Hunderttausende werden auch in diesem Sommer wieder Urlaub an Nord- und Ostsee machen, und nur die wenigsten werden ahnen, dass sich hinter den weißen Fassaden vieler Hotels und Pensionen ein dunkles Kapitel deutscher Geschichte verbirgt, über das nicht gern gesprochen wird: In den meisten Seebädern waren Juden seit den Zeiten des Kaiserreichs unerwünscht; hier wurde bereits lange vor Hitlers Machtantritt erprobt, was nach 1933 reichsweite Praxis werden sollte: die systematische Ausgrenzung der Juden aus der deutschen Gesellschaft.

Merkwürdig, dass die historische Forschung dem Bäder-Antisemitismus – das Schlagwort bürgerte sich bereits vor dem Ersten Weltkrieg ein – kaum Aufmerksamkeit zugewandt hat. Bislang gab es dazu nur einige wenige Aufsätze in Fachzeitschriften. Nun hat Frank Bajohr diesem Phänomen eine eingehende Untersuchung gewidmet. Der Autor, Historiker an der Forschungsstelle für Zeitgeschichte in Hamburg, ist bereits mit einer Reihe bemerkenswerter Pionierarbeiten hervorgetreten, unter anderem zur "Arisierung" in Hamburg (1997) und zur Korruption im "Dritten Reich" (Parvenüs und Profiteure, 2001). Auch sein neues Buch zeichnet sich durch präzise, schnörkellose Analyse und durch intensives Quellenstudium aus. Bajohr hat sich durch viele Jahrgänge der Zeitung des Centralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens und des Israelitischen Familienblatts gearbeitet, in Regionalarchiven geforscht und – für die Jahre der Weimarer Republik – auch die lange verschollen geglaubten Akten des Centralvereins ausgewertet, die 1991 im Moskauer Sonderarchiv entdeckt wurden. Dieser Bestand ist deshalb besonders wichtig, weil der 1893 gegründete Abwehrverein eine seiner wichtigsten Aufgaben darin sah, Material über antisemitische Vorfälle zu sammeln und vor dem Besuch einschlägig bekannter Orte zu warnen.

Die Darstellung beginnt mit einer Schilderung der Zustände auf Borkum, einer Hochburg des Antisemitismus bereits um die Jahrhundertwende. Was der Autor berichtet, klingt fast unglaublich, wäre es nicht alles sorgfältigst belegt. Ein Inselführer von 1897 pries als "besonderen Vorzug" Borkums, "daß es judenrein ist". Auf Schildern war zu lesen: "Juden und Hunde dürfen hier nicht herein!" In den Hotels hing ein "Fahrplan zwischen Borkum und Jerusalem" ("Retourkarten werden nicht ausgegeben"). Und täglich intonierte die Kurkapelle und sangen die Kurgäste das Borkumlied, die Nationalhymne der Insel, in deren letzter Strophe es hieß: "Doch wer dir naht mit platten Füßen, mit Nasen krumm und Haaren kraus, / der soll nicht deinen Strand genießen, / der muß hinaus! Der muß hinaus! Hinaus!"

Borkum war jedoch, wie der Autor betont, kein Einzelfall, sondern "lediglich die Spitze eines Eisbergs". In den Nordseebädern breitete sich der Antisemitismus vor dem Ersten Weltkrieg geradezu epidemisch aus – lediglich Norderney, Helgoland, Wyk auf Föhr und Westerland auf Sylt galten als "judenfreundlich". Nicht besser sah es in den Ostseebädern aus. Heiligenhafen, Nienhagen, Graal-Müritz, Sellin auf Rügen, die Insel Vilm im Rügenschen Bodden, Bansin und Zinnowitz auf Usedom, das pommersche Leba. "Eine vergleichbare Massierung antisemitischer Erholungsorte" habe es "in keiner anderen deutschen Ferienregion" gegeben, stellt Bajohr nüchtern fest. Dabei verweist er auf die Schlüsselrolle, die dem Verhalten der jeweiligen lokalen Badeverwaltungen zukam. An ihnen lag es, ob die zumeist von antisemitischen Gästen ausgehenden Bemühungen, einen Urlaubsort "judenfrei" zu machen, bekämpft, geduldet oder gar gefördert wurden.

