Es ist schwül, es hat geregnet, Thüringens Himmel ist grau meliert. Der Kurs ging 189 Kilometer durch die Mitte Deutschlands, und nach über vier Stunden kommen, unter dem Beifall der Zuschauer am Straßenrand, einhundertsechzig Fahrer ins Ziel. Schreie, Rufe, Jubel, die Fotografen, Kameraleute und Zeitungsreporter laufen in den Zielraum, bevölkern, dicht am Absperrgitter, den Fahrer im mintgrünen Trikot. Man hört die Fotoapparate surren, das Klicken der Auslöser. Autogrammjäger kommen, ein Schulterklopfer, all das dauert Minuten, der Fahrer ist nicht zu sehen, die Traube ist zu dicht und nach oben hin zu. Zwanzig Meter entfernt lehnen an ihren Rädern Sieger und dritter Sieger des Rennens und unterhalten sich. Dann rollt, abgeschirmt von rennenden Security-Mitarbeitern in blauen Jacken, der Umlagerte an ihnen vorbei, schwitzende Kameraleute und Fotografen hinterher, eine Frau hinter der Absperrung hält die Digicam hoch, "Ulle! Ulle!" läuft, ohne Rücksicht auf Flüche und kleine Prellungen, parallel hinter dem Gitter durch die Menge.

Wenig später steht es offiziell fest: Jan Ullrich ist am vergangenen Samstag Sechzehnter geworden beim 78. Radklassiker Rund um die Hainleite in Erfurt.

Während der Deutschlandhymne für den Gewinner ist Ullrich schon auf dem Weg ins Hotel. Im Presseraum schreiben die Journalisten auch über den Sieger, den Zweit- und Drittplatzierten, im zweiten Absatz, mit einigen wenigen Zeilen.

Den ersten Absatz beginnen sie in einer Art Erleichterung, Hoffnung, Sensation und Verklärung: Jan Ullrich ist wieder da! Am 5. Juli wird er bei der Tour de France starten.

Der Mythos schlüpfte 1996. Der Mythos des Industriefeinmechanikers, des braven, liebenswürdigen, ehrlichen Wunderkindes, das sich, den Gegner, die Natur und die Geschichte besiegt hatte, ohne Skandal, ohne Allüren. Der Mythos "Ulle" aus Rostock, der später in Berlin, Hamburg und Südbaden lebte.

Der Mythos vom Ruhepuls 32 und 500 Watt Maximalleistung.

Als Jan "Ulle" Ullrich bei der Tour de France 1996 Zweiter wurde und das Rennen, 23-jährig, im Jahr darauf als erster Deutscher überhaupt gewann, öffnete er den Raum für individuelle Euphorie, Kollektivberauschung und Übertreibungslyrik. Die sportbegeisterten Journalisten dankten ihm den eigenen Rausch, die steigende Eigenbedeutung und das dazugewonnene Sendevolumen mit Protektion und Überschwänglichkeit - und wie im Falle Boris Becker zehn Jahre zuvor begann eine ganze Sportart ins öffentliche Bewusstsein zu schießen, der Tagesrennzirkus erlebte bis dahin ungekannte Publizität und Zulauf, die Zahl der Jedermannsrennfahrer schwoll an, man sah begeisterte Freizeitradler auf ihrer Invasion der Republik in gelben oder magentafarben en Trikots. Der neue Held bescherte der Deutschen Telekom den Ruf des erfolgreichsten Sportsponsors der Republik. Die öffentliche Aufmerksamkeit, die Ullrich und sein Team dem Konzern verschafften, beziffert die Telekom auf 200 Millionen Euro Werbewert pro Jahr.

Die Luft steht, schwül ist es in Erfurt-Linderbach. Im Hotel Linderhof soll eine Hochzeit stattfinden. Betreuer des Teams Bianchi tragen verschwitzte Trikots in Netzen heraus, die Braut kommt herein. Auf der Massagebank in Zimmer 210 liegt Jan Ullrich und sucht einen genehmen Fernsehsender. Sein Händedruck ist fest.

"Hi, grüß dich ... setz dich", sagt Ullrich, sein Du ist das Sie der Sportbranche. Man nimmt es an.

"Was für ein Auftrieb heute ..."

"In Deutschland sind die meisten fixiert auf mich, das ist so. Zabel und ich.

Da guckt dann wirklich jeder auf dich."

"Nervt der Trubel?"

"Ja, manchmal zehrt das schon. Wenn alle anderen mit den Beinen hoch im Bett liegen, geb ich noch Interviews, steh noch rum und muss reden. Aber zum Glück ist es so, es könnte ja auch schlimmer sein - wenn keiner was will, läuft es meist nie so gut. Es gehört zu meinem Beruf. Ich hatte fünf Jahre Zeit, mich daran zu gewöhnen."

Im Jahr 1997 wurde Jan Ullrich als "weltbester Radsportler" ausgezeichnet, wurde zum deutschen "Sportler des Jahres" gewählt, erhielt den Goldenen Bambi der Bunten, die Goldene Henne des mdr, er war der beliebteste deutsche Sportler, er war der Sportler überhaupt, der erste gesamtdeutsche Mythos.

Weil das Land Helden braucht und verbraucht, gibt es Jan Ullrich. Oder andersherum: Jan Ullrich könnte der Held sein, in dem sich das Land erkennt.

Er quält sich exemplarisch, leidet stellvertretend, er ist außeralltäglich und doch einer von uns. Wir genießen die entstehende Nähe und schwelgen im Pathos der Distanz, wenn er hinaufsteigt, den seelenlosen Mont Ventoux, den legendären Col du Galibier auf 2600 Meter - mit 13 Kilometer Schlussanstieg bei 8 Prozent Steigung in 21 Kehren -, und wenn er mit der Ankunft auf den Champs-Elysées belohnt wird, belohnen wir uns mit. Denn sein Sieg ist unser Sieg, ein kleines ethisches Heil im kühl verwalteten Leben. Zum kollektiven Helden wird jemand, wenn über ihn ein Mythos erzählt wird.

