Die offizielle Geschichtsschreibung der DDR sah im 17. Juni bloß einen "faschistischen Putschversuch". Als ein Beleg für diese Deutung diente der Fall Erna Dorn.
Die mutmaßliche KZ-Aufseherin war in Halle von den Aufständischen aus dem Gefängnis befreit und – angeblich – sofort wieder konspirativ tätig geworden.
Der DDR-Autor Stephan Hermlin stellte sie in den Mittelpunkt seiner (damals viel gelesenen) Novelle "Die Kommandeuse", ein Text, der im Wesentlichen auf der Parteilinie lag und die offizielle Sicht der Ereignisse teilte.
Doch was steckte hinter diesem Werk? Und wer war Erna Dorn wirklich?

Ein Anfang wie von Kleist: "Am 17. Juni 1953, kurz vor Mittag, betraten zwei Männer die Zelle einer gewissen Hedwig Weber in der Saalstedter Strafanstalt und machten, als die Weber auf die Frage nach dem Grunde ihrer Haft erwidert hatte, sie habe fünfzehn Jahre abzusitzen wegen Verbrechens gegen die Menschlichkeit, ihr mit den Worten: ,Solche wie Sie suchen wir gerade!‘ die Mitteilung, sie sei frei."

Skandal und schreiendes Unrecht, so beginnt Stephan Hermlins 1954 erschienene Novelle Die Kommandeuse, eine der beiden berühmten Erzählungen des Volksaufstands (die andere ist Stefan Heyms Roman 5Tage im Juni ). Hermlin verdichtete das Schicksal der wohl rätselhaftesten Gestalt der Erhebung. Seine Hedwig Weber ist die ehemalige "Lagerführerin" des KZ Ravensbrück. Altnazis befreien sie am 17. Juni aus dem Zuchthaus "Saalstedt" (= Halle). Stracks führt die Unverbesserliche ihr verbrecherisches Treiben fort. Sie wiegelt die Massen auf, hetzt gegen die Volksmacht, bezeugt ungebrochene Nazi-Gesinnung. Der Umsturz scheitert, die Unholdin wird eingefangen. Prozess. "Sie dachte, als das Gericht erschien, ganz schnell: lebenslänglich, lebenslänglich, lebenslänglich. Man hatte sie aufstehen lassen. Sie war zum Tode verurteilt. […] Sie wollte nicht schreien und umfallen. Zum ersten und letzten Male in ihrem Leben suchte sie in sich vergeblich die unbekannte Kraft, die sie an ihren eigenen Opfern toll gemacht hatte. Da war eine deutsche Studentin gewesen, die sich stumm zu Tode prügeln ließ; eine Russin hatte vorher noch ,Hitler kaputt!‘ gerufen; vier Französinnen waren, die ,Marseillaise‘ singend, zum Erschießen in den Bunker gegangen. Eine Stimme in ihr jammerte um ihr Leben. Da war nur diese Stimme in ihr und eine blutige wüste Leere, als zwei Volkspolizisten sie abführten."

Hedwig Weber gab es; sie hieß Erna Dorn. Wer sie wirklich war, ist in vielem dunkel – paradoxerweise, weil das Bekannte meist aus Dorns Selbstaussagen stammt. Was wir wissen können, haben die Historiker Jens Ebert und Insa Eschebach recherchiert; ihre Dokumentation erschien 1994 unter dem Titel Die Kommandeuse im Berliner Dietz Verlag. Demnach wurde Erna Dorn am 17. Juli 1911 als Erna Kaminski in Tilsit geboren. Ihr Vater, gab sie an, war kaufmännischer Angestellter; das habe auch sie gelernt. In den dreißiger Jahren habe der Vater Karriere bei der Gestapo gemacht und sei sogar zu deren Leiter in Königsberg aufgestiegen. Er habe sie gleichfalls zur Gestapo gezwungen, behauptete Erna Dorn bei ihrer Vernehmung am 21.Juni 1953. "Meine Mutter war dagegen, weil, wenn mein Vater nach Hause kam und von seinen begangenen Verbrechen erzählte, meine Mutter es mit der Angst bekommen hat, weil ihr derartige Unmenschlichkeiten gar nicht vorstellbar waren."

