U ne mèche de défonceuse", sagt der blonde junge Mann streng. Er presst die Unterarme zusammen, richtet sie gegen eine imaginäre Wand und brummt los. Roman Hövel hat verstanden. "Mesch dö defonsöss", echot er. Dann ist es an seinem Tandempartner, den deutschen Begriff zu lernen – Fräsbohrer. Die beiden 18-Jährigen absolvieren einen Kurs der besonderen Art: Neun Azubis aus Euskirchen und dreizehn angehende Tischler aus Paris sitzen zusammen und bringen sich gegenseitig ihre Muttersprache bei. Dabei geht es nicht um Banales wie "bitte" oder "bonjour", sondern um Fachvokabular, das selbst Dolmetscher ins Grübeln brächte. Alles Weitere, so hoffen die Betreuer, schnappen die Jugendlichen nebenbei auf, bei drei Wochen gemeinsamer Arbeit in der Lehrwerkstatt, in den Gastfamilien und später beim Gegenbesuch in Deutschland.

Tischlern in der Provence

Die Euskirchener gelten als Exoten – nicht nur hier im Lycée Professionnel Technique Privé St. Nicolas, sondern auch zu Hause. Denn während rund 13 Prozent der Hochschüler für einen Studienaufenthalt ins Ausland gehen, sammelt gerade mal ein Prozent aller deutschen Azubis internationale Erfahrungen. Und darin eingerechnet sind bereits solche Jugendliche, die als angehende Hoteliers oder künftige Fremdsprachensekretärinnen um ein Auslandspraktikum gar nicht herumkommen. Immerhin: In den letzten Jahren ist ihre Zahl stark gestiegen, zwischen 1998 und 2001 hat sie sich sogar verdoppelt. Auf rund 6500 jährlich schätzt Susanne Burger, Leiterin des zuständigen Referats beim Bundesbildungsministerium, die Zahl der Lehrlinge, die pro Jahr an einem Austauschprogramm teilnehmen. Nicht mitgezählt sind dabei Azubis, die von ihrem Arbeitgeber auf Firmenkosten in die Ferne geschickt werden.

Eine fremde Sprache zu lernen ist nur ein Grund für den Trip ins Ausland. Die Azubis kommen mit einer fremden Kultur in Berührung und knüpfen Kontakte zu potenziellen Arbeitgebern und Geschäftspartnern. Vor allem aber lernen sie andere Arbeitsweisen kennen. So üben die Euskirchener in der gut ausgestatteten Pariser Privatschule den Umgang mit computergesteuerten Maschinen. Im Gegenzug werden die Franzosen ihre Hände in ungewohnter Feinarbeit trainieren. "So ein Austausch bietet Gelegenheit, Techniken kennen zu lernen, die im eigenen Land gar nicht bekannt sind oder nicht mehr praktiziert werden", sagt Frank Pawlik, Geschäftsführer des Berufsbildungszentrums für die Bauwirtschaft (BZB) in Krefeld, das seit 1995 Austauschprogramme für Azubis organisiert. Im italienischen Assisi halfen Nachwuchsmaurer aus dem BZB zum Beispiel, eine alte Natursteinmauer instand zu setzen. Sie mahlten Steine und stellten daraus originalgetreuen Mörtel her. Und sie lernten, Naturbrocken exakt in das alte Mauerbild einzupassen. Nicht nur das Können wuchs in den drei Wochen, sondern auch das Selbstvertrauen. "Die Lehrlinge kamen als völlig neue Menschen zurück. Sie sind stolz auf das, was sie geleistet haben, und sehen ihren Beruf mit ganz anderen Augen", beobachtet Pawlik.

Gute Erfahrungen hat auch Mirja Aubel gemacht. Sie arbeitete im Frühjahr 2001 für drei Monate im Provence-Städtchen Draguignan. Ihren Ausbildungsplatz in der Tischlerwerkstatt des WDR hatte sie mit einem jungen Franzosen getauscht, organisiert wurde das Programm von der Handwerkskammer Köln. Erst nahmen die Kollegen in der Tischlerei sie nicht so recht für voll, doch die patente Rheinländerin ließ sich nicht unterkriegen: Sie schleppte schwere Bohlen, fertigte als Abschluss-Stück eine ganze Küche und nahm am Ende sogar ein Jobangebot mit nach Hause. Die mittlerweile 23-Jährige weiß genau, was ihr der Auslandsaufenthalt gebracht hat: "Ich bin mutiger geworden", erzählt sie. "Früher habe ich Risiken gescheut. Heute bin ich viel gelassener und sage mir: Warum nicht mal was ausprobieren, wenn sich die Chance ergibt?"

Mit Abitur und drei Jahren Schulfranzösisch waren ihre Startbedingungen besser als bei anderen. Die Teilnehmer des BZB-Programms haben zumeist Hauptschulabschluss, sind jedoch sorgfältig ausgewählt – die Einrichtung schickt nur solche Azubis ins Ausland, die als besonders engagiert und begabt aufgefallen sind. Das Berufsbildungszentrum Euskirchen (BZE) demonstriert dagegen, dass nicht nur Vorzeigelehrlinge von einem Austausch profitieren können. Während Roman Hövel nur für einzelne Seminare ins BZE kommt und ansonsten in einem normalen Betrieb lernt, absolvieren die anderen Teilnehmer ihre gesamte Ausbildung im Berufsbildungszentrum. "Das sind Jugendliche, die große Probleme haben. Die in ihrem Leben oft gehört haben: Du bist schlecht", erklärt der Betreuer, Tischlermeister Rudolf Specht. "Hier in Paris machen diese Jugendlichen positive Erfahrungen. Sie behaupten sich, sie schließen neue Freundschaften. Das gibt Selbstbewusstsein."

Nach einer Umfrage von Infratest Sozialforschung im Auftrag des Bundesinstituts für Berufsbildung interessieren sich mehr als 60 Prozent der Azubis und jungen Arbeitnehmer für einen Auslandsaufenthalt. Dass trotz des großen Interesses nur so wenige wirlich fahren, liegt an zahlreichen Hindernissen. Zunächst muss überhaupt ein passendes Austauschprojekt existieren. Abgesehen von einem Stipendienprogramm des Deutsch-Französischen Jugendwerkes und dem neu eingeführten Programm "Sprungbrett ins Ausland", gibt es keine Fördermittel für einzelne Bewerber – EU- wie bilaterale Mittel können nur von Veranstaltern beantragt werden, die eine ganze Gruppe über die Grenze schicken wollen.

Das Problem sind die Chefs