Der Mann, den sie "Ulle" nennen, verkörpert Askese und Leistung Wenn das Laktat in die Muskeln schießt, geht nichts mehr. Du denkst, die Muskeln explodieren. Hechelst, japst, dein Puls geht hinauf, fängt an zu rasen. Die Muskeln werden eng, ziehen sich zusammen, passen nicht mehr in die Hülle. Du trittst an und hoffst, dass gleich alles vorbei ist. Die ganze Nation, die halbe Welt sieht dir zu, sieht dir ins Gesicht, sieht die hängende Unterlippe, die nach hinten versetzten Augen, die dunklen Ringe, die Speichelfäden, den rinnenden Schweiß, sie hört dein Schnaufen und das Surren der Räder. Sie wollen jede einzelne Faser arbeiten, die Sehnen gespannt sehen, wollen die Maschine bewundern, den auserwählten Menschen.

Bei vier Millimol liegt die Schwelle, an der die Maschine versagt, dann gibt es nur noch Säure, und alles scheint zu stehen. So ergeht es fast allen der Tour-de-France-Fahrer. Als die meisten mit schweren Beinen wegfallen, einer nach dem anderen, hinten, daneben, vorn, da zieht Jan Ullrich scheinbar leichtfüßig davon. Fährt ein konstant hohes Tempo. Sein Blick: stier, die Muskeln arbeiten, die Lunge, das Herz, das Blut. Er bleibt im Sattel sitzen, die Fernsehreporter schwärmen von der Eleganz des Erhabenen, der Schönheit des Großen. Und während der Heroengesang anschwillt, gebiert sich ein zweiter Mythos: der des leidenden Ästheten.

Am 15. Juli 1997 deklassiert Jan Ullrich auf der 10. Etappe von Luchon nach Andorra die Weltspitze des Radrennsports, gewinnt schließlich vor den Augen von sechs Millionen Zuschauern nach 3870 Kilometern die Tour de France, die, wie allseits vermutet wird, körperlich härteste Herausforderung der Welt.

Über das Jahr 97 weiß man nicht mehr viel, aber man weiß, dass der rotblonde deutsche Junge mit dem großen Ring durchs linke Ohrläppchen etwas Magisches schaffte und sodann freigegeben wurde zur Verehrung, wie Max Schmeling in New York 1936 nach seinem Sieg über den unbesiegbaren Joe Louis, wie Boris Becker am 15. Juli 1985 in Wimbledon, der später vom Bundespräsidenten zum generellen Vorbild geadelt wurde. Lyriker aus Sportredaktionen nennen Ulle den "Sultan des Sattels", den "neuen Messias", den "Traumprinzen". Auf der Himmelfahrt in die Pyrenäen war ein Wunder geschehen. Ein Epos bahnte sich an.

Die Arme hinterm Kopf verschränkt. Das Gesicht ist schmal, die Haut straff.

Unterhalb des Kurzärmelsaums sind die Arme dunkelbraun, oberhalb weiß. Wo die Radhose aufhört, ist die Haut braun. Die Masseurin knetet die Jahrhundertbeine vom Knie der Leiste zu.

"Bist du der Held, für den man dich seit 1997 halten will, fühlst du dich als deutscher Heroe?"

"Man übertreibt da gern sehr schnell, bei Erfolg wie Misserfolg. Ich habe mich eigentlich nie so als Vorbild, als Held gesehen. Was ich mache, ist für mich normal. Manchmal gelingen mir halt gute Sachen. Klar, bei vielen Fans leuchten die Augen, das siehste halt. Die gucken echt zu mir hoch, und dann wird man hellhörig, hört genau hin, was die Leute sagen, daran erkennnt man manchmal, wie die Leute überhaupt denken."

"Bist du dir einer besonderen moralischen Verantwortung bewusst?"

"Es bestätigt mich in dem, was ich mache: Die Leute wollen mich gerne sehen, und ich möchte gerne Rad fahren. Und ich möchte auch da wieder hin, wo ich mal war. Wenn nur Buhrufe kämen, müsste man ja überlegen: Fahr ich jetzt nur noch für mich rum? Oder macht's den Leuten noch Spaß? Wir sind ja irgendwo 'ne Unterhaltung."

Jan Ullrich ist ein Symbol wider Willen. In Ulle verkörpern sich propagierte Werte und Sehnsüchte der Gesellschaft: Askese, Leistung, Kraft, Ausdauer, Schönheit, Fitness. Die Mysterien sind heute selten geworden, die Magie, das Wunder, der verklärende Kosmos des Ominösen und Weihevollen ist durch die Entzauberung der Mittel-Zweck-Rationalität entwertet, der postmoderne, postindustrielle, postheroische Mensch lebt in geistiger Obdachlosigkeit: Wohin mit seinem vererbten Ich-Ideal, das angelegt ist auf Jubel und Größenwunsch?

Seine Herzgröße ist ein kleines sportmedizinisches Wunder Wie niemand sonst ist der Sportler heute der Prototyp des Kollektivhelden. Er soll Ordnung bringen ins zerfaserte Dasein. Wie kein anderer deutscher Sportler scheint es just in diesen Krisenjahren der einheitsdeutsche Radfahrer Jan Ullrich zu sein, der das Rüstzeug zum ersehnten Mythos besitzt.

Mit der Auffahrt in die Pyrenäen und Alpen überwindet er sich, die eigene Natur, die Technik, schafft die Berge, er überwindet das Wetter: Hitze, Kälte, Graupel, den Regen. Es ist der Triumph der irdischen Verausgabung bis zur Erschöpfung. Der moderne Mensch, aufgewachsen mit und abhängig von der Idee vom steigenden Wohlstand, glaubt nicht mehr und will das Unglaubliche, er lebt in Grenzen und sehnt sich nach ihrer erlaubten Überschreitung: dem Weltrekord, dem Olympiasieg, dem Tour-Sieg. Die Verehrergemeinde sehnt sich nach Objekten der Anbetung. Der Zuschauer erkauft sich die Droge mit der Illusion, der Held sei übernatürlich. Jenseits dieser Grenze braucht man keine Drogen. Da herrscht reine Naturgewalt.