Häufig klingen die Dornschen Aussagen nach der Sprache ihrer Vernehmer. Dennoch ist dies eine ungewöhnliche Passage. Sonst äußert Erna Dorn durchaus kein Unrechtsbewusstsein bezüglich des Nazi-Regimes, sondern schildert, scheint es, unbekümmert ihre Taten. Sie habe als Assistentin im Gestapo-Ermittlungsdienst gearbeitet, "um solche Personen zu ermitteln, die gegen das faschistische System hetzten und Gerüchte verbreiteten". Diese seien dann verhaftet worden. Auch Haussuchungen habe sie durchgeführt. Der Vernehmer fragt: "Wieviel Personen haben Sie liquidiert, welche sich gegen das faschistische Gewaltregime zur Wehr setzten?" – "Es können ca.80–90 Personen gewesen sein."

Ein Geheimnis soll sie umgeben – bis zum Schluss

Einmal noch muss der Vater zur Entschuldung herhalten: "Ich ging 1941 in das KZ Ravensbrück. Vorher nahm ich mit meinem Vater Rücksprache, da es mir bei der Gestapo nicht mehr gefiel. Ich wollte erst aufhören, aber mein Vater sagte, er würde mich dann selbst ins KZ bringen." Erna Dorn kam zur Politischen Abteilung des Frauenlagers. In deren Zuständigkeit fielen Vernehmungen, Häftlingstransporte, Registratur, Postzensur. Seit 1938 war Erna Kaminski verheiratet mit dem SS-Unterscharführer Erich Dorn; er soll in Ravensbrück Aufseher gewesen sein. Was genau Erna Dorn dort getan hat, entzieht sich unserer Kenntnis. Die Akten der Politischen Abteilung sind vernichtet, außerdem verstrickte sich die Angeklagte in Widersprüche. Sekretärin sei sie gewesen, nein, Kommissarin. "Ich war auch Aufseherin. Wenn die Häftlinge nicht ordnungsmäßig angetreten waren, habe ich auch des öfteren Häftlinge geschlagen, mit der Hand ins Gesicht. Ich hab auch getreten." Aber nicht einmal der Aufenthalt in Ravensbrück ist völlig verbürgt. Den Standort ihrer Dienststelle vermochte Erna Dorn nicht zu bezeichnen. Bei Gegenüberstellungen mit ehemaligen Gefangenen wurde sie teils nicht erkannt, teils übertriebener Selbstbezichtigung überführt, was sogar die Ankläger skeptisch machte. Verlass schien nur auf das Geltungsbedürfnis der kleinwüchsigen Frau.

Ende 1944 will Erna Dorn ins Lager Lobositz (Sudetengau) versetzt worden sein. Bei Kriegsende verschafft sie sich eine neue Identität: Nazi-Opfer mit KZ-Entlassungsschein. Ein Sprung in den Spiegel: Die Verwandlung ins Gegenbild gestattet Erna Dorn, ihre Lager-Biografie zu behalten, nun in der Opfer-Rolle, also weiter obenauf. Erna Brüser, wie sie sich jetzt nennt, ist nur ein besonders rabiater Fall jener Verdrängungsbegabung, die Millionen Deutsche nach dem Sturz der NS-Diktatur bewiesen. "Viele Frauen, die damals die nationalsozialistischen Perspektiven und Hoffnungen auf den ,Endsieg‘ teilten und die psychischen Voraussetzungen dieser Gesellschaft mittrugen", schreiben Ebert und Eschebach in ihrem Buch, "empfanden sich bereits kurz nach Kriegsende selbst als Opfer der Ereignisse und konnten sich schon Wochen später nicht mehr an ihre Anpassung und Unterstützung des NS-Regimes erinnern."