Allerdings beschränkt sich der Autor nicht darauf, die verschiedenen Erscheinungsformen des Bäder-Antisemitismus zu beschreiben. Er fragt nach den "soziokulturellen Hintergründen" und verknüpft diese Frage mit der Geschichte des Tourismus seit dem letzten Drittel des 19. Jahrhunderts. Urlaubsreisen waren vor 1914 noch weitgehend ein Privileg von Adligen und Bürgern. Für eine Minderheit wie die der deutschen Juden, die wirtschaftlich ungewöhnlich erfolgreich, gesellschaftlich aber noch in vielerlei Hinsicht zurückgesetzt waren, bot der Aufenthalt in einem See- oder Kurbad eine willkommene Gelegenheit, sich nicht nur zu erholen, sondern auch den erreichten sozialen Status demonstrativ zur Geltung zu bringen. Gerade dadurch aber erregten sie Neid und Missgunst bei jenen, die ihren gesellschaftlichen Rang bedroht sahen – bei weniger vermögenden Vertretern der adligen Elite ebenso wie unter Angehörigen der bürgerlichen Mittelschichten, die im "jüdischen Parvenü" einen lästigen Konkurrenten im Kampf um den sozialen Aufstieg sahen. Wenn etwa der Schriftsteller Theodor Fontane 1882 in einem Brief an seine Frau aus Norderney schrieb: "Fatal waren die Juden; ihre frechen, unschönen Gaunergesichter (denn in der Gaunerei liegt ihre ganze Größe) drängen sich einem überall auf" – dann war diese Klage, nach dem Urteil Bajohrs, geradezu typischerAusdruck jenes Ressentiments, das Juden selbst in nicht ausgesprochen antisemitischen Seebädern entgegenschlug.

Und wie immer Juden auf die feindselige Abwehr reagierten, sie konnten es den Antisemiten nie recht machen: Traten sie selbstbewusst auf, dann galten sie als "protzig" und "unverschämt"; übten sie sich in betonter Bescheidenheit, so wurde ihr Verhalten als "süßlich-zuvorkommend" oder "schmierig-unaufrichtig" denunziert. Die Folge: Nicht wenige jüdische Gäste versuchten ihre Herkunft zu verleugnen oder sich gar mit antijüdischen Bemerkungen ihrer Umgebung anzupassen.

Für die Jahre der Weimarer Republik konstatiert Bajohr eine deutliche Radikalisierung des Antisemitismus. Das judenfeindliche Klischee des "Parvenüs" wurde nun abgelöst durch das des "Kriegs- und Inflationsgewinnlers". Zugleich wurden Ressentiments und Neidgefühle politisch aufgeladen durch die Hasspropaganda gegen den so genannten "Schandfrieden" von Versailles, für den Nationalisten und völkische Rechte vor allem die Juden verantwortlich machten. Am Beispiel der Seebäder kann der Autor nachweisen, wie gesellschaftlicher und politischer Antisemitismus sich verbanden und wechselseitig verstärkten. Abzulesen war dieser Prozess nicht nur an der wachsenden Zahl von Hotels und Pensionen, die sich weigerten, Juden aufzunehmen, sondern auch an den sich häufenden gewalttätigen Übergriffen auf jüdische Gäste.

Als Zentrum anstisemitischer Agitation tat sich wiederum Borkum unrühmlich hervor, aber auch in Zinnowitz bemühten sich völkische Aktivisten darum, aus dem Seebad ein "Borkum der Ostsee" zu machen. Nach dem Muster des Borkumliedes ersannen sie ein Zinnowitzlied, dessen Schlusszeilen lauteten: "Und wer da naht vom Stamm Manasse / ist nicht begehrt, / Dem sei’s verwehrt. / Wir mögen keine fremde Rasse! / Fern bleibt der Itz / Von Zinnowitz." – "Es ist ekelhaft, daß solche Verhetzung erlaubt ist", empörte sich Victor Klemperer, der 1927 im benachbarten Heringsdorf Urlaub machte.

Selbst in den traditionellen Refugien wie Heringsdorf oder Norderney, die sich viel auf ihre Toleranz zugute hielten, war seit Mitte der zwanziger Jahre, erst recht gegen Ende der Weimarer Republik eine politische Klimaveränderung zu beobachten. Auch hier konnten Juden, in den Worten des Autors, "nicht mehr sicher sein, ob sie immer noch geschätzte oder nur noch geduldete Gäste waren". Diese Situation war umso deprimierender, als immer mehr Kurorte in Bayern, die vor 1914 noch kaum vom Antisemitismus berührt worden waren, nach der Niederschlagung der Münchner Räterepublik 1919 und der sich anschließenden Gegenrevolution von rechts jüdischen Touristen verschlossen blieben oder sich in ein für sie nicht ungefährliches Territorium verwandelten. In einem Exkurs über den "Tatort Bayern" geht der Autor auch auf dieses düstere Kapitel des Alpentourismus ein, zu dem Kurt Tucholsky 1924 in der Weltbühne polemisch anmerkte: "Man reist selbst in Afrika bequemer und gefahrloser als in Bayern – ganz abgesehen von der dort herrschenden Zivilisation."