Langjährige Beobachter und profilierte Fersehkommentatoren wie Hagen Bossdorf und Herbert Watterott von der ARD, Peter Leissl und Rudi Cerne vom ZDF, Exprofis wie Rolf Gölz und Marcel Wüst, Träger des gelben Trikots bei der Tour de France, und auch der ehemalige Telekom-Radrennfahrer Rolf Aldag sagen unabhängig voneinander: Jan Ullrich ist das Jahrhunderttalent. Jan Ullrich sei ein Glücksfall wie einst Pelé. In Ulle erschöpft und vollendet sich der Ausdauerradrennfahrer. Stellte man Eddy Merckx, Bernard Hinault, Miguel Indurain, Lance Armstrong und Ulle in eine Reihe - der Deutsche, so sagen sie, hätte die größten Gaben.

Genau genommen verhält sich Talent zu Mythos wie folgt: Ein austrainierter Jan Ullrich hat einen Ruhepuls von 30 bis 35, ein Lungenvolumen von knapp über 6 Litern und eine Herzgröße von 1200 Millilitern, was auch sportmedizinisch betrachtet ein kleines Wunder ist. Die vegetative Anpassung seines Körpers an das Herz ist nahezu optimal, die Zunahme des Blutvolumens und der Hämoglobinmasse derart perfekt, dass die Substrate Fett und Zucker zusammen mit dem vermehrt aufgenommenen Sauerstoff in höchstmögliche Energie umgewandelt werden. Kurzum: Jan Ullrich hat mehr Kleinkraftwerke in seinen Zellen, mehr verbrennende Öfen, mehr Enzyme des Zitratzyklus, mehr Enzyme der Glykolyse, mehr Enzyme der Beta-Oxidation, als von der Schöpfung vorgesehen.

Ullrichs besondere "Kapillarisierung", die erhebliche Zunahme der Kleinstgefäße, optimiert den Austausch von Sauerstoff und Kohlenmonoxid in der Muskelzelle. Ein größeres Herz heißt ein höheres Schlagvolumen, heißt mehr Blut pro Schlag, höhere Sauerstoffaufnahme, höherer Energieumsatz. 6,5 Watt pro Kilogramm, bei 73 Kilogramm und 1,83 Metern geschätzte 500 Watt maximale Leistung beim Stufentest (der Durchschnittsmensch: 210 Watt). Herz, Blut, Lunge, Muskulatur ergeben im Zusammenspiel das Bruttokriterium der Ausdauerleistungsfähigkeit. Das ist Ullrichs genetisches Privileg: Ullrichs Herz ist um 50 Prozent größer, sein Ruhepuls halb so hoch, und weil bei ihm alle Mosaiksteine ideal zusammenpassen, produziert er fast dreimal so viel Energie wie ein Normalmensch.

Aber ach, "Jan Ullrich", sagt stellvertretend für so manch kritischen Bewunderer der ARD-Reporter Herbert Watterott, "dat is eben dat große Kind ..."

Sie nennen Jan Ullrich ein schlampiges Genie, einen halben Helden. Doch wäre das charmant lächelnde Kind 1998, 1999, 2000 nicht zu schwer aus dem Winter gekommen, etwas Hedonistenspeck im Gesicht, acht, neun, zehn Kilo, eine kleine Welt zu viel, hätte das große Kind nicht den Weltmeistertitel im Zeitfahren zu lange gefeiert und den Siegerwein bis viel zu tief in die Nacht getrunken und am Tag darauf als 13. die Weltmeisterschaft im Straßenrennen enttäuschend verloren, wäre er nicht manchmal schlampig, fehlbar, so menschlich - wäre Ulle wirklich der Held, der un s Deutschen zum Mythos taugte?

Les deux Alpes, 27. Juli 1998. "An diesem Tag, gut, was sollt ich machen? Ich wusste, dass ich gut genug Form hatte, und hätte Pantani zum Schluss ja auch fast gekriegt."

"Was denkt man da: Alles vorbei?"

"Ja gut, das passiert halt, da muss man auf morgen gucken. Das war schwierig für mich und gleichzeitig auch Erleichterung, weil das gelbe Trikot ja doch schon irgendwo 'nen Riesendruck ist. Da haste einen Mehraufwand von mindestens anderthalb Stunden jeden Tag: Pressekonferenzen, Interviews, Extra-Dopingkontrollen, das schlaucht schon jeden Tag. Ich war einfach auch erleichtert, dass ich mal von hinten angreifen konnte. Ich war an diesem Tag auf Position fünf abgerutscht, und am nächsten Tag hab ich gleich die Königsetappe am Col de Madeleine gewonnen."

Die Augenringe werden tiefer, Jan Ullrichs Niederlage droht 27. Juli 1998, zwischen Grenoble und Les deux Alpes, an diesem Tag verliert Jan Ullrich erst das gelbe Trikot und dann die Tour de France. Er wird Zweiter. Es hatte geregnet, in den Bergen war es kalt, und am Galibier hatte Pantani angegriffen, war wackelnd davongezogen, und der sitzende Ästhet kam nicht nach, war einsam, verlassen, büßte zweieinhalb Minuten ein. Bei der Abfahrt schöpfte er noch einmal Hoffnung. Dann kam ein zweiter Defekt am Rad.

Tausende, Hunderttausende sehen, wie er danach kämpft, leidet, sich quält.

