Riad

Zwei Augen bohren sich in den Wagen. Sie mustern das Gesicht, kontrollieren den Personalausweis, sie suchen das Wageninnere ab, inspizieren den Hohlraum hinter der Rücksitzbank, sie überprüfen den Kofferraum, blicken tief unter das Reserverad. Der Offizier hat Zeit. Ihm scheinen die 45 Grad im Schatten nichts auszumachen. Dann die erlösende Handbewegung: Weiter! Erst von der Seite wird beim Abfahren sichtbar, was in der flimmernden Hitze wie eine große, auf uns gerichtete Kameralinse aussah. Ein zweiter Offizier auf einem Jeep hält ein Maschinengewehr im Anschlag.

Vier Wochen nach den mörderischen Terroranschlägen vom 12. Mai sind die saudi-arabische Hauptstadt Riad und ihr Hinterland ein Parcours von Sicherheitskontrollen. Manch Verdächtiger bleibt darin hängen. Ende Mai verhafteten die Spezialtruppen des Innenministeriums mit einem Schlag elf mutmaßliche Terroristen in der Prophetenstadt Medina. In der Provinz Hail kostete ein anderer Fahndungserfolg zwei Offiziere das Leben. In der Schießerei starb auch ein Extremist, ein weiterer Gewalttäter wurde verhaftet.

Saudi-Arabien hat den Antiterrorkampf gegen eigene Staatsbürger eröffnet. Seit dem 12. Mai, den die Saudis als ihren 11. September ansehen, zeigt die Regierung beim Thema Terrorismus nicht mehr mit allen Fingern auf andere Länder. "Wir haben ein Problem im Land", sagte der reformorientierte Kronprinz Abdallah kurz nach den Anschlägen: "Schlafende Zellen." Und der Großimam von Riad sekundierte politisch und religiös korrekt: "Die Anschläge können nicht durch den Islam gerechtfertigt werden." Schon kommt Lob aus Amerika. Ein schnelles Eingreifkommando des FBI in Riad bescheinigte den Saudis "Umsicht, Offenheit und höchste Professionalität" bei der Jagd auf Terroristen. Alles sei eine Sache der ehrlichen Wahrnehmung: "Die Behörden sehen jetzt, was wir sehen." Verändert der 12. Mai das in uralte Traditionen eingesponnene Land?

Die Straße. Schauen wir nach Batha, einem quirligen Stadtviertel der sich immer weiter in die Wüste dehnenden Hauptstadt Riad. Enge Marktstraßen untertunneln die hohen schmutzig-beigefarbenen Bürogebäude. Pakistaner, Inder, Araber aus den Nachbarländern handeln mit Waren, die der Geschäftssinn vieler Saudis noch nicht erfasst hat. Großbildfernseher mit Blumentopfhaltern, Toilettenbürsten mit integriertem Aroma-Spender, Maßanzüge in 24 Stunden. Die Ausländer bewegen sich wieselflink durch die Regalschluchten ihrer Geschäfte.

Davor stehen die Saudis im Straßenstaub und warten auf Kundschaft. "Dschidda!" – "Dammam!" – "Abha!" Sie rufen Städtenamen in den Lärm. Einer hat sich das Auto seines Vaters geliehen und bietet eine Fahrt nach Dschidda am Roten Meer an. In Badelatschen, weil’s so heiß ist. Seine weiße Tracht, der Thob, färbt sich braun an den Ärmeln und am Kragen. Er will nicht eher nach Hause, als bis er ein paar hundert Dollar zusammengefahren hat. Der Mann ist einer von den rund 30 Prozent arbeitsfähigen Saudis, die erfolglos einen festen Job suchen. Er träumt von einer Stelle beim Staat. Ein Geschäft eröffnen? "Lieber nicht. Schauen Sie mal!"

Der Eifer der Inder und Pakistaner schlägt plötzlich in Hast um. Auslagen klappen zu, das Licht der Läden erlischt, Rollläden fahren herunter. "Heute kommen sie schon zum vierten Mal", ruft ein Händler laut. Ein Jeep prescht durch die Straße mit einem Lautsprecher auf dem Dach: "Schließt endlich die Läden! Zeit zum Gebet!" Das Megafon knackt erneut. "He, junge Frau…" – eine Ausländerin mit locker übergeworfenem Kopftuch bleibt wie erstarrt stehen – "…verhülle dein Gesicht!"