Nach etlichen Wirren landet Erna Brüser als Ostvertriebene in Halle. Sie stamme, gibt sie an, aus Königsberg und habe dort bis 1932 bei der Polizei gearbeitet. Wegen marxistischer Betätigung habe man sie 1940 inhaftiert. Ihr Mann sei 1943 im KZ Sachsenhausen umgekommen. Die Hallesche Behörde für Opfer des Faschismus (OdF) versorgt sie mit Kleidung, Hausrat und einer Arbeit bei der Aufbaulotterie. Anfang 1947 denunziert Erna Dorn – gelernt bleibt gelernt – nach einem Nachbarschaftsstreit ihre Kontrahentin beim OdF-Amt als "in meinen Augen minderwertige Person", die antikommunistische Äußerungen getan habe. Nachbar G. sei "in der SA Obertruppführer gewesen und Frau G. in der Frauenschaft und Leiterin der Bezirksverteilungsstelle 15. Ich bitte doch darum, nachprüfen zu wollen, ob Frau G. Mitglied der CDU ist, vermutlich ja. […] Ich gebe am Schlusse meines Schreibens der Bitte und der Hoffnung Auskunft, daß genannte Person sehr bald für derartige Verleumdungen ihrer gerechten Strafe zugeführt wird und schließe mit sozialistischem Gruß Erna Gewald."

Dies ist nun ihr vierter Name. Ende 1945 hat sie Max Gewald geheiratet, einen Bauarbeiter und Spanienkämpfer, anerkannt als Opfer des Faschismus. Auch Erna Dorn ist der KPD beigetreten. Nach der Eheschließung wird sie Hausfrau. Um sich Sonderzuteilungen zu erschleichen, täuscht sie mit einem Kissen Schwangerschaft vor – zwei Jahre lang. Das hilft ihr auch in prekärer Lage: Am 31. August 1948 findet in Halle der Prozess gegen Gertrud Rabestein statt, die Hundeführerin von Ravensbrück. Erna Gewald wird als Zeugin geladen. Natürlich muss sie diese Begegnung vermeiden. Sie kann nicht vor Gericht erscheinen, wegen Schwangerschaft.

Am 26. Januar 1950 wird Erna Gewald wegen Betrugs und Wirtschaftsvergehens zu elf Monaten Gefängnis verurteilt. Die Partei stößt sie aus. Max Gewald, nun Polizei-Offizier, hat sich wegen dauernder Hehlereien von ihr scheiden lassen (sie beschuldigt ihn später halt- und erfolglos, SS-Mann gewesen zu sein, gar Lagerkommandant von Lobositz). Am 28. November 1950 wird sie vorzeitig entlassen, im Januar 1951 erneut inhaftiert. Sie hat Gelder unterschlagen und am Bahnhof Halle Gepäck gestohlen. Sie nennt nicht nur ihre Komplizen, sondern zeiht sich plötzlich ungeheurer Dinge. Sie sei Spionin. Pläne von DDR-Industrieanlagen will sie nach Westen geliefert haben. Sie fabelt von geplanten Sprengungen. Sie kenne geheime Waffenlager und amerikanische Offiziere. Ihr Vater sitze als Westagent in einer ostdeutschen Landesregierung. Die Agentenfurcht war damals allgegenwärtig. Unter dem Vorwurf Westspionage wurden in der DDR spektakuläre Schauprozesse geführt, mit drakonischen Urteilen bis zur Todesstrafe. Im geringsten Verdachtsfall hätte man nicht gezögert, Erna Dorn den Prozess zu machen. Aber die Vernehmer halten sie für eine Fantastin. Sie wird nicht Mata Hari, sondern entlassen, im November 1951.

Zwei Wochen später sitzt sie wieder ein, diesmal wegen Verdachts auf Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Jetzt geht es um ihre Gestapo- und KZ-Vergangenheit. Aus Selbstbelastungen und Zeugenaussagen rekonstruiert die Anklage eine vage Vita und verurteilt Erna Dorn am 23. Mai 1953 zu einer Zuchthausstrafe von 15 Jahren. Das Strafmaß reflektiert die Staatsdoktrin der DDR: den Antifaschismus, der ja auch ein Instrument des Kalten Krieges war. Während die restaurative Bundesrepublik mit NS-Verbrechern alsbald lax verfuhr, durften sie in der DDR auf keine Nachsicht hoffen. 15 Jahre, das galt fast als moderater Spruch.