Auf den Fernsehbildschirmen ist erbarmungslos zu sehen, wie sich der so genannte Hungerast in den Körper frisst, wie die Ringe um die Augen tiefer werden, wie er zittert, trinkt, die Jacke auszieht. Sein Körper ist unterkühlt, Ullrich hat vergessen, rechtzeitig zu essen. Die Beine werden zu Blei. Sechs Minuten verliert Ullrich auf den Italiener Marco Pantani, den späteren Sieger. Er weiß: Es ist die schlimmste Niederlage seiner Karriere.

Nach seinem Sieg 97 hatten die Auguren prophezeit, Ullrich könne, werde, ja müsse die Tour sechsmal gewinnen, er, der Held.

Er ist schmal, die gebräunte Gesichtshaut spannt sich fest um Kinnknochen und Jochbein. Der Körper wirkt drahtig. Niemand wird ihm vorhalten können, er sei zu dick, sei schlecht trainiert. Er liegt noch immer auf dem Rücken, seine Antworten werden länger.

"Hast du Versagensangst, Angst vor dem Scheitern?"

"Hm ... natürlich gibt es das, wenn du das gelbe Trikot hast, dann hast du jeden Tag Angst, dass ein Einbruch kommt. Die Angst, die fährt jeden Morgen mit, aber wenn du dann am Berg bist, dann merkst du, ob du gute oder schlechte Beine hast. Bei mir war es noch nie so, dass ich einen richtig schlechten Tag hatte. Ich habe bis jetzt noch nie einen Einbruch gehabt, toi, toi, toi!"

"Aber die Erwartungen steigen von Jahr zu Jahr, von Tour zu Tour, und gerade jetzt ..."

"Die Erwartungen sind immer hoch. Jeder glaubt und hofft, dass ich wieder wie eine Bombe einschlage."

"Will man sich bei einem Rennen selber besiegen oder den Gegner?"

"Man will mindestens dranbleiben, denn es kann ja sein, dass der Gegner den nächsten Kilometer schlapp macht, man glaubt immer, dass man besser ist. Du fährst halt so lange, bis es nicht mehr geht. Wenn du 20 Sekunden locker lässt, merkst, jetzt geht's wieder, dann fährst du halt wieder los. Nach so 'ner Bergetappe denk ich auch immer: Was mach ich eigentlich hier? Das sind solche extremen Schmerzen. Und trotzdem machst du weiter. Jeden Tag. Morgen steigste wieder drauf."

Im Sporthelden verschmelzen antiker Heldenmythos, christliche Heiligenlegende und Zeitgeist zu einer Quasireligion. Das Boulevardzeitalter gebiert seine "Götter", erhobene Individuen, deren Eigenschaften es bewundern und verwerten kann: das Leiden animiert zum Mitleiden, das Quälen gilt als authentische Leistungsbereitschaft ("Nehmt euch ein Beispiel an ihm!"), die Einfachheit des Sports dient zur Erholung und Entlastung in einer verwalteten, geplanten, vermessenen, rational begriffenen Alltagswelt. Die Tour de France gewinnt, heißt es, wer sich am längsten quälen kann. Legendär ist der Satz von Ullrichs Wasserträger Udo Bölts am Fuß der Alpen damals, 97: "Quäl dich, du Sau!"

Im Zeitalter einer fließbandartig aufgeladenen Heldenverehrungsbereitschaft wird der Mythos massenmedial vorverherrlicht, stimuliert. Zeitungen, Zeitschriften, Radio, Fernsehen und Internet transportieren die Heldensagen.

Kultpersonen werden gemacht als kulturelle, vielseits ausdeutbare Symbolhülle. "Die Tour de France macht den Helden", sagt Rolf Gölz. "Die Medien machen den Helden", widerspricht Rudi Altig. Beides stimmt. Im Zuge der massenmedialen Vermessung des öffentlichen Raums, im Herrschaftsbereich von Politainment und Mediokratie, steigt der Verbrauch von Zeichen und Symbolen, von Helden und Mythen exorbitant an. Programmdirektoren und Kommentatoren sind, so gesehen, Kultmanager: Sie stimulieren, mästen den Mythos, um ihn, ist er nicht totgefüttert, quotenträchtig schlachten zu können.

"Es ist unmenschlich - selbst, wenn man sehr, sehr gut ist" Nichts ist mächtiger als ein Bild. Das Fernsehen, als Bühne permanenter Sichtbarkeit, bringt die Bilder so nah, dass sie Emotionen auslösen. Im Bild wird Leistung zum ästhetischen Konsumfaktor der Unterhaltungsindustrie. Das Fernsehen ist Hypermedium, es will hervorragende und verwertbare Körper und am liebsten das Charisma irgendeiner unerhörten Leistung unter archaischen Bedingungen. "Die Tour de France ist ein Rennen jeder gegen jeden", sagt Rolf Aldag, der Schwerstarbeiter, der Ulle 1997 aus dem Wind, in die Berge und überhaupt mit zum Sieg fuhr. Der Teamfahrer wird Einzelkämpfer und mit der Kamera verfolgtes Idol. Wo das Fernsehen ist, da ist die digital aufbereitete Endlosschleife, permanente Öffentlichkeit. Drei Juliwochen lang sind jeden Tag dieselben Protagonisten zu sehen, die Tour de France ist die Daily Sport Soap.

Er trägt den silbernen Ring im linken Ohr, ein dünnes Lederband um den Hals.

Die Augen sind rehbraun, der Blick ist klar. Da liegt eine Art Kumpel auf der Bank, ist weit davon enfernt, prätentiös zu sein. Vielleicht ist er sich seiner Rolle nicht bewusst. Manchmal lacht er, dann werden die Pausen vor den Antworten länger.

"Sind die Bergetappen wirklich so unmenschlich?"

"Es ist unmenschlich. Selbst wenn man sehr, sehr gut ist. Die dahinten, denen geht's ja noch schlechter, wenn du so willst. Da, wo du noch locker fährst, fahren viele im Anschlagbereich und müssen schon abreißen lassen, jeden Tag sind die eine halbe Stunde länger unterwegs. Selbst die ganz Guten: Bei denen tut das schon jeden Tag richtig weh, jeden Tag Ausbelastungsgrenze, wenn du so 'nen Alpenpass hoch musst."