Das Batha-Viertel bekommt Besuch vom Staat. Die "Kommission für die Förderung der Tugend und die Verhinderung des Übels" fährt Streife. Für alle Fälle mit einem bewaffneten Beamten. Der Trupp fahndet nach Alkohol, Verstößen gegen die Gebetszeiten, nach Drogen, aufdringlichen Männern und unzüchtig gekleideten Frauen. Saudi-Arabien hat einen weiten Sicherheitsbegriff. Sicherheit vor Straftaten bedeutet auch: Sicherheit vor neugierigen Blicken. Darüber wachen die scharfen Augen der Religionspolizisten.

Die Presse. In der Tageszeitung al-Watan konnte jeder lesen, wie sich Saudi-Arabien seit dem 12. Mai verändert hat. Jamal Khashoggi ist ein groß gewachsener Mann, ein Kenner islamistischer Bewegungen, ein Chefredakteur, der sich schützend vor seine engagierte Mannschaft stellt. "Ich wollte neue Ideen einführen, nicht immer nur auf Amerika schimpfen, sondern nach eigenen Fehlern fragen", sagt der 45-Jährige. Khashoggi ließ seinen Redakteuren freien Raum, den Ursachen der Gewalt in Saudi-Arabien nachzuspüren. Die landesübliche Selbstzensur wich einer landesunüblichen Selbstkritik.

"Unsere Extremisten beziehen ihre Ideen aus anderen Ländern"

Al-Watan prangerte die Übergriffe der Religionspolizei an. Ein Artikel enthüllte, wie drei Sittenwächter eine Frau auf dem Heimweg zusammenschlugen, wegsperrten und erst wieder freiließen, als ihr Sohn eine Bestätigung unterschrieb, wonach sie nicht misshandelt worden sei. Kommentatoren fragten, warum die Verfechter einer strengen Religiosität in der saudischen Gesellschaft so allgegenwärtig sind. Zwei Leseproben:

"Wir müssen nicht nur über Reformen sprechen, sondern sie anpacken, vor allem in der Erziehung. Sonst können die Anschläge der Beginn einer allmählichen Talibanisierung unseres Landes werden."

Und: "Gewalt und Terror wachsen aus derselben verdrehten Kultur, die junge Menschen aus vielen Quellen aufsaugen: Schulen und Universitäten, Fatwas (islamischen Rechtsgutachten, Anm. d. R.), Moscheen, Predigtkassetten und Fernsehsendungen." Eine Al-Watan- Karikatur zeigt einen Sittenwächter als Selbstmordattentäter, gerüstet mit einem Dynamitgürtel, auf dem "Fatwas" steht. Diese Zeichnung hat niemand übersehen, vor allem nicht jene, die angesprochen waren.

In den Wochen nach dem 12. Mai schrieben viele saudische Zeitungen ähnlich freimütig und kritisch über die Religiösen, doch segelten sie im Windschatten von al-Watan. Chefredakteur Khashoggi forderte in einem Leitartikel einen "rationalen, moderaten, toleranten Weg" zum Islam. Ein befreundeter Redakteur eines anderen Blattes klatscht Beifall: "Der Islam ist reich und vielfältig, von Marokko bis Zentralasien. Nur haben wir Kleriker, die uns eine einzige Interpretation, eine Sichtweise, eine Brille aufzwingen wollen. Sie können ja leben, wie sie mögen, doch sie sollen uns leben lassen, wie wir wollen."

Derlei liberale Anwandlungen haben die Religiösen alarmiert. Imame, hohe Scheichs und konservative Minister sehen dahinter einen Anschlag auf die historische Allianz des strengen wahhabitischen Islams und des Königshauses Saud als dessen Wächter. Dieser heilige Pakt existiert schon seit drei Jahrhunderten und ist so etwas wie das Grundgesetz Saudi-Arabiens. Ein muslimischer Kleriker des offiziellen Fatwa-Rates in Riad erklärte deshalb, es sei eine "Sünde", al-Watan zu kaufen.

