Sind Sie nicht über die politische Lage in Ihrem Land besorgt?", fragte mich ein freundlicher älterer Herr beim diesjährigen Neujahrsempfang der Stadt Frankfurt am Main. Natürlich meinte er damit Israel, und in seiner Frage klang aufrichtige Besorgnis mit. Wie aber darauf reagieren? Meine Antwort hätte lauten können, ich sei deutscher Staatsbürger, und seine Frage richte sich an den falschen Adressaten. Doch damit hätte ich mich von Israel, einem Land, dem ich mich aus vielerlei Gründen besonders verbunden fühle, distanziert und meinem Gegenüber vielleicht gar das Gefühl vermittelt, er habe mit seiner Frage mein "Deutschtum" verkannt. Vermutlich wäre Unverständnis seinerseits Folge einer solchen Reaktion gewesen, und er hätte es wahrscheinlich in Zukunft unterlassen, diese Frage, die er mir bereits im Vorjahr gestellt hatte, erneut an mich zu richten. Was wäre damit gewonnen gewesen? Schließlich konnte ich an dieser Frage ablesen, wie er mich wahrnimmt: Ohne mich bewusst ausgrenzen zu wollen, brachte er damit zum Ausdruck, dass er mich anders einstufte als seinesgleichen – war das denn so falsch?

Ich weiß, es gab und gibt Juden, die auf eine derartige Frage mit Empörung reagieren und nachdrücklich darauf bestehen, sie seien "deutsche Staatsbürger jüdischen Glaubens", oder gewollt irritierend den Fragesteller fragen, welches Land er denn damit wohl meine. Der demonstrativen Geste aber, sich als Jude durch solche Fragen nicht aus der "Gemeinschaft der Deutschen" ausschließen lassen zu wollen, haftet etwas Aufdringliches, ja Peinliches an. Dabei muss man noch nicht einmal an jene denken, die schon immer deutscher sein wollten als die Deutschen.

Nein, auf solche oder ähnliche Fragen antworte ich nichts dergleichen. Als ich vor einiger Zeit einem befreundeten Herrn mitteilte, ich werde in Kürze zwei Wochen Urlaub machen, fragte er ohne Zögern: "In Ihrer Heimat?" Wenige Wochen nach einem Mittagessen zu wohltätigen Zwecken, an dem auch der israelische Botschafter teilgenommen hatte, traf ich den Sponsor dieser Veranstaltung. "Das war doch ein nettes Mittagessen mit Ihrem Botschafter", lautete seine erste Bemerkung.

Ich weise solche Antworten und Bemerkungen nicht zurück. Reaktionen dieser Art werden nur dazu führen, die Spontaneiät der Fragesteller zu unterbinden, um in Zukunft nichts anderes mehr von ihnen zu hören als in "korrekten" Umgangston gekleidete Belanglosigkeiten. So aber höre ich unmittelbar, wie "es" tatsächlich aus ihnen spricht, und erfahre dabei immer wieder aus erster Hand etwas über den Stand deutsch-jüdischer "Normalität". Was aber ist gemeint mit dieser Bezeichnung? Zunächst eine Wirklichkeit, die ist, wie sie ist: kompliziert, historisch belastet und nicht frei von Voreingenommenheit. Doch steckt hinter dem Begriff "Normalität" mehr als nur eine Zustandsbeschreibung. Auch Wunschvorstellungen von einer historisch unbelasteten, "ausgeglicheneren" Beziehung zwischen Juden und Deutschen schwingen darin mit. Doch es scheint, als orientierten sich solche Wünsche eher an einer idealisierten deutsch-jüdischen Vergangenheit als an der Normalität gegenwärtigen jüdischen Lebens in anderen Ländern.