"Wie fühlt sich das an?"

"Einfach Schmerz. Da musst du den riesen inneren Schweinehund überwinden, den überwinden ja die Radprofis jeden Tag aufs Neue. Das muss man auch lernen.

Jetzt, nach dem letzten Jahr, als ich draußen war, bei den ersten Rennen und harten Trainingseinheiten, wenn die Lunge brennt und die Beine brummen wie, was weiß ich, dann musst du das Kämpfen wieder lernen."

Die Medien verlangen nach Wundern und Rekorden und sind ungnädig, wenn der Chemiker nachgeholfen hat. Eine ganze Sportheldenindustrie arbeitet an der Mythenerzeugung - Medien sind in diesem System die "Mythenmaschinen", wie sie der Berliner Philosoph und Sportsoziologe Gunter Gebauer nennt. Die ungebremste Bereitschaft, anzubeten und zu bewundern, ist aus Gebauers Sicht in den vergangenen Jahren stark gestiegen, die Medienpräsenz der Sporthelden immens: Sat.1, RTL, ZDF und ARD feiern permanente Heldengottesdienste, mit höchstem technischen Aufwand. Im Vergleich zu den kritischen siebziger Jahren mit ihrer ausgeprägten Intellektuellennörgelei steht seit Anfang der 1990er Jahre nur noch das Individuum, das einzelne Ereignis im Zentrum einer imaginär-romantischen Welt, deren Prinzip die Aufhebung von Kritik, Diskurs und Vernunft ist.

Natürlich hat jeder Mensch seine persönlichen, privaten Helden, Helden des Alltags aus dem sozial-karitativen, dem familiären Bereich, sich für andere, für eine Utopie aufopfernde Idealisten, Frauen und Männer, die sich einsetzen für eine bessere Welt oder gegen Systeme zu Felde ziehen. Und natürlich hat jede Epoche ihre eigenen, jeweils den Geist der Zeit treffenden politischen Helden und Kultpersonen, John F. Kennedy, Rudi Dutschke, Willy Brandt, Michail Gorbatschow. Für die entidealisierte Gesellschaft von heute aber sind diese Heldentypen zu wenig allgemeinverträglich: Sie stehen für ein Projekt und nicht für eine Popkultur mit Oberflächendesign. Wenn man über die Phänomenologie der modernen Mysterienkultur, über Zustand und Seelenlage der aktuellen, schnell gelangweilten und prinzipiell gesättigten Gesellschaft etwas lernen kann, so über den Mythos des körperlich überlegenen Heroen, der, als Synthese individueller Sehnsüchte, das Kollektiv eint.

Der politische Held des postmodernen Zeitalters, verkörpert durch Joschka Fischer, wurde sozialisiert in ideologischen Richtungskämpfen. Auch er musste die Hindernisse ideologischer Fronten überwinden. Fischer, 68er-Revoluzzer einst, sonnenkönigshafter Staatsmann heute, ist ein Mann des Diskurses. Auch wenn er zu sich selbst zu laufen begann, das Politjogging einführte und Selbstbekenntnisprosa verfasste - ein zeitgenössischer Held kann er nicht sein. Eine antiintellektualisierte Gegenwart verlangt nach dem Archaischen und findet es in der Jugend. Politiker und Wirtschaftsbosse taugen deshalb nicht zu Helden, weil ihre Leistungen weder sichtbar sind noch unter Wunderverdacht stehen. Politische Helden sterben aus, weil sie keine Risiken mehr eingehen können. Politik ist ein Geschäft des Kompromisses, der Geduld und Überzeugungskraft, und der, der populistische Agitation mit öffentlicher Heldentat verwechselt, hat den moralischen Hautgout des Möllemannschen.

"An die Grenze des Machbaren rankommen - mein Ideal" Schriftsteller mögen einst Helden des Wortes gewesen sein, doch heute herrschen Bilder. Die Lingua franca der Gegenwart besteht aus Beats. Jener Mythos, der dem des Sportheroen am nächsten kommt, weil er überdauernd ist und jede Collage überwölbend, ist die Legende vom großen Musiker. Seit Mitte der achtziger Jahre zieht ein Archetyp wie Herbert Grönemeyer Aufmerksamkeit auf sich, seine Texte infizieren seitdem Legionen, seine Melodien treffen das vertraute Grundgefühl des Verlusts. Herbert ist ein Held anderer Gattung, kantig, schlecht verwertbar, zu erdverhaftet. Stars, die für Inhalte stehen, werden keine Helden, eben weil sie für etwas stehen. Ein Held muss ausdeutbar, leer sein. Was ihn heute auszeichnen muss, ist Dynamik und Gesundheit. "Wir haben heute enorme Probleme mit unserer eigenen Endlichkeit und Gebrechlichkeit", sagt Thomas Bohrmann, Theologe und Soziologe an der Universität München, "wir sind immer weniger imstande, Leid und Krankheit zu akzeptieren, und da ist der Sportheld in der Mediengesellschaft der willkommene Fluchtpunkt für das ewige Leben."

Das Einzige, was vom modernen Helden verlangt wird, ist der ständige Beweis seiner Fähigkeiten. Frei nach Max Weber: Der Held muss ein neues Wunder tun, sonst verlassen ihn die Götter - und die Hofschreiber.

"Musstest du zu früh erwachsen werden?"

"Für mich ist es das Lebensideal, ein guter Sportler sein, gesund zu leben, nach der Karriere gesund zu sein und sich so zu trimmen, dass man an die Grenze des Machbaren rankommt. Das ist meine Movitation."