Es geschieht der 17. Juni. Halle ist ein Zentrum der Unruhen, ausführlichst nachzulesen in Hans-Peter Löhns gerade (in der Bremer Edition Temmen) erschienenem Buch Spitzbart, Bauch und Brille – sind nicht des Volkes Wille! Die hallesche Erhebung beginnt mit einem Marsch der Waggonbauer aus dem Vorort Ammendorf ins Zentrum der Stadt. Am Thälmannplatz, dem heutigen Riebeckplatz, gegenüber dem Hauptbahnhof versucht die Menge, inzwischen 8000 Menschen stark, das Gebäude der SED-Kreisleitung zu stürmen. Wachleute schießen in die Luft. Mangels einheitlicher Führung teilt sich der Zug. Eine Kolonne zieht zur SED-Bezirksleitung, die zweite zur Strafvollzugsanstalt II, die dritte zum Markt. Am Roten Ochsen, dem Stasi-Untersuchungsgefängnis, verlangen 700 Demonstranten die Herausgabe der politischen Gefangenen. Ein Lkw drückt die Torflügel auf. Der Gefängniskommandant gibt Feuerbefehl. Fünf Aufständler sterben. Die Menge flieht.

Erfolgreicher sind die Demonstranten vor der Strafanstalt II. Angesichts der Übermacht verlegt sich die Polizei aufs Diskutieren. Konfrontiert mit dem Ultimatum Öffnung oder Sturm, verfügt der Bezirksstaatsanwalt die Entlassung aller Gefangenen mit einer Haftstrafe bis zu drei Jahren. Die Gefängnisleitung versucht die Menge hinzuhalten. Die stürmt daraufhin das Zuchthaus und befreit sämtliche 245 Insassen, darunter Erna Dorn. Wie viele Mitgefangene begibt sie sich zur Stadtmission, wo sie Essen und Kleidung erhält. Was dann geschieht, ist dunkel.

Am Mittag des 18. Juni – der Aufstand kommt rapide zum Erliegen – wird Erna Dorn ins Gefängnis zurückgeführt. Man findet bei ihr einen Brief: "Lieber Vati! Seit gestern befinde ich mich in Freiheit. […] Möge doch nun auch die Stunde kommen, wo unser geliebter Führer wieder funktioniert und die Fahnen der nationalsozialistischen Partei wehen werden und ich wieder meinen Dienst in der pol. Abtlg. oder bei unserer Gestapo versuchen kann […]." Dieser Brief dient der Staatsanwaltschaft beim Prozess gegen Erna Dorn als einziges Belastungsdokument. Alles andere beruht auf Selbstaussagen. Die Angeklagte behauptet, sie habe am 17.Juni bei der Kundgebung auf dem Hallmarkt gesprochen und sich für ihre Befreiung bedankt. "Weiterhin sagte ich, da ich in Erfahrung gebracht hatte, dass die Regierung der Deutschen Demokratischen Republik gestürzt ist, dass nun endlich der Tag der Befreiung gekommen ist. […] es lebe die Freiheit, es lebe die Revolution, nieder mit der Regierung der Deutschen Demokratischen Republik." 60000 Menschen hatten sich am Hallmarkt versammelt, geduldet von der sowjetischen Besatzungsmacht. Dass Erna Dorn dort geredet hätte, wurde nie bewiesen.

Aber nun rollt die Reconquista der SED. Erna Dorn heißt fortan "SS-Kommandeuse". Von ihren "bestialischen Verbrechen" weiß die hallesche Freiheit am 20. Juni 1953 zu berichten: "Sie hatte sich u.a. wiederholt an Erschießungen weiblicher Häftlinge beteiligt und die wegen ihres antifaschistischen Kampfes im KZ eingekerkerten Frauen bei geringster Gelegenheit grausam mit der Reitpeitsche behandelt. Gleich nach ihrer gewaltsamen ,Befreiung‘ aus der Haft wurde die SS-Bestie Dorn in den ,Führungsstab‘ der Provokateure aufgenommen." Nun werden ihr auch die Spionagegeschichten zum Verhängnis. Den Brief an den Vater (nach Hannover) hat sie unterfertigt mit "AM3-ZB5-AR2" – "Bezeichnungen für Agentenzentralen in Westdeutschland", wie sie angibt. Ihr Vater habe sie von seinen Verbindungen zur antikommunistischen "Kampfgruppe gegen Unmenschlichkeit" wissen lassen und von den Vorbereitungen des Tages X.

