Warschau

Seit Jahrzehnten stellt die Universität Warschau neue Studenten vor die immer gleiche Frage. Sie sollen abschätzen, wie weit die polnische Hauptstadt von Berlin entfernt ist. In den siebziger Jahren, noch zu Zeiten des Kalten Krieges und geschlossener Grenzen, kamen die Kommilitonen auf einen Schnitt von 1500 Kilometern. Damit hätten sie fast schon Paris erreicht. In den achtziger Jahren verringerte sich der geschätzte Abstand auf 1000 Kilometer. Inzwischen liegt die Vermutung bei 800 Kilometern – nicht mehr so fern von den genau 592 Kilometer Abstand.

Für Polens akademische Jugend sind Berlin, Deutschland, Kerneuropa also im Laufe der Zeit immer näher gerückt. Mit Polens Politikern verhält es sich genau umgekehrt. Wie im Zeitraffer haben sie sich in den vergangenen Monaten von Berlin und Kerneuropa entfernt.

Zwar wollen am kommenden Wochenende drei Viertel aller stimmberechtigten Polen am Referendum teilnehmen und zu rund 74 Prozent für den EU-Beitritt votieren. Sie tun das unabhängig von der Regierung, deren Leistung derzeit nur zwölf Prozent honorieren würden. Doch es geht nicht allein um die Regierung. Polens politische Klasse hat in jüngster Zeit fast geschlossen demonstriert, dass sie lieber dem klingenden Spiel der Amerikaner folgt, als Kärrnerarbeit in der polnischen Provinz zu leisten, wo es noch überall an Verwaltungs-Know-how für die EU fehlt. Was aber zählt schon die Entfernung von Berlin, von Brüssel – wenn George W. Bush auf dem Berge der polnischen Könige den Europäern die Gesetzestafeln der künftigen amerikanischen Weltpolitik vorhält!

Polens Elite, in der Geschichte gerühmt für ihren unbeugsamen Stolz, hat sich den amerikanischen Heerführern als Knappe angedient. Wie ist dieser Schritt zu erklären? Da sind die historischen Bedingungen, die immer wieder zitiert werden und die zu respektieren sind. Die Europäer – Preußen, Russen und Nazis voran – haben Polen zerstückelt; Napoleon enttäuschte Warschau, das schwache Frankreich ließ es 1939 im Stich. Die Amerikaner brachten dem Staat die Wiedergeburt und die Freiheit, von Woodrow Wilson bis Ronald Reagan.

Nach der Wende 1989 nutzte Polen diese Freiheit mit imponierender Anpassungsfähigkeit. Die Schocktherapie sorgte für einen Bilderbuchstart. Es gab weder Währungskrisen noch Rezessionen wie bei Tschechen und Ungarn. Unternehmergeist, eine flotte Warschauer Mittelklasse, die joborientierte Jugend machten das Land zum gleißenden Spiegelbild der Neuen Ökonomie im Osten.

Doch wie im Westen platzte auch an der Weichsel die schillernde Blase. Bitterer als andere bekam Polen – mit 38 Millionen Einwohnern ist es größer als die neun übrigen EU-Kandidaten Ostmitteleuropas zusammen – die lange unterschätzten heimischen Strukturprobleme und die verlorenen Impulse der Weltwirtschaft zu spüren. Im künftig sechstgrößten Staat der EU steigt die Arbeitslosigkeit jetzt gegen 20 Prozent an. Bei den 15- bis 24-Jährigen erreicht sie – bedingt durch die geburtenstarken Jahrgänge nach Verhängung des kommunistischen Kriegsrechts 1981 – bereits 45 Prozent. Polens Nachbarn befürchten, dass diese demografische Flut nach den ersten Jahren der EU-Mitgliedschaft auch gen Westen strömen wird.

Die Europäische Bank für Wiederaufbau und Entwicklung (EBRD) hat Polen Ende vergangenen Jahres als eines der korruptesten postkommunistischen Länder eingestuft. Die Reformen in der Landwirtschaft griffen nicht, die Privatisierung sei praktisch zum Stillstand gekommen. Das Open Society Institut (OSI) ortete Bestechlichkeit vor allem in der für die EU-Mitgliedschaft maßgeblichen öffentlichen Verwaltung, bei Polizei, Zoll und Justiz. Wie um dieses harsche Urteil zu bestätigen, platzte zur gleichen Zeit eine haarsträubende Korruptionsaffäre um Fernsehlizenzen. Das so genannte Rywin-Gate, benannt nach dem angeblichen "Hauptschurken" und Filmproduzenten Lew Rywin (Der Pianist), ließ besonders Ministerpräsident Miller, aber auch Staatspräsident Aleksander Kwa™niewski in dubiosem Licht erscheinen. In Kwa™niewskis stolzem Amtssitz, vor dem neben der polnischen Fahne die Nato-Flagge weht, erschien die Staatsanwaltschaft, um den Präsidenten als Zeugen zu hören.