Wer sich die Welt, wie John Berger es vorschlägt, als weißes Blatt Papier vorstellt, fängt beim Überschaubaren an. Der Essayist Berger betrachtet allerdings das Blatt von der anderen Seite. Ihn interessiert nicht die gezeichnete Linie, sondern der Schatten, den die gezeichnete Linie auf das Blatt wirft. Jede Zeichnung, sagt Berger, ist von Schatten umflossenes Licht. Wer sich das vorstellt, versteht den Mann, der sein privates Leben komplementär zu seinem sehenden Denken gesteuert hat.

Da der 1926 in London geborene John Berger kein Maler wurde, aber immer Maler geblieben ist und über diesen Prozess auch im neuen Essayband Gegen die Abwertung der Welt schreibt, wurde er Kunstkritiker in London. Und das war wohl eine der besten Ideen, die er jemals hatte. Der im 1981 im Wagenbach Verlag erschienene kleine Band über Das Leben der Bilder oder die Kunst des Sehens ist ein stiller Bestseller, ein Augenöffner, der vom Elefanten-Reiten im Zoo den Bogen zu Walt Disney und Giacometti spannt und gar keine Hemmungen hat, Dampf, Schaum und Wasser auf William Turners Bildern mit Dampf, Schaum und Wasser in einem Londoner Barber Shop gleichzusetzen. John Berger sieht Bilder nicht losgelöst vom Lebenszusammenhang. Er ist kein Theoretiker. Er tut etwas sehr Einfaches, beinah Kindliches, er befragt die Bilder. Nach dem Untergrund, auf dem Frida Kahlo ihre glatten Bilder malte, nach Michelangelos sexueller Obsession, nach dem sinnlichen Verlangen, das Maler wie Rembrandt oder den Bildhauer Constantin Brancusi angetrieben hat. Die neue Textsammlung (genaue Angaben über Erscheinungsort und Erscheinungsjahr fehlen, eine grassierende Unsitte), ist eine Zusammenfassung dessen, was den ganzen John Berger ausmacht. Denn, das muss dazugesagt werden, zu seiner Überzeugung, dass ein Werk nicht ohne das Leben und die Zeit, in dem es entstanden ist, analysiert werden sollte, gehört, dass er sein eigenes Leben so führt, wie es zu seinen ästhetischen Gedanken passt.

Weil er sich eine Zeit lang dem Kommunismus nahe fühlte, verließ er das bourgeoise London und siedelte in der rauen Savoyer Landschaft, schrieb über die Erfahrungen des Landmanns das Buch Sau Erde , schrieb Liebesgeschichten und tragische Geschichten, verfasste Theater- und Hörstücke, führte Interviews. Im Zentrum all seiner Fragen auslösenden Gedanken steht das betrachtende Auge und der "zurückgegebene Blick". Wenn Kritiker von der "Innigkeit" im Werk Rembrandts schwärmen, sagt Berger: "Nein", Rembrandts Bilder sind "fleischliche Bilder". Er liebt den Widerspruch nicht aus Rechthaberei, sondern zur Klärung. Der Fanatiker in ihm will die einzige richtige Antwort finden, die von den Künstlern von Tizian bis Rembrandt, von Morandi bis Frida Kahlo in ihrem Werk formuliert wurde.

Im neuen Band taucht Bergers Lieblingsbegleiter, der Hund wieder auf, den Berger-Leser aus dem Roman King kennen. Es klingt ein bisschen wie Heiligenschänderei, wenn er behauptet, dass wir vor vollendeten Gemälden innehalten wie vor einem Tier, das uns betrachtet, und sagt, dass wir das Gesicht einer Sache nur sehen, "wenn sie uns anschaut". Und da ist unbedingt etwas dran.

Neu ist eine leicht depressive Haltung gegenüber unserer Welt schnell laufender Bilder und des "Profits". Wenn Berger in einer Zeitdiagnose davon spricht, dass wir heute mitten in einem Spektakel leerer Masken und ungetragener Kleider leben, dann bleibt diese weinerliche Haltung hinter seinen Standards zurück. Die schönsten Texte sind unangestrengte Überlegungen zu den Brüchen (die man erst einmal erkennen muss), im Werk von Edgar Degas, Brancusi und Morandi, und dann beschreibt er Ferrara und den Po, und es treffen die Filme Michelangelo Antonionis und die verwegenen Bilder des Renaissancemalers Cosmé Tura aufeinander und ergänzen sich. Denn John Berger behandelt Ferrara wie ein Bild und kommt zur Einsicht, "eine Stadt wie eine Glasvitrine" vor sich zu haben, und das Klima dieses Ortes ist richtig benannt. Genauso überraschend nähert er sich Bildern und Person Frida Kahlos.

In vielen Essays ist von der Zeit die Rede. John Berger geht einen neuen Weg, Zeit zu beschreiben. Ähnlichkeit findet er als anderes Wort für Gegenwart. Ähnlichkeit auf Bildern, behauptet Berger, kann man sogar erkennen, wenn man das Modell oder ein Bild des Modells nie gesehen hat. Und weil Wahrnehmung für ihn eine detektivische Lust ist, die er von Augustinus gelernt haben könnte, der im 12. Buch seiner Bekenntnisse von der Weigerung seines Verstandes berichtet, "hierüber meinen Geist zu befragen", ist Berger fast immer als passionierter Entdecker unterwegs.

In der Essaysammlung Gegen die Abwertung der Welt zeigt John Berger viele seiner Seiten, den Rebell aufseiten der Armen, den vehementen Sensualisten, einen Mann, der nicht um die Ecke, sondern von unten nach oben denkt und sieht und für den die Vergangenheit nichts Abgeschlossenes ist. Man liest die Essays, und der Geist fliegt mit. Ein schöner Ausflug.