Am 22. Juni 1953 verurteilt das Bezirksgericht Halle in einem hanebüchenen Eilprozess Erna Dorn wegen "faschistischer und Kriegshetze" zum Tode. Sie habe Pläne unterstützt, "die Regierung der DDR zu stürzen bzw. in deren Gebiet eine Situation zu schaffen, die es den westlichen imperialistischen Mächten ermöglich hätte, bei uns in Deutschland mit einem neuen Korea und mit ihrem geplanten Feldzug gegen die Sowjetunion sowie die Volksdemokratien zu beginnen". Berufung und Gnadengesuch werden abgelehnt. Am 1. Oktober 1953 stirbt Erna Dorn in Dresden unter dem Fallbeil. Ihr Abschiedsbrief liest sich erstaunlich gefasst, etwas wirr wie viele ihrer Äußerungen, auch gewollt nebulös. Ihr Ende stilisiert sie zum Opfertod. Schweigend habe sie viele bewahrt. "Ich werde eben für alle büßen." Ein Geheimnis soll sie umgeben, bis zum Schluss, und länger.

Die Aufständischen verbrennen Hermlins Buch

Der Fall Erna Dorn diente der DDR-Macht als Kronzeugnis ihrer Doktrin vom faschistischen Umsturzversuch. Fortschrittskräfte und Rote Armee hätten einen westlich gesteuerten Putsch verhindert. Dagegen war nach bundesdeutscher Lesart ein Volksaufstand gegen die kommunistische Diktatur gescheitert. Hermlins Tendenznovelle half der SED-Deutung; das ist dem Autor immer wieder vorgeworfen worden. Er geriet zwischen die Stühle. Im Westen zieh man ihn der Schreibhilfe für Propaganda und kommunistische Geschichtsklitterei. Angegriffen sah er sich auch in der DDR, wo Hermlins spätbürgerlicher Gestus und Ton des Öfteren proletkünstlerische Attacken zu parieren hatte. Weidlich naive Wortführerin war die Schriftstellerin Marta Nawrath. Wo berichte Hermlin vom proletarischen Widerstand gegen den faschistischen Putsch, fragt sie 1955 in der März-Ausgabe der Zeitschrift neue deutsche literatur. Und die Weber-Dorn schildere der Autor als "völlig inaktive, geschobene Frau […]. Man muß sich als Leser die Kenntnis der Greueltaten einer vertierten SS-Kommandeuse ins Gedächtnis rufen, um mit dieser, die Hermlin schildert, nicht gar etwas wie Mitleid zu haben." Hermlin, dem platt-politische Indienststellung von Ästhetik ein Graus war, erwiderte pikiert: "Nachträgliche Schönfärberei hat mit Literatur nichts zu tun." Später notierte er: "Der Widerspruch im Westen äußerte sich vor allem im Zorn über die Verfälschung des Freiheitskampfes. Der im Osten protestierte gegen den Versuch, das Psychogramm einer Faschistin zu entwerfen, womit der Konterrevolution Vorschub geleistet wurde. Die Kritiker in Ost und West ahnten nicht, wie sehr ihre Positionen einander glichen."