"Ich habe zahllose beleidigende Telefonanrufe erhalten", sagt Khashoggi ganz ruhig. "Man schimpfte mich einen Ungläubigen, weil ich ein Foto von zwei Mädchen mit Kopftüchern, aber ohne Schleier veröffentlichte." Das war hart, doch zu verschmerzen. Ein Anruf aus der Regierung Ende Mai wog schwerer. Es war seine Abberufung.

Der Minister. Im Büro von Tawfeeq al-Sediry werden Kardamom-Kaffee und schwarzer Tee mit Minze aufgefahren. Sorgfältig reiht ein Diener des Vizereligionsministers Tassen und Gläser auf dem Ledertisch auf, im Hintergrund beugt sich eine Zierpalme den scharfen Böen der Klimaanlage. Khashoggi?" Der Minister nimmt noch etwas Zucker zum Tee. "Ich weiß nicht, warum er entlassen wurde. Al-Watan hat sehr gute Journalisten, und Khashoggi war einer von ihnen." Aber wen hat al-Watan dann gestört? "Kritische Meinungen sind eine gute Sache", sagt der 42-Jährige, der mit seiner ovalen Metallbrille ein wenig Studentenflair verbreitet. "Aber viele Menschen in Saudi-Arabien möchten das nicht sehen und hören. Sie sind noch nicht bereit dazu. Wir brauchen Zeit."

Der Minister zitiert einen bekannten Refrain. Wer immer in Saudi-Arabien fragt, warum die Reformen so langsam vorangehen, bekommt zu hören: "Wir brauchen Zeit." Dem Besucher aus Deutschland ist das nicht fremd. Aber haben die saudischen Journalisten Unrecht mit ihrer Kritik an der staatlichen Ausbildung? "Das Erziehungssystem lehrt keinen Extremismus", wehrt al-Sediry ab.

Und woher kommen dann die saudischen Extremisten?

"Sie beziehen ihre Ideen aus anderen Ländern. Nehmen Sie Afghanistan. Osama bin Laden hat seine Ansichten nicht von hier. Er ließ sich in Afghanistan inspirieren. Dort fand ein ideologischer Krieg statt. Leute aus der ganzen Welt trafen zusammen und teilten ihre extremistischen Pläne mit anderen."

Warum bloß aber hat das saudische Religionsministerium gerade 353 Imame und Muezzins gefeuert? "Sie haben unzureichende Arbeit geleistet, sie kannten den Koran und die Sunna schlecht", sagt der Minister. Nicht ein Funken Radikalismus? "Nein. Woher denn?" Das heißt also: Die Terroristen sind zwar Saudis, aber ihre Gedanken sind ausländisch? Der Minister nickt. "Terrorismus ist global und besitzt keinen Namen und keine Religion. Auch die USA haben Terrorgruppen, so wie die ganze Welt auch. Wichtig ist, die unsichtbaren Verbindungen zwischen innen und außen zu zerstören."

Der Minister rückt seine Brille zurecht und verabschiedet sich. "Unsichtbar", hat er gesagt. Lassen sich also die Ursachen des Terrorismus mit dem Auge nicht erkennen? In Saudi-Arabien steht die Sichtweise der Journalisten gegen den Blickwinkel vieler Mächtiger. Seit dem 12. Mai herrscht Einigkeit, dass das akute Problem saudischer Art ist. Doch in welchem Ausmaß es das Land in Besitz genommen hat, darüber streitet man weiter. Belege für den einen oder anderen Standpunkt liegen im Verborgenen.

Das Haus. Die Wohnviertel von Riad sind gewöhnlich wie ausgestorben. Nichts deutet darauf hin, dass eine saudische Frau durchschnittlich sieben Kinder zur Welt bringt. Dass fast 70 Prozent der Bevölkerung unter 25 Jahre alt sind. Kinder auf der Straße sieht man dann, wenn sie in Vaters Limousine zur Schule gefahren werden. Das Leben spielt sich hinter hohen Mauern ab, in burgartig hoch gebauten Großfamilienhäusern mit kleinen Fenstern. Schwer einsehbar für neugierige Augen.

Ein geheimes Kennwort für den nächtlichen Gang zur Toilette

Umso größer ist die Freude, als ein Professor der King-Saud-Universität zu einem vertraulichen Gespräch beim "saudischen Champagner" nach Hause einlädt. Wir nehmen Platz unter einem beträchtlichen Hirschgeweih