Es begann mit dem Der-wird-mal-was-Raunen, dem Weltmeistertitel im Einer-Straßenrennen in Oslo August 1993, dann schwoll die Spannung an: Jan Ullrich wird bei der Tour de France 1996 Zweiter, gewinnt sie 1997, wird 1998 und 2000 abermals Zweiter, wird 1999 und 2001 Weltmeister im Zeitfahren, in Sydney 2000 Olympiasieger. "Natürlich wurde Ullrich in den Himmel geschrieben und gesendet", sagt Fernsehkommentator Bossdorf. Der Journalismus sei vergesslich und nicht immer verantwortungsvoll. Wie man es dreht und wendet: Der Mythos ist Marke geworden. Jan Ullrich ist als Corporate Identity ein werbeintensives und werbeträchtiges Markenprodukt. Moral passt nicht zum Mythos. Für den Sporthelden, der unseren Wechsel auf Rausch, Glanz und Glamour decken soll, gibt es keine Verantwortlichkeiten im moralischen Sinne.

Sportsoziologe Gunter Gebauer kritisiert eine falsche Pädagogisierung des Sports und erkennt eine Zwei-Klassen-Moral. "Die strengen, fast hyperkritischen Maßstäbe, die unsere Gesellschaft an Politiker und Manager anlegt, gelten für Sportler nicht: Die können Charaktersäue sein."

Hauptsache, sie sorgen für rauschhafte Stimmungen und, von allen sozialen Bezügen des Alltags entlastet, übermenschliches Strahlen. Wenn Sportler andere betrügen oder sich unerlaubt Vorteile verschaffen, ist der Mythos gefährdet. Auch deshalb die Brisanz des Dopings. Es ist die Enttäuschung, dass der Held seine Kraft nicht der vergöttlichten Natur verdankt, sondern profanen Pillen.

"Ich hatte gerade attackiert. Lance war alleine, hatte keine Helfer mehr, und es waren noch drei Berge zu fahren. War 'ne gute Situation, ich hab's dann richtig den Berg runter laufen lassen, dann hab ich die Kurve unten gesehen, hatte circa 90 auf'm Rad drauf, hab angebremst, hat aber nicht mehr gereicht."

"Und dann bist du den Hang hinuntergestürzt, in den Bach ..."

"...ja, wenn ich mich bei dem Tempo in die Kurve reingelegt hätte, bei geschlossenen Bremsen, wäre ich sofort weggerutscht unter die Leitplanke, hätte ich mir wahrscheinlich unter den Leitplanken etwas abgerissen. Da hab ich gesagt, jetzt fahre ich gerade runter, zum Glück."

"Bist du ins Wasser gefallen?"

"... ja, es ging durch hohes Gras, da unten stand dann seichtes Wasser ... Es hätte ja da auch 100 Meter runtergehen können, war irgendwie total Glück gewesen, dass es da so seicht war."

Am 21. Juli 2001 fährt Jan Ullrich, nachdem ihn Lance Armstrong in den Alpen düpiert hatte, in den Pyrenäen zu schnell in die Kurve. Er fährt über die Leitplanke die Böschung hinab, stürzt spektakulär in einen Bach, kommt nach Sekunden, das Rad über der Schulter, auf die Straße zurück, um Lance Armstrong zu jagen, der angehalten und so lange gewartet hatte, bis Ullrich wieder auf dem Rad saß. Am Ende wurde "Ulle" wieder Tour-Zweiter und enttäuschte das Versprechen auf das wiederholte Wunder, weil der Amerikaner offenbar ein Besessener ist und bereits im November in Topform war, während Ulle, über guten Wein räsonierend, das schöne Leben genoss.

Zwei "aufmunternde" Pillen beschädigen Jan Ullrichs Image Bald nach dem Sturz fällt der Radrennfahrer wirklich tief. Er macht zwei große Fehler, vielleicht die einzigen beiden großen in seinem Leben, und beide Male wird er erwischt: Der alkoholisierte Jan Ullrich begeht in der dunklen Freiburger Nacht zum 1. Mai 2002 nach einem Unfall mit 1,41 Promille Fahrerflucht, sagt die Tour de France ab. Anfang Juni nimmt er nach einer fälligen Knieoperation in der Rekonvaleszenzphase im bayerischen Bad Wiessee nach Version des väterlichen Freundes und Managers Wolfgang Strohband auf einer Party zwei "aufmunternde" Pillen von Freunden in Empfang. Die Journaille spricht von Ecstasy, von Substanzen ist die Rede, die auf der Dopingliste stehen. Merkwürdigerweise erfolgt just am nächsten Tag die Dopingprobe, der Befund: positiv. Ist Ulle noch der Ehrliche? Ist der Volksheld noch der Aufrichtige? Oder ein Meister der Verstellung? Der Imageverlust war horrend und der Absturz, von dem die Zeitungen in einer Mischung aus Enttäuschung, Entrüstung und Sensationsgier schrieben, eines Helden unwürdig. Dem Mythos aber war er dienlich.

Man habe, sagt Jürgen Kindervater, einst Kommunikationschef bei der Telekom, heute freier Berater, immer an Ullrich geglaubt, im Konzern habe man das Team geliebt. Dann habe Ullrich auch das Dolce Vita entdeckt und sei immun gegen Ratschläge gewesen. Er sei bei Promi-Events in Kitzbühel aufgetaucht, habe sich, wie im Übrigen fast alle argwöhnen, die ihn lieben und verehren, mit falschen Freunden umgeben. "Jan", sagt Kindervater, "hat den Sinn des Lebens nicht mehr darin gesehen, sich den Hintern wund zu fahren und sich tagtäglich zu quälen." Als er gehört habe, dass die Dopingprobe A positiv sei, sei für ihn, Kindervater, so sagt er ohne Zögern, die Welt untergegangen. "Ich sah das Ende unseres Engagements im Radsport kommen." Er fuhr mit Ullrich auf eine Berghütte, man entschied sich für die Offensive und setzte eine Pressekonferenz an. Am Starttag der Tour de France 2002 gesteht Jan Ullrich den Konsum von zwei "high machenden" Pillen in einer Münchner Disko, und man fragt: Ist denn das Doping? Oder ist es grenzenlos naiv? Das Bundessportgericht des Bundes Deutscher Radfahrer verhängt wegen Dopings eine sechsmonatige Sperre, adidas beendet mit sofortiger Wirkung die Zusammenarbeit mit Ullrich. Telekom will den Vertrag ruhen lassen, das Gehalt von jährlich drei Millionen Euro aussetzen. Ende September kündigt Ullrich die Trennung vom Team Telekom an. "Das alles war ein ziemlicher Druck auf den Jungen", sagt Kindervater.

