Es ist schwül, es hat geregnet, Thüringens Himmel ist grau meliert. Der Kurs ging 189 Kilometer durch die Mitte Deutschlands, und nach über vier Stunden kommen, unter dem Beifall der Zuschauer am Straßenrand, einhundertsechzig Fahrer ins Ziel. Schreie, Rufe, Jubel, die Fotografen, Kameraleute und Zeitungsreporter laufen in den Zielraum, bevölkern, dicht am Absperrgitter, den Fahrer im mintgrünen Trikot. Man hört die Fotoapparate surren, das Klicken der Auslöser. Autogrammjäger kommen, ein Schulterklopfer, all das dauert Minuten, der Fahrer ist nicht zu sehen, die Traube ist zu dicht und nach oben hin zu. Zwanzig Meter entfernt lehnen an ihren Rädern Sieger und dritter Sieger des Rennens und unterhalten sich. Dann rollt, abgeschirmt von rennenden Security-Mitarbeitern in blauen Jacken, der Umlagerte an ihnen vorbei, schwitzende Kameraleute und Fotografen hinterher, eine Frau hinter der Absperrung hält die Digicam hoch, "Ulle! Ulle!" läuft, ohne Rücksicht auf Flüche und kleine Prellungen, parallel hinter dem Gitter durch die Menge.

Wenig später steht es offiziell fest: Jan Ullrich ist am vergangenen Samstag Sechzehnter geworden beim 78. Radklassiker Rund um die Hainleite in Erfurt.

Während der Deutschlandhymne für den Gewinner ist Ullrich schon auf dem Weg ins Hotel. Im Presseraum schreiben die Journalisten auch über den Sieger, den Zweit- und Drittplatzierten, im zweiten Absatz, mit einigen wenigen Zeilen.

Den ersten Absatz beginnen sie in einer Art Erleichterung, Hoffnung, Sensation und Verklärung: Jan Ullrich ist wieder da! Am 5. Juli wird er bei der Tour de France starten.

Der Mythos schlüpfte 1996. Der Mythos des Industriefeinmechanikers, des braven, liebenswürdigen, ehrlichen Wunderkindes, das sich, den Gegner, die Natur und die Geschichte besiegt hatte, ohne Skandal, ohne Allüren. Der Mythos "Ulle" aus Rostock, der später in Berlin, Hamburg und Südbaden lebte.

Der Mythos vom Ruhepuls 32 und 500 Watt Maximalleistung.

Als Jan "Ulle" Ullrich bei der Tour de France 1996 Zweiter wurde und das Rennen, 23-jährig, im Jahr darauf als erster Deutscher überhaupt gewann, öffnete er den Raum für individuelle Euphorie, Kollektivberauschung und Übertreibungslyrik. Die sportbegeisterten Journalisten dankten ihm den eigenen Rausch, die steigende Eigenbedeutung und das dazugewonnene Sendevolumen mit Protektion und Überschwänglichkeit - und wie im Falle Boris Becker zehn Jahre zuvor begann eine ganze Sportart ins öffentliche Bewusstsein zu schießen, der Tagesrennzirkus erlebte bis dahin ungekannte Publizität und Zulauf, die Zahl der Jedermannsrennfahrer schwoll an, man sah begeisterte Freizeitradler auf ihrer Invasion der Republik in gelben oder magentafarben en Trikots. Der neue Held bescherte der Deutschen Telekom den Ruf des erfolgreichsten Sportsponsors der Republik. Die öffentliche Aufmerksamkeit, die Ullrich und sein Team dem Konzern verschafften, beziffert die Telekom auf 200 Millionen Euro Werbewert pro Jahr.