Bukowina gesprochen wurden, hatte er sich das Deutsche erwählt, ein altertümliches, feierliches Deutsch, das mit unserem Gebrauchsdeutsch wenig gemein hat. 1961 kam er nach Deutschland und wurde kaum wahrgenommen. Seine Autobiografie Kindheit - Flaschenpost einer untergegangenen ostjüdischen Hochkultur - erschienen im Rimbaud Verlag, sollte man unbedingt lesen.