Das Bild wäre freilich unvollständig, wenn es nicht auch Gegentendenzen und Gegenkräfte berücksichtigte. Frank Bajohrs Darstellung ist gerade deshalb so überzeugend, weil es auch diese Seite nicht ausblendet, sondern akribisch dokumentiert. Er schildert, wie in den zwanziger Jahren die staatlichen Instanzen verstärkte Anstrengungen unternahmen, dem Treiben der Antisemiten in den Bade- und Kurorten Einhalt zu gebieten. So ließ die Bezirksregierung in Aurich 1924 dasAbspielen des Borkumliedes verbieten und setzte Polizeibeamte gegen die renitente Badedirektion ein. Doch das Amtsgericht Emden und – später – das preußische Oberverwaltungsgericht erklärten das Spielverbot für ungültig. Ein symptomatischer Vorgang: Die Weimarer Justiz fiel den demokratischen Kräften in den Rücken und verhalf den Antisemiten zu einem billigen Triumph.

Wie sehr die Anhänger der Republik längst vor Beginn der Weltwirtschaftskrise 1929 in der Defensive waren, veranschaulicht Bajohr auch anhand der Konflikte um die Reichsflagge. In den Seebädern galten die Weimarer Nationalfarben Schwarz-Rot-Gold als "Judenlappen". Man bevorzugte hier die Flagge der untergegangenen Hohenzollern-Monarchie Schwarz-Weiß-Rot und gegen Ende der Weimarer Republik zunehmend auch die Hakenkreuzfahne der Nationalsozialisten.

Viele Juden empfanden schon vor 1933 ein wachsendes Gefühl der Heimatlosigkeit und der Isolation. Wohl gab es immer wieder auch nichtjüdische Gäste, die mutig gegen die antisemitische Hetze ihre Stimme erhoben. Doch solche Beispiele von Zivilcourage blieben, wie Bajohr zeigt, die Ausnahme. Die Mehrheit verhielt sich, wie später auch im "Dritten Reich", indifferent.

Nach 1933 konnten die Nationalsozialisten an den "Erfolgen" des Bäder-Antisemitismus anknüpfen. Allerdings verlagerte sich die Initiative nun von den Badegästen auf die lokalen Funktionsträger der NSDAP, die darin wetteiferten, ihre Orte für "judenfrei" zu erklären. Bis Ende 1935 waren jüdische Urlauber aus den Bädern der Nord- und Ostsee vollständig verdrängt. Ein Erlass des Reichsinnenministers vom Juli 1937 setzte den administrativen Schlusspunkt.

Dieses Buch, zu Recht in der renommierten Schwarzen Reihe des S. Fischer Verlages erschienen, ist eine der wichtigsten zeitgeschichtlichen Veröffentlichungen der letzten Jahre. Es macht deutlich, dass der Antisemitismus im Kaiserreich und in der Weimarer Republik mit seiner tief ins Alltagsleben hineinwirkenden gesellschaftlichen und politischen Dynamik sehr viel ernster genommen werden muss, als dies häufig geschieht. Freilich wendet sich Bajohr gegen eine simple Kausalität. Denn schließlich, auch das zeigt der Autor, war der Bäder-Antisemitismus kein spezifisch deutsches Phänomen, sondern in vielen Ländern anzutreffen. Eine deutsche Besonderheit – im Unterschied etwa zum Resort Antisemitism in den Vereinigten Staaten freilich war, dass hier die in der Gesellschaft virulente Judenfeindschaft durch einen radikalen ideologischen "Erlösungs-Antisemitismus" (Saul Friedländer) aufgeladen wurde – mit der Konsequenz, die Juden auszuschließen und sie letztlich aus Deutschland zu vertreiben. Im Bäder-Antisemitismus wurde dieses Programm bereits im Ansatz verwirklicht. Unter seinem Einfluss bildeten sich vor 1933 an Nord- und Ostsee Zonen der Apartheid heraus, die, so das Fazit des Autors, der Ausgrenzungspolitik der Nationalsozialisten den Boden bereiteten.

Frank Bajohr: "Unser Hotel ist judenfrei"

Bäder-Antisemitismus im 19. und 20. Jahrhundert; Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt a. M. 2003; 233 S., 12,90 ¤