In A. A. Milnes weltberühmter Geschichte von Pu dem Bären ist die Einschulung des kleinen Jungen Christopher Robin ein zentrales Ereignis. Seine Spielgefährten – Pu, Ferkel und der griesgrämige Esel I-Aah – bemerken, dass er plötzlich nur noch wenig Zeit für sie hat. Bald werden aber dafür Bruchstücke seines neu erworbenen Wissens im Wald bekannt: "Ferkel trat etwas näher, um zu schauen, was es gab. I-Aah betrachtete drei Äste, die vor ihm auf der Erde lagen. Zwei dieser Äste berührten einander am einen Ende, aber nicht am anderen, und der dritte lag quer darüber. Ferkel dachte, es sei vielleicht irgendeine Falle. ,Christopher Robin hat gesagt, es ist ein A‘, erklärte I-Aah. ,Weißt du, was A bedeutet, kleines Ferkel?‘ – ,Nein, I-Aah.‘ – "Es heißt lernen; es heißt Bildung – all das, was Pu und dir fehlt, bedeutet A.‘" Der kulturpessimistische Esel mag wenig taktvoll sein, aber er hat Recht: Sicheres Buchstabierenkönnen und die Fähigkeit zum "sinnentnehmenden" Lesen (wie es, ein wenig technokratisch, in vielen Grundschullehrplänen heißt) bilden in einer modernen Gesellschaft die Schlüsselqualifikation schlechthin.

Der amerikanische Psychiater und Erziehungswissenschaftler Bruno Bettelheim hat schon zu Beginn der achtziger Jahre beschrieben, welch ungeheure psychologische Bedeutung der Schuleintritt und das Lesenlernen für Kinder haben: "Da die Schule speziell für das Kind und seine Altersgenossen geschaffen wurde, tendiert es dazu, sich seine Ansichten über die Gesellschaft nach seinen Erfahrungen in der Schule zu bilden. Und ihm wird schnell klar, daß unter allem, was man in der Schule lernt, nichts so wichtig ist wie das Lesen. Deshalb ist es so entscheidend, wie es gelehrt wird: Die Erfahrungen beim Lesenlernen sind ausschlaggebend dafür, welche Einstellung das Kind später zum Lernen ganz allgemein haben wird."

Dass nicht nur das A für viele Kinder tatsächlich zur Falle wird, haben Lehrer seit langem beobachtet. Die Pisa-Studie untermauerte diese Wahrnehmung mit Zahlen: Fast ein Viertel der deutschen 15-Jährigen haben demnach elementare Schwierigkeiten mit dem Lesen und Schreiben. Offenbar trägt besonders die weiterführende Schule zur Leseunlust bei. Am Ende der Grundschulzeit, dasergab die Internationale Grundschul-Lese-Untersuchung (Iglu), an der sich alle Bundesländer beteiligten, hat noch rund die Hälfte der Kinder ein positives Verhältnis zu Büchern und liest "gern". Nur 18 Prozent geben an, "nie" zum Vergnügen zu lesen. Bis zum Ende der SekundarstufeI ist diese Gruppe mehr als doppelt so groß.

Über die familiären Aspekte einer erfolgreichen Leseerziehung sind die Experten weitgehend einig: Der Zugang zu Büchern spielt eine Rolle, das elterliche Vorbild, vor allem aber das regelmäßige Vorlesen. Länder mit idealen häuslichen Lesebedingungen sind laut Iglu eben jene, die besonders starke Kinderliteraturen hervorgebracht haben: England, Schottland und Schweden. Dort sind sowohl die Anzahl der Kinderbücher im Haushalt als auch die Wertschätzung der Eltern für das Lesen besonders hoch. England und Schweden schneiden bei der Leseleistung der Grundschüler signifikant besser ab als Deutschland, das sich allerdings ebenfalls im oberen Leistungsdrittel befindet. Offensichtlich gibt es also eine Art nationale Lesekultur, die nicht ohne Einfluss auf die Begeisterung der Schüler bleibt.

Was aber geschieht in der Schule, dort, wo Kinder sich zum ersten Mal systematisch mit Wörtern, Silben, Lauten und Buchstaben befassen?

Woher kommt das Geräusch?

Das Lesenlernen, der so genannte Leselehrgang, dauert, je nach Lehrplan, bis in die zweite Klasse hinein. Entscheidend aber ist ein schmales Zeitfenster. "Einfache Texte und kurze Geschichten können die meisten Kinder im ersten Schuljahr nach Weihnachten entziffern", sagt Barbara Heilig, Grundschullehrerin in Kiel. In Schleswig-Holstein wird, ähnlich wie in anderen Bundesländern, nach der "synthetisch-analytischen" Methode unterrichtet: Die Buchstaben werden über "Schlüsselwörter" eingeführt – Generationen von Lesern erinnern sich vermutlich an die beiden Strumpf-Figuren Fu und Fara, denen sie ihre ersten F und R verdanken (von den U und A ganz zu schweigen). Um einen souveränen Umgang mit den Lauten einzuüben und zu verhindern, dass die Erstklässler einfach komplette Schriftbilder auswendig lernen, werden die Schlüsselwörter beständig zerlegt und wieder zusammengesetzt. Die Klasse klatscht sich durch "Lo-ko-mo-ti-ve" und "Bal-lon-ver-käu-fer". Für jeden Laut lernen die Kinder nicht nur den zugehörigen Buchstaben, sondern auch eine Gebärde. Sie ertasten Holzbuchstaben in einem Stoffbeutel. An einem Pappfisch mit drei Löchern zeigen sie, ob sie zwischen Anlaut, Mittellaut und Endlaut unterscheiden können. Schreiben dürfen die Schüler am Anfang noch "lautgetreu": Es geht zunächst einmal darum, sie zum genauen Hinhören zu bewegen.

Gerade daran hapert es allerdings bei vielen Grundschulkindern. Der Würzburger Professor für pädagogische Psychologie Wolfgang Schneider hat aus diesem Grund unter dem Titel Hören, lauschen, lernen ein Programm zur Förderung der "phonologischen Bewusstheit" entwickelt, das Lese-Rechtschreib-Schwierigkeiten vorbeugen soll – und zwar sowohl bei Kindern mit Konzentrationsschwäche als auch bei solchen mit "Hörschädigungen und Hörverarbeitungsschäden". Ein wichtiger Forschungsbefund der letzten Jahre sei nämlich, sagt die Salzburger Sprachheilpädagogin Karin Landerl, "dass die Hauptursache für die Schwierigkeiten beim Lesen- und Rechtschreibenlernen in einem subtilen Sprachdefizit, genauer: in einem Defizit der phonologischen Verarbeitung zu sehen ist". Das heißt: Betroffene Kinder können die einzelnen Laute der gesprochenen Sprache nicht gut auseinander halten.