Neben dem energisch gestikulierenden Professor im T-Shirt und dem Zweimetermann mit dem ausgeleierten gelben Polohemd wirkt der Herr im Anzug mit Krawatte fast etwas zu korrekt gekleidet. Das ungleiche Dreigestirn hat sich im Vorraum des Konferenzsaals eines großen Kopenhagener Hotels versammelt, um darüber zu diskutieren, wie man die Neuzeitplage Computerviren in den Griff bekommen kann.

Der Mann im Anzug ist Rainer Fahs. Er betreut nicht nur als Sicherheitsexperte die Datennetze der Nato in Europa, sondern ist Vorsitzender des Eicar. Das Kürzel steht für European Institute for Computer Anti-Virus Research. In diesem weltweit einzigartigen ehrenamtlichen Zusammenschluss arbeiten Akademiker und Praktiker aus unterschiedlichen Disziplinen – vom Programmierer und Statistiker bis zum Psychologen – im Kampf gegen virtuelle Schädlinge. Seit 1991 verlassen die erfahrensten Computervirenforscher und -jäger Europas einmal im Jahr Universitäten und Unternehmenslabore, um sich auf Einladung von Eicar über den neusten Stand in Sachen digitale Schädlinge auszutauschen.

Fahs, der Schweizer Medienprofessor Urs E. Gattiker und der hünenhafte niederländische Programmierer Righard Zwienenberg gehören zu den Impulsgebern der Organisation. Sie laden Studenten ein und arbeiten gemeinsam an Abwehrsoftware. "Die Angreiferseite ist gut organisiert und tauscht laufend Informationen darüber aus, wie man am besten Viren schreibt", erklärt Fahs, "also haben sich Leute, die auf der Abwehrseite arbeiten, auch zusammengetan."

An dem Maiwochenende in Kopenhagen gibt es viel Diskussionsstoff für die rund 80 Konferenzteilnehmer, denn die Virenplage gerät außer Kontrolle. Das Unternehmen Internet Security Systems (ISS) meldet, dass die Zahl der Attacken im ersten Quartal 2003 zehnmal so hoch war wie im vergangenen Quartal. ISS registrierte 160,5 Millionen so genannte Security-Ereignisse: Internet-Würmer, aber auch PDA- und Handyviren und die besonders gefürchteten "hybriden Viren", die Computer über immer neue Kanäle angreifen.

Die Konferenzteilnehmer sind sich einig, dass die Virenjäger den Virenprogrammierern in Sachen Know-how weit überlegen sind. Nur jeder fünfte Schädling unter den bislang entdeckten 75000 Computerviren arbeitet überhaupt im Sinne der Erfinder. "Die meisten sind so schlecht, dass sie, wenn überhaupt, aus Versehen Schaden anrichten", sagt Righard Zwienenberg, der beim norwegischen Antiviren-Software-Hersteller Norman Data Defense arbeitet.

Trotzdem bereitet die bösartige Software den Virenjägern reichlich Arbeit: Seit über zehn Jahren springt Zwienenberg aus dem Bett und klemmt sich vor den Computer, wenn Mitarbeiter seines Arbeitgebers ihn alarmieren. Zeile für Zeile studiert er Virendateien, um ihre Funktionsweise zu entschlüsseln. Das erste Mal hat er das getan, als er sich im Studium über eine infizierte Diskette selbst einen Virus eingefangen hatte. "Dass so ein paar Zeilen mein System durcheinander gebracht haben, faszinierte mich", sagt er. Seither ist er Teil des "Wettrennens", wie er die Arbeit nennt. Den Wurm Nimba hat er als Erster identifiziert und klassifiziert, dazu einige Dutzend weitere Computerschädlinge.

Während viele Viren wegen technischer Mängel früh sterben, haben andere nur Erfolg, weil sie die Computernutzer austricksen: In der Hoffnung auf heiße Fotos oder Geheiminformationen klickten Tausende freiwillig auf eine Virusdatei mit dem Titel "Anna Kournikova" oder auf einen "Spy Pics" betitelten Schädling, der während des Irak-Kriegs durch die Netze geisterte. "Die Torheit der Computernutzer kann einen zur Verzweiflung bringen", sagt David Perry, Global Director of Education bei TrendMicro. Seit 25 Jahren tummelt sich der humorvolle Kalifornier mit dem ergrauten Vollbart und dem Wohlstandsbauch in der Branche. Bevor er sich ganz auf den Computer konzentrierte, entwarf er für die Punkband Flipper Plattencover und Bühnenrequisiten.

Perry hat für so gut wie jedes Antivirus-Unternehmen gearbeitet: Symantec, McAfee und nun TrendMicro. Wenn er in der Hotellobby oder im Chinarestaurant um die Ecke Hof hält, sammeln sich junge Programmierer um das Urgestein, um seinem Mix aus Hacker-Anekdoten, Branchen-Klatsch und High-Tech-Witzen zuzuhören. "Seit die ersten Viren Anfang der achtziger Jahre per Diskette verbreitet wurden, ist die Leichtgläubigkeit der wichtigste Verbündete der Virenautoren", warnt er.