Aufgefordert, literarische Klassiker mit zwei, drei Begriffen zu charakterisieren, fiele jedem durchschnittlichen Kenner leicht etwas ein. Proust? Salon, Erinnerung, Belle Epoque. Thomas Mann? Davos, Ironie, Bürgertum. Virginia Woolf? Bewusstseinsstrom, Selbstmord, weiblicher Wahnsinn. Marguerite Yourcenar? Bei ihrem Namen kommt man ins Grübeln. Dass sie die fiktiven Memoiren des römischen Kaisers Hadrian verfasst hat, wüssten wohl einige. Vielleicht auch, dass die Erzählung Fangschuß, 1939, die Volker Schlöndorff mit Margarethe von Trotta in der Hauptrolle verfilmte, von ihr stammt und dass sie als erste Frau in der über 300-jährigen Geschichte dieses geistigen Olymps Frankreichs in die Académie française aufgenommen wurde.

Wollte man über diese Schriftstellerin, die am 8. Juni 1903 geboren wurde und am 17. Dezember 1987 verstarb, die über einen berauschend schönen Stil verfügte und der unabhängigste Mensch war, den man sich denken kann, etwas Charakteristisches sagen, dann wäre es: Ihr Werk und ihre Erscheinung verhindern geradezu die Festlegung, die Fixierung auf einen Punkt, die Bündelung in einem Symbol oder Bild. Sie war eine polyglotte Universalgelehrte mit Schwerpunkt Altphilologie. Sie organisierte ihre reale und ihre literarische Existenz als eine einzige große Vagabondage durch Kulturen, durch historische und geografische Räume – und schuf sich so die besten Voraussetzungen, in Vergessenheit zu geraten. Das moderne literarhistorische Gedächtnis bevorzugt Schriftsteller, von denen es sich eine eindeutige, konkrete Vorstellung machen kann, in der die Identität des Werks und die der Person übereinzustimmen scheinen. (Hemingway beim Fischen, Beauvoir im Café, Kafka in verängstigster Pose). Im Fall Yourcenars ließe sich allenfalls eine Kongruenz zwischen dem klassischen, Distinktion ebenso wie Sinnlichkeit, große Intelligenz und Harmonie ausdrückenden Gesicht und dem Bezug ihres Denkens und Forschens zum Hellenismus feststellen. Den Wunsch nach größtmöglicher Nähe zwischen persönlicher und auktorialer Erscheinung des Schriftstellers oder, wie Yourcenar es selbst nannte, zwischen Person und Persönlichkeit, der sich zur Selbstverständlichkeit entwickelt hat, kann dies allerdings nicht befriedigen. Yourcenars Werk besitzt im Gegenteil einen anonymen Zug.

Keine Schriftstellerin hat sich je so weit von ihrer Gegenwart, ihrem Geschlecht, ihrem Ich wegbewegt. Ihr fünfteiliges Opus magnum, das sie ab den vierziger Jahren in Amerika verfasste, der Hadrian-Roman, der Renaissance-Roman Schwarze Flamme, die dreibändige Familienbiografie Im Labyrinth der Welt, stellen eine Verlagerung aller Themen, Ideen, Stoffe des Yourcenarschen Kosmos in die Vergangenheit dar. Keine Schriftstellerin hat je so ausschließlich aus der Sicht männlicher Erfahrungen geschrieben. "Das Leben von Frauen ist begrenzt und geheim", äußerte Yourcenar, "Sophie" (die weibliche Hauptfigur in Fangschuß) "hätte ihre Geschichte nicht erzählen können."

Sie kam aus französischem Adel

Yourcenars Lieblingshelden waren homosexuelle Männer: Alexis in der gleichnamigen Novelle, (1929), Erich von Lhomond aus dem Fangschuß, Hadrian, Kaiser des 2. Jahrhunderts, und Zenon, Protagonist des Romans Schwarze Flamme, der ihrem Idol geistiger Freiheit und geistigen Adels vielleicht am meisten entsprach. Er ähnelt Erasmus von Rotterdam, teilt das Interesse an der anatomischen Forschung mit Leonardo da Vinci, von dessen Prophezeiungen er sich auch den Titel eines seiner Bücher leiht, und hat seinen Namen von Zenon aus Kition, dem Schulgründer der alten Stoa. Dies alles sind Elemente der nicht gerade schreiend aktuellen Welt, in der Madame Yourcenar sich so selbstverständlich bewegte wie ein Schauspieler im Ensemble seiner Bühne. Auch die Objekte ihrer literarischen Essayistik – allesamt Männer, Thomas Mann, Mishima, Borges, Kafavis.

