Aber man kann wohl sagen, dass es in einem Fußballverein Kontinuitäten gibt: beim Image, in der Spielweise, bei den Spielern, in den Köpfen der Zuschauer. Und dass diese Dinge sich gegenseitig verstärken und vermengen zu einem Appeal, der einen vielleicht anzieht und zum Fan werden lässt, ein Prozess, der so irrational ist wie das Verlieben.

Und hier wird es akademisch.

Letzten Sommer hat der Lehrstuhl für Jüdische Geschichte und Kultur an der Ludwig-Maximilians-Universität in München eine Konferenz zum Thema "Juden im europäischen Sport" veranstaltet. Einer der Teilnehmer war der junge Münchner Politologe Thomas Hauzenberger, der als Sechzig-Fan aufwuchs, der als Wissenschaftler aber dem Lokalrivalen nicht widerstehen konnte. Er hat eine Hausarbeit über die Geschichte des FC Bayern geschrieben und spielt mit dem Gedanken, ein Buch daraus zu machen: "Es mag eine wilde Idee sein, aber man könnte sich die Frage stellen, ob die Polemik, die notorisch gegen den FC Bayern vorgebracht wird, unwissentlich auf das Repertoire antisemitischer Topoi zurückgreift: das so genannte Bonzentum, der Vorwurf, dass die Erfolge der Bayern erkauft und nicht erkämpft sind, die Tatsache, dass der Verein niemals ein eigenes Stadion in einem bestimmten Stadtteil besaß, was man wiederum mit dem Topos der jüdischen Wurzellosigkeit assoziieren könnte – weltläufig statt beheimatet."

Natürlich kann man nicht behaupten, dass jemand, der die Bayern für einen unangenehm reichen Verein hält, der seinen Gegnern gern die besten Spieler wegkauft, ein Antisemit ist. Aber er steht möglicherweise in einer Tradition, ohne davon zu wissen, weil es eine Tradition ist, die, wie Hauzenberger es nennt, "beschwiegen" wird: "Sowohl als bad story bei 1860 als als good story bei Bayern."

Die Männer, die Kurt Landauer noch gekannt haben, treffen sich jeden Montag. Willi O. Hoffmann, 73, den sie zu seiner Präsidentenzeit Champagner-Willi tauften. Wiggerl Landerer, 65, der Mittelläufer, der 1960 zu Frankfurt wechselte (weshalb immer noch Fußballverrückte bei ihm zu Hause anrufen und fragen, wieso er damals den Verein verlassen hat). Rudolf Brandmaier, 75, der krummbeinige Rechtsaußen, der mit 17 in die erste Mannschaft aufgerückt ist, weil die Stammspieler im Krieg waren. Und Schorsch Bogeschdorfer, 63, der ein unbedeutender Fußballer war, aber ohne den der Fußball auf der Welt nicht derselbe wäre: Bogeschdorfer ist fünf Jahre vor Franz Beckenbauer in Giesing aufgewachsen. Und wenn die älteren Jungen auf den Straßen und Höfen gespielt haben, dann war er es, so geht die Legende, dem der kleine Franz die schwierigste aller Kinderfragen stellen musste. Darf ich mitspielen?