Es geht in diesem Buch nicht um eine Biografie des Klemens Wenzel Fürst von Metternich, jenes Architekten des Wiener Kongresses von 1815 und der ihm folgenden langen Friedensperiode in Mitteleuropa. Interessant ist der österreichische Kanzler, dieser Virtuose der Denunziation und Einschüchterung all jener, die bis 1848 im Namen von Aufklärung und republikanischem Geist auftraten, für Wilhelm von Sternburg als eine historische Figur, an der ein Jahrhunderte währender Prozess von Modernisierung und Antimodernität in Deutschland messbar wird.

Spät kamen die Deutschen zur Einheit ihrer Nation, schwach waren die liberalen Kräfte, übermächtig dagegen die traditionalen Adelsgewalten, die lange dem Druck der Modernisierung zu widerstehen vermochten. Sternburg schließt sich dem Ensemble vertrauter historiografischer Leitthesen an, aber ihm gelingt ein gut geschriebener und originell argumentierender Überblick zu seinem Thema. Und vor allem – der Autor möchte jene Strukturen und Prozesse von Kontinuität und Diskontinuität in den Blick rücken, welche die deutsche Geschichte bis auf den heutigen Tag bestimmt haben.

Keine Rede könne davon sein, dass jenes von Freiheit, von Menschenrechten und vom bürgerlichen Republikanismus schwärmende 18. Jahrhundert ohne Wirkung geblieben sei. Bei aller Anerkennung der restaurativen Tendenzen und liberalen Enttäuschungen nach 1814/15 – Sternburg arbeitet zielbewusst und kenntnisreich die Wechselwirkungen von Beharrung und Fortschritt, von borniertem Nationalismus und aufgeklärtem Kosmopolitismus, von mutig-klugem Bürgergeist und stockiger Adelsmacht in der deutschen Geschichte heraus.

Eine seiner Einsichten besagt, dass die großen Gewalt- und Hass-Ideologien des 19. und 20. Jahrhunderts zuinnerst mit den kulturellen und politischen Modernitätsschwächen zusammenhängen. Wo die kulturelle Avanciertheit des deutschen Bürgertums ihre politische Ausstrahlung und Wirkung nicht finden konnte, begannen Prozesse der fanatischen Antimodernisierung um sich zu greifen. Sternburg kann diese These kenntnisreich an den politischen, intellektuellen und literarischen Entwicklungen in Deutschland dokumentieren und plausibel machen. Versagt hat der deutsche Konservatismus, diese Melange aus Junker-Arroganz und bourgeoiser Aufgeblasenheit, demnach spätestens um die Mitte des 19. Jahrhunderts, als er den beredten Liberalismus der 48er zu Fall brachte. 100 Jahre habe es dann gedauert, bis aus diesem Demokratiedesaster endlich ein Sieg werden konnte. Die Um- und Abwege bis dahin seien in diesem Land schrecklich, am Ende gar ungeheuerlich gewesen.

Manche Hypothek aus vergangenen Tagen werde, meint der Autor, noch im Heutigen sinnfällig. Doch als Übel rechtzeitig (wieder)erkannt, sollten sie künftig vermeidbar sein.

Wilhelm von Sternburg: Als Metternich die Zeit anhalten wollte
Unser langer Weg in die Moderne; C. Bertelsmann Verlag, München 2003; 352 S., 23,90