Verzweifelt sitzt die Chefetage eines amerikanischen Schallplattenriesen vor den Radio-Konzertmitschnitten von Swing-Bigbands wie Artie Shaw oder Benny Goodman aus edlen New Yorker Hotels der vierziger Jahre, hört wunderbare Dokumente leibhaftiger Ekstase der Jazzmusik, zerstört vom mörderischen Krach eines in der ersten Reihe servierenden Kellners, der zu alledem noch in reinstem Sächsisch Englisch spricht. Herr Lehmann aus Tschörmeni knallt "Tu-koffi-plies" mitten im schönsten Trompetensolo auf den Tisch. Keine Chance, den Mann rauszufiltern.

Was dann folgt, könnte den Slapstick-Komödien der Marx Brothers entsprungen sein, ein Hörspiel voller Aberwitz und kippelnder Logik, schrägen Episoden, die unerwartet Haken schlagen, eine fiktive Dokumentation, die die Jazzgeschichte neu schreiben wird: Die Swingmusik wurde nicht in den USA, sondern in Deutschland erfunden. Genauer gesagt, in Neuruppin, in Tresckow, einer Irrenanstalt. Als der Sender Rias Berlin Horst Gieses szenische Collage Die sehr merkwürdigen Jazzabenteuer des Herrn Lehmann im Januar 1991 ausstrahlte, wurde sie zum durchschlagenden Erfolg. Mit seltener Mehrheit verlieh ihr die Jury den Hörspielpreis der Kriegsblinden, eine Auszeichnung, die den ehemaligen DDR-Schauspieler Horst Giese in eine Reihe mit Autoren wie Friedrich Dürrenmatt oder Ingeborg Bachmann stellte. Doch der Preis geriet zum doppelten Fanal. Da prämierte man ein Hörspiel, das so gar nicht in die High-Tech-Welt der Rundfunkanstalten passte, das wegen tontechnischer Unzulänglichkeiten ursprünglich nicht gesendet werden sollte. Der Amateur Giese hatte es zwischen 1972 und 1979 in Heimarbeit auf zwei Röhrentonbandgeräten der ungarischen Marke Qualiton mittels Tricktaste zusammengebastelt. Ein sympathischer Sieg des Heimwerkers über die Diktatur der Tonstudios, des Inhalts über die DIN-Köpfe von Redakteuren. Doch zugleich wurde es zum Lehrstück über das unaufhaltsame Eindringen der politischen Biografie des Horst Giese in das Leben des Herrn Lehmann. Autor Horst Giese entpuppte sich als IM der Stasi, die Burleske klang nach Tragikomödie.

Hört man heute, zwölf Jahre später, die aberwitzigen Abenteuer, stellt sich gelegentlich Ermüdung ein. Die Grundidee basiert auf dem Witz der Geschichte, dass der NS-Propagandaminister heimlicher Jazz-Fan war, dass deutsche Tanzorchester der dreißiger Jahre amerikanische Kompositionen umbenannten und als einheimische Originale – teilweise mit deutschen Texten – wieder dem Rundfunk zuführten. Ein subversiver Trick, der Horst Giese auf den dramaturgischen Dreh brachte, der Jazz sei in Deutschland erfunden und nach Amerika exportiert worden. Ein Vergnügen, das immer dann funktioniert, wenn der Stimmenimitator – der Schauspieler Giese spricht 26 Rollen selbst – in die Rolle von Joseph Goebbels schlüpft, den er früher in zahllosen DDR-Produktionen verkörperte, und ihn mit dem Kellner Lehmann konfrontiert. Schal wird es, wenn der Swing-Kenner und -Sammler Horst Giese, 1926 in Neuruppin geboren, jene leicht belehrende Attitüde zeigt, die dem Jazz-Fan traditionell eigen ist: Wer da wo was wem geklaut hat. Als Parodie auf den O-Ton-Fetischismus der Medien kann man das mit Genuss hören, als Kommentar zur historischen Dokumentation: "Det is mein Jeschirr! Det hört man gleich. Denn ich servier ja ganz vorn. Det kann mir keener nehmen. Det is festjenagelt."

Doch denkbar wäre ein ganz anderes Hörbild: von dem Schauspieler Horst Giese, der sich kurz vor dem Mauerbau ein Westfernsehgerät kaufte und in Untersuchungshaft kam. Der sich freikaufte, indem er zum Informanten wurde und andere ins Gefängnis brachte, eines Goebbels-Darstellers, der Swing-Heini war und in den siebziger Jahren als Stasi-untauglich, weil uneffektiv, ausgemustert wurde. Ein Spion, der mit Geheimtinte Berichte schreibt und sie in einem toten Briefkasten der Toilette eines Cafés versteckt. Das klingt nicht wesentlich absurder, als mit klapperndem Geschirr Botschaften übers Radio zu senden. Dass die sehr merkwürdigen Jazzabenteuer des Herrn Lehmann in der Irrenanstalt von Neuruppin enden, ist keine schlechte Metapher für ein deutsch-deutsches Hörstück.