Seltsame Äquidistanz, galt und gilt doch Die Kommandeuse als Lehrbuch-Exempel affirmativer DDR-Literatur. Wer genau liest, dem klingt ein Unterton: Volksangst. Die revolutionäre Masse figuriert als reaktionärer Mob. Gerade darin war Hermlin den Herrschern seines Staates nah. Die SED-Geschichtsschreibung behandelte den 17. Juni auffällig defensiv, anders als etwa das Thema Mauerbau. In den Augen der Partei blieb der 17. Juni jenes traumatische Datum, an dem die Arbeiterklasse ihrer selbst ernannten Elite die Gefolgschaft gekündigt und nach 1933 zum zweiten Mal versagt hatte. Für Hitlers 30. Januar stand nun Adenauers Tag X, der den deutschen Arbeiter-und-Bauern-Staat der restaurativen Bundesrepublik einverleiben sollte.

Brachiale Analogie, aber stimmte das Gegenteil? Sowenig die SED die Gründe für den Volksaufstand nach Westen auslagern durfte, so penetrant diente er dort als Medium der bundesdeutschen Selbstgerechtigkeit. Auf den Schultern der Westalliierten ließ sich’s gut reiten gegen die Sowjetunion, die, es war nicht lange her, die Hitlerei beendet hatte. Und wie stets erwies sich "Freiheit!" als geräumige Parole. Es war Willy Brandt, der mahnte, auf den Transparenten der Ostdeutschen habe nichts gestanden von "Reprivatisierung der Mammutwerke". In den Demonstrationen drücke sich keineswegs "der Schrei nach dem Anschluß an Bonn aus, sondern […] der Anspruch auf die echte Mitgestaltung dieser arbeitenden Menschen bei der Schaffung einer gesamtdeutschen Ordnung".

Als Tag der deutschen Einheit war der 17. Juni denkbar ungeeignet. Adenauer hatte ja Stalins Offerte eines geeinten, neutralen Deutschland abgewiesen und sich für die Westanbindung entschieden. Also beschloss der Kreml, sein Dritteldeutschland zur Vorburg aufzurüsten, und befahl Ost-Berlin die Schaffung der Kasernierten Volkspolizei, aus der dann die NVA entstand. Zusammen mit den Kosten für die sowjetische Besatzung, die gleichfalls von der DDR zu tragen waren, entzog das dem DDR-Haushalt elf Prozent, was durch Arbeitsnorm-Erhöhungen ausgeglichen werden sollte. Schon vor den Aufständen waren diese Normerhöhungen widerrufen worden. Ebenso hatte Moskaus Einspruch Ulbrichts eigenmächtigen Kurs zum beschleunigten Aufbau des Sozialismus abgeblasen. Der 17.Juni 1953 hob dann den fast gestürzten Ulbricht wieder in den Sattel; dafür wurde am 26. Juni Stalins Erbe Berija verhaftet. Ein Vorwurf: Er habe die DDR an den Westen veräußern wollen. Berija wurde erschossen, Ulbricht herrschte bis 1971. Das DDR-Volk gewann seine Revolution erst 1989, als sich die Macht in Volkes Urteil fügte, ihre Zeit sei abgelaufen.

Das Todesurteil gegen Erna Dorn wurde 1994 für rechtswidrig erklärt und aufgehoben. Stephan Hermlin starb 1997, Monate nach einem erbitterten Ost-West-Literatenstreit um seine antifaschistische Biografie. Von seiner Novelle hat er sich nie distanziert, aber von der Bezeichnung des 17. Juni als "schmutziger, faschistischer Putsch". Das sei eine Vereinfachung gewesen, als Reaktion auf andere Vereinfachungen wie "Arbeiterrevolution" und "Freiheitskampf". "Der 17. Juni fand acht Jahre nach dem Zusammenbruch des deutschen Faschismus statt, in einem gepeinigten, entnervten, demoralisierten Land", sagte Hermlin 1980 im Gespräch mit Ulla Hahn. "Es hätte seltsam zugehen müssen, wenn am 17. Juni der Faschismus keine Rolle gespielt hätte." Hermlins Kommandeuse enthält auch eine Szene, in der Aufständische Bücher verbrennen. Er selbst erlebte den 17. Juni gar nicht in der DDR, sondern in Budapest, bei der Tagung des Weltfriedensrats. Derweil wurde vor einer Magdeburger Druckerei sein eben fertiges Buch Die Sache des Friedens auf die Straße geworfen und verbrannt.