Marguerite Yourcenar zog Fremdes, Entferntes nicht einfach nur nah zu sich heran, wenn sie sich damit beschäftigte. Sie machte sich ihm in vollständiger Identifizierung, ja, bis zur Selbsttranszendierung zu Eigen. Mit Hadrian, sagte sie, habe sie mindestens so viel Zeit im Gespräch verbracht wie mit dem besten Freund. Zenon war ihr so gegenwärtig, dass sie ihn um Ratschläge anging. Er war so physisch in ihre Wirklichkeit eingetreten, dass sie, im Liegen ausruhend, seine Hand hielt. Sie sprach in diesem Zusammenhang von ihrer „nekromantischen Methode“. Zu ihrer Lieblingslektüre gehörte Der Erwählte von Thomas Mann, was zum einen durch die thematische Verwandtschaft plausibel ist. Inzest-Geschichten und Inzest-Motive gibt es häufig in ihrem Werk. Ihre allererste, 1924 begonnene, dutzendfach überarbeitete und erst 1981 vollendete und veröffentlichte Erzählung, die jüngst auch in deutscher Übersetzung erschienen ist, Anna, soror… beschreibt die Tragödie eines im späten 16. Jahrhundert lebenden und sich liebenden Geschwisterpaars. Darüber hinaus aber dürfte sich Marguerite Yourcenar vor allem für Manns Technik des historischen Erzählens interessiert haben. Der Mönch, den er als Erzähler einsetzt, schaut wie durch ein Vergrößerungsglas auf den Papst Gregorius und seine Zeit hinunter. Er bleibt als vermittelnde, die Vergangenheit studierende Instanz sichtbar, der Abstand zwischen der Zeit der Berichterstattung und der Zeit, von der berichtet wird, immer spürbar. Ebendies ist bei Yourcenar nicht der Fall. In ihren historischen Romanen und Erzählungen wird die Vergangenheit vollkommen zur Gegenwart. Man könnte sagen: Nicht diese macht sich jene zu Eigen, sondern die Vergangenheit vereinnahmt gleichsam die Autorin als Projektionsfläche, auf der sich das 2. oder das 16. oder das 18. Jahrhundert abbildet.

An Selbstbewusstsein mangelte es Marguerite Yourcenar weiß Gott nicht. Von der Jugend bis zum Tod war sie durchdrungen vom natürlichen Gefühl überlegener Begabung und vom Gefühl der Berechtigung, schon allein durch ihren olympischen Bildungsgrad zum Kreis der Größten zu zählen und gezählt zu werden. Sie quälte Lektoren und Verlage und nannte sich einen "Sonderfall". Aber sie legte auf auktoriale Subjektivität keinen großen Wert. "Sie machen sich", sagte ihr Laudator Jean d’Ormesson bei ihrem Eintritt in die Académie française, "nichts aus sich selbst." Ihr künstlerischer Ehrgeiz bestand nicht darin, sich als Person auszudrücken, sondern all das, die Epochen und Philosophien, die Vorläufer und Ahnen, die auf ihre Person zuliefen.

Marguerite Yourcenar war ein Sprössling des französisch-flandrischen Adels. Sie kam als Marguerite de Crayencour zur Welt und legte sich bei ihrer ersten Buchveröffentlichung den aus ihrem Geburtsnamen gebildeten Künstlernamen Yourcenar zu. In ihrer literarischen Methodik aber behielt sie das Abstammungsempfinden des Adels, sein Bewusstsein der Zurückrechenbarkeit des Ichs und dessen Bewertung als Glied einer langen Kette, als Station im System eines Stammbaums bei. Nur war sie eben eine Adlige des 20. Jahrhunderts, sie stand nicht unter Heiratszwang, saß nicht in einem Schlösschen fest und verfügte nicht über finanziell sorglos machende Geldmittel.