Ein Blick in die USA zeigt: Das Verhältnis zwischen jüdischen und nichtjüdischen Amerikanern unterscheidet sich von dem zwischen jüdischen und nichtjüdischen Deutschen. Dort herrscht eine Normalität, wie es sie in der deutsch-jüdischen Vergangenheit nie gegeben hat. Sie beruht nämlich auf der Eingliederung der Juden in eine pluralistische Form von Staat und Gesellschaft, nicht aber in ein uniformes Staatsgebilde. Amerikanisch-jüdische Normalität bedeutet Anerkennung eines gewissen Eigenlebens und "Andersseins" der Juden Amerikas innerhalb der Mehrheitsgesellschaft. Diese Normalität macht die Gleichheit vor dem Gesetz und im gesellschaftlichen Zusammenleben nicht vom bedingungslosen Aufgehen der Juden im Staatsganzen abhängig. Sie zeichnet sich dadurch aus, dass sie nicht nur die Gleichstellung der jüdischen Individuen, sondern auch die der jüdischen Gruppe als Ganzer ohne größere Schwierigkeiten ermöglicht.

Anders die Wirklichkeit deutsch-jüdischer "Normalität". Sie ist die Folge einer Entwicklung, die im 18. Jahrhundert mit den Ideen von Humanismus, Aufklärung, Emanzipation begann, aber während des 19. Jahrhunderts von nationalstaatlichen Interessen unterhöhlt wurde. Die ursprünglich universellen grenzüberschreitenden Vorstellungen von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit waren mit einem auf strenge Abgrenzung gegenüber anderen Völkern und Kulturen bedachten Nationalismus, wie er sich vor allem in Deutschland ausbildete, unvereinbar. Die Juden, deren rechtliche Gleichstellung aus dem Geist des europäisch geprägten Humanismus hervorgegangen war, sahen sich nun durch einen Nationalismus ausgegrenzt, der sich auf partikulare kulturelle und religiöse Traditionen des so genannten deutschen "Volkstums" berief.

Auf diese Eigentümlichkeiten des deutschen Staatsbewusstseins reagierten die deutschen Juden mit drei unterschiedlichen historischen Optionen. Zunächst versuchten sie es mit Akkulturation und Assimilation: Kulturelle Anpassung und die Abkehr von der eigenen Herkunft sollten den deutschen Juden neben der von Staats wegen verordneten rechtlichen Gleichstellung die Möglichkeit eröffnen, gesellschaftlich gleichgestellte "deutsche Staatsbürger jüdischen Glaubens" zu werden. Danach erhoben sie die Forderung nach einem eigenen jüdischen Nationalstaat, die im Zionismus ihren Ausdruck und in der Gründung des Staates Israel schließlich ihre Verwirklichung fand. Und zuletzt konzentrierten sie sich auf die Stärkung eines jüdischen Nationalbewusstseins in der Diaspora. Diese Option konnte jedoch den alten Widerspruch zwischen einem christlich-völkisch definierten deutschen Nationalstaat und einer jüdischen Minderheit bis heute nicht aufheben.

Es scheint kein Zufall zu sein: Den Begriff der "Symbiose zwischen Deutschen und Juden" hat als Erster der bekennende Antisemit Wilhelm Stapel 1927 in der von ihm herausgegebenen Monatsschrift Deutsches Volkstum (Heft 6, S. 418) verwendet – im negativen Sinne; und damit kam er bei aller sonstigen Beschränktheit seiner Thesen dem tatsächlichen Gang deutsch-jüdischer Geschichte näher als jene, die später im Nachhinein eine verklärte deutsch-jüdische Symbiose konstruiert haben. "Den Streit zwischen Juden und Antisemiten", so Wilhelm Stapel, werde man nicht verstehen, wenn man ihn nur als einen Streit von Individuen betrachte. Es handele sich nicht darum, dass "einzelne Menschen dieser Art mit einzelnen Menschen anderer Art" nicht auskommen könnten. Es handele sich vielmehr um den Gegensatz von Völkern: "Volksinstinkte, Volksanlagen, Volkheiten stoßen aufeinander." Nicht Wünsche und Bedürfnisse von Individuen zählten demnach, sondern einzig und allein die vermeintlich naturverhafteten Eigenschaften des Kollektivs.