"Als die Nachricht kam: Dopingprobe positiv ..."

"Ja, das war wie ein Zusammenbruch. Da hab ich erst gedacht: Ich hör auf oder so, wie ein Schock war das."

"Was geschieht da im Kopf?"

"Da geht einem blitzartig alles durch den Kopf: Wie kann das passieren, warum ich, ist jetzt alles futsch? Wenn du als Sportler irgendwann mal mit Doping in Verbindung gebracht wirst, ist es für einen das Mieseste, was es gibt."

"War die Reaktion fair?"

"Im Prinzip waren die Medien fair. Die Sperre wurde ja nicht von der Öffentlichkeit verhängt. Man hat halt ein paar Tage darauf rumgetreten, dann war es gut. Dann haben sie geschrieben, wie es letztlich ja auch war, dass das nichts mit Sportbetrug zu tun hatte."

"Erleichtert gewesen?"

"Ich hab den Mut gespürt zurückzukommen, weil es bei mir eine ganz andere Situation war. Dass es kein Doping in dem Sinne war, steht auch in meinem Gerichtsurteil. Deshalb fühle ich mich auch nicht als Dopingsünder. Das war für mich kein Doping."

"Trotzdem die Sperre."

"So ist die Gesetzgebung. Wenn die Stoffe auftauchen ..."

"Stoffe?"

"Amphetamine. Aber wie gesagt: Zu der Zeit war ich gerade frisch operiert, konnte überhaupt kein Sport machen, hab nur ständig auf dem Massagebrett gelegen, war in der Reha, hab ein bisschen Gymnastik gemacht."

"Keine Vorteilsnahme."

"Nein, ich hab mir keinen Vorteil verschafft, habe keinen betrogen, und die meisten Fans haben mir geschrieben: Das war kein Doping. Gut, die Strafe hätte ich auch gern nicht genommen, weil man jetzt eben vorbelastet ist, aber das ging eben nicht anders ... Ich fand's auch ganz schön hart, dass man da eine Strafe kriegt."

"Wie einsam ist man während eines solchen Absturzes?"

"Ich habe sehr viele gute Freunde."

Jan Ullrich, sagen seine Freunde, sei kein Konfliktmensch. Er registriere freundlich, was andere sagen, und mache dann, was er will. "Det is'n Fischkopp vonne Küste", sagt "Eule" Rutenberg, Ullrichs langjähriger Masseur beim Team Telekom. "Der macht, wat er will." Darf ein Held sich als Mensch gehen lassen? Seit einem Dreivierteljahr, sagt Manager Strohband, habe Jan Ullrich sich verändert: Er sei ernsthafter geworden. Andere sprechen von Reife und Aufgeschlossenheit. Der Gefallene ist bereit aufzustehen.

"Ist es jetzt Wut, Trotz? Will man es allen zeigen?"

"Nee. Ich bin eigentlich 'ne ganz stille Person, die sich nicht die Motivation aus Rausch oder Trotzreaktionen zieht. Ich mag den Sport einfach.

Ich mag Radfahren. Und ich bin überzeugt, dass ich frisch bin nach dem letzten Jahr. Man braucht natürlich ein bisschen Zeit, um sich wieder nach oben zu arbeiten."

Jan Ullrich muss ertragen, dass eine DixieCombo bei der Einfahrt auf den Meeraner Platz in Lörrach "Jaaaa - der Jan is mit'm Radl da" spielt. Es ist Anfang Mai, und Jan Ullrich absolviert eine PR-Veranstaltung in Südbaden, wo er ein paar Jahre lang gelebt hat. Mit dem radsportfanatischen Leiter des hier ansässigen "Supermarkts des Jahres", dessen Freunden, Vorständen des Sponsors und einigen Lokalsportbekanntheiten begibt sich der "Champ" für ein paar tausend Euro auf eine Trainingstour. Junge Damen und Hobbyfahrer haben sich zuvor für ein Erinnerungsfoto neben ihn gestellt, ihn Trikots und Prospekte unterschreiben lassen. Nach dem Eintrag ins Gästebuch des Hotels Mühle, Binzen, Südschwarzwald, gibt der Bürgermeister mit dem Schlag auf eine aufgeblasene Plastiktüte den Startschuss. Das Fernsehen ist da, ZDF. Das Radio ist da, Radio Regenbogen. Zeitungsreporter, Lokalpresse. Zwanzig Männer und zwei Frauen fahren los über Bad Weilern nach Lörrach, wo man ein kleines Volksfest samt Versteigerung, Ochs am Spieß und Autogrammstunde organisiert.

"Viele sehen ihn als den großen Helden", sagt der Juniorchef einer Supermarktkette, "unser Janni fährt für Deutschland."

Wenn das Knie durchhält, kann er einen Mythos vollenden Dann also spielen sie "Ja - der Jan is mit'm Radl da", es riecht nach dem Rasierwasser gesetzter Herren, der Applaus brandet, es ist heiß, schwarzwaldschwül. Im Laderaum des aufgebauten Lkw muss der Janni lachen und winken und sich, als Erster nach "Minischterpräsident" Erwin Teufel, ins Goldene Buch der Stadt eintragen. Er muss einen geschwätzigen Fragesteller erdulden, der schwer ins Mikro schnauft. Sehr glücklich sieht der Janni nicht aus, obwohl sein Manager später sagen wird, es habe Jan viel Spaß gemacht, bei seinen Fans zu sein.

