Ann Arbor, Michigan

Die Geschichte dieses Gerichtsverfahrens, das Amerika auf Jahrzehnte prägen dürfte, beginnt auf einer braunen Sofagarnitur. Carl Cohen sitzt in seinem Wohnzimmer, genießt den Ausblick auf das Arboretum von Ann Arbor und greift zu einer Zeitschrift. Es ist das Journal of Blacks in Higher Education.

Acht Jahre ist dieser Moment nun her, und Carl Cohen beschreibt ihn, auf demselben Sofa sitzend, wie einen Wendepunkt in seinem Leben. Jedenfalls hat er schon ein Buch darüber geschrieben. Es soll in wenigen Wochen, nach dem Urteil des Verfassungsgerichts, erscheinen. Carl Cohen ist ein Urgestein der Universität von Michigan, Philosophieprofessor seit 1955, noch immer drahtig und argumentationsgewaltig, einer jener großen alten Männer, die der Hochschule zum Ehrentitel "Harvard des Mittleren Westens" verhalfen.

In der Zeitschrift für schwarze Hochschulangehörige liest er, dass der Prozentsatz schwarzer Bewerber, die einen Studienplatz an einer Eliteuniversität erhalten, deutlich höher sei als der weißer Bewerber. Cohen fragt sich: "Sind Schwarze schlauer als Weiße? Oder werden sie bevorzugt behandelt?" Neugierig geworden, geht Cohen der Sache an der eigenen Hochschule nach. Er erkundigt sich bei einem Freund in der Zulassungsstelle. "Ich kann dir nichts verraten, Carl", sagt der Freund. "Ist vertraulich." Cohen mahnt sein Recht zur Akteneinsicht schriftlich an. So beginnt der Rechtsstreit um die Grundsätze der Minderheitenförderung, der Amerika spaltet und Carl Cohen in einen jahrelangen Konflikt mit seiner geliebten Alma Mater verwickeln wird.

Das weiße Schuldbewusstsein wirkt wie eine Droge

Denn jene Dokumente, die Cohen schließlich zugeschickt werden, hält er für "schockierend". Mitten in der Erzählung springt er vom Sofa auf, läuft in seine Studierstube und bringt einige der alten Papiere mit. "Schauen Sie", sagt er, "Diskriminierung! Schockierende, himmelschreiende Diskriminierung!" Er zeigt auf Zahlenkolonnen. "Die juristische Fakultät: zwei Prozent aller weißen Bewerber angenommen, aber hundert Prozent aller Schwarzen." Nächstes Blatt. "Und hier: Schwarze haben bei den standardisierten Tests schlechtere Ergebnisse und werden trotzdem zugelassen." Für Carl Cohen ist das wider die Verfassung, denn die sei farbenblind.

Amerikas oberstes Gericht erklärte Quoten 1978 für verfassungswidrig. Sie verletzten den Gleichheitsgrundsatz. Geklagt hatte damals ein weißer Student, Alan Bakke, der meinte, er habe seinen Studienplatz nicht erhalten, weil schwarze Kandidaten schlechterer Qualifikation vorgezogen würden. Er obsiegte im Verfahren University of California Regents vs. Bakke, aber die Politik der Minderheitenförderung durfte trotzdem fortgeführt werden, wenn auch ohne Quoten. Denn das Verfassungsgericht erkannte an, dass Herkunft und Hautfarbe bei der Zulassung ein Kriterium sein dürften, eines unter vielen. Etwa wenn die Universität einen "zwingenden Grund" für eine "vielfältige Studentenschaft" sähe. Ein Vierteljahrhundert später hat sich auf fast jeder amerikanischen Universität die Einsicht durchgesetzt, dass ein Campus so bunt aussehen müsse wie das moderne Amerika: mit Schwarzen und Latinos, Asiaten und Indianern. Für die meisten Minderheiten gibt es hoch komplexe Fördersysteme. Allerdings argwöhnen Kritiker, im Stillen werde dabei die starre Quote wieder eingeführt. Nach 300 Jahren aktiver Unterdrückung "wirkt das weiße Schuldbewusstsein wie eine Droge", schreibt der schwarze Linguist John McWhorter, Professor an der University of California at Berkeley, "es findet Mittel und Wege, sogar schwarze Studenten aus der Mittelschicht in Opfer zu verwandeln."

Als Carl Cohen die Zulassungsstatistiken seiner Universität erhält, glaubt er, einen Beweis für die geheime und gesetzeswidrige Praxis in den Händen zu halten. Eine Verfahrensweise, die den Grundsatz der Gleichbehandlung verhöhne und zugleich das Niveau der elitären Staatshochschule senke. Darum schreibt Cohen einen Protestbrief an den Verwaltungsrat, erhält aber keine Antwort. Cohen ist empört: "Das sind doch keine Fremden, das sind meine Freunde! Leute, die mit mir zusammen ihr Leben für die Zukunft dieser Hochschule eingesetzt haben."