Als er, in kariertem Hemd, Jeans und Turnschuhen, frisch geduscht, ein wenig stoisch im Supermarkt Autogramme zu schreiben beginnt, Hunderte auf gelbe Trikots, Bilder, Bücher, Poster, Arme, Trinkflaschen, Helme, sieht man ab und an, wie seine Augen lachen. Wann immer ein Knirps oder ein Mädel aus der Schlange zu ihm kommt, lachen Ulles hellbraune Augen. Einen Moment länger als erwartet sieht er den kleinen Männern und Frauen ins vor Aufregung gerötete Gesicht: "Hallo, wie geht's?", weshalb man den Eindruck hat, für diesen kurzen Moment sei die Welt des verschlamperten Genies in Ordnung.

Wer neben ihm sitzt, spürt, was viele über Ulle sagen: Er sei ein charmanter, warmherziger, bodenständiger Typ, der nicht zum Helden tauge, mit dem Trubel nichts anfangen könne, einer ohne Allüren, ein Normalo, der zuhöre, greifbar sei, noch nicht entrückt, kameradschaftlich und fair, schlagfertig und mit trockenem Humor gesegnet, ein, wie Rolf Aldag sagt, "einfacher Mensch".

"Bist du mit dir im Reinen?"

"Ja, mittlerweile schon."

"Man hält dich für das Jahrhunderttalent, es gibt den Mythos Ullrich ..."

"Alles immer aufs Jahrhunderttalent zu schieben, finde ich nicht richtig. Die Leute wissen nicht, was ich für ein Trainingspensum habe, viele würden es nicht glauben. Ich muss mich richtig quälen im Training, Tag für Tag, alles perfekt machen, Intervalltraining am Berg, Sprints, lange Einheiten von neun, zehn Stunden. Ich muss sicherlich genauso viel trainieren wie Lance Armstrong."

Wenn Lance Armstrong die Tour de France wegarbeitet, murmeln die Zuschauer Respekt. Bei wem aber kreischen sie? Armstrong hat einen unbändig brennenden Willen. Ullrich hat einen zarteren. Auch das ist angeboren. Der Ulle mache in drei Tagen die Trainingsfortschritte, für die Teamkollegen sechs Wochen brauchten, und niemals, sagt Rolf Aldag, sei der Ulle hundertprozentig vorbereitet zur Tour gekommen. Lance Armstrongs Trainer, so erzählt Manager Strohband, habe ihm ja einmal gesagt: Wenn der Jan mal topfit zur Tour käme, hätte der Lance doch erhebliche Probleme.

Die Tour de France wird in diesem Jahr 100. Sie startet in vier Wochen. Die Tour. Der ganze Radsport dreht sich um die Tour. Die Stars sind die Bergetappen- und Gesamtklassementsieger, den Sprintern applaudiert man. Stolz künden ARD und ZDF vom größten Sendevolumen aller Tour-Zeiten: mehr als 120 Stunden Sendezeit, täglich ab 14 Uhr, Live-Übertragung, Nachbetrachtung, Analyse, Statistik, TourRetour, TourKultur, TourPorträt, TourEnbloc, Sportschau, Nachrichtensendungen, Interviews, Pressekonferenzen, Sondersendungen. Die Programmdirektoren haben die Programme leer gefegt für die Tour. Spektakuläre Spezialkameras! Hubschrauberaufnahmen! Verbesserter Ton!

Es geht bei der Inszenierung nicht nur um die Frage, wer am besten vorbereitet ist, wessen Team am dienlichsten ist, ob schließlich der eine die Tour zum fünften, der andere sie zum zweiten Mal gewinnt - es geht nicht nur um die Frage, wer sein Talent am besten nutzt, welcher Wille am enthemmtesten ist, welcher Körper sich am längsten quälen lässt. Es geht vor allem um die Frage, ob der Heldenmythos durchhält. Das lädierte Knie, die Zwangspause, die Dopingsperre, das aktuelle Theater um den zahlungsunfähigen oder -unwilligen Sponsor Coast, die deshalb nicht erteilte Lizenz für die Asturienrundfahrt, der hektische Teamwechsel zu Bianchi in letzter Minute, Bürgschaften, Verträge, die erlösende Zulassung zur Tour de France: Sollte Ulle jetzt und gerade jetzt triumphieren, wird sich, darin sind sich die Eingeweihten einig, sein Mythos verewigen.

"Du bist jedenfalls eine Art Popstar."

"Nee ..."

"Die Autogramme, die Poster, die Fanpost, und die kreischenden Mädchen, wenn du losfährst ..."

"Ja, das gibt's schon."

"Also?"

"Beim richtigen Popstar ist es 50 : 50. Bei mir ist es 90 : 10 - 90 Prozent Sport, 10 Prozent nebenher."

"Ziemlich viel für einen Sportler."

"Ja, ist ziemlich viel, ja gut."

"Hast du das Gefühl, etwas verpasst zu haben?"

"Nee. Ich hab ein total hektisches, intensives Leben, das reicht mir auch so.

Ich bin glücklich so. Sicher gibt es vieles anders, aber die ruhige Zeit kommt noch früh genug."

Im Tanzsaal des Hotels Linderhof in Erfurt ist die Hochzeit in vollem Gang.

Jan Ullrich liegt noch auf der Massagebank. Am rechten Knie sieht man die Narbe. Wenn das Knie hält, haben die Auguren gesagt, kann er es wieder schaffen. Wenn das Knie durchhält, bleibt das Versprechen einer personifizierten Wiederauferstehung. Oder andersherum: In diesem sympathischen, ruhigen, bescheidenen Menschen wollen wir, narzisstisch gekränkte Opfer des Schicksals, unser verwundetes Selbstwertgefühl endlich wieder heilen. Der Mythos vom großen Sportheroen ist die letztverbliebene Erzählung, das Epos dieser Zeit. Jan Ullrich weiß, dass er es ist, der es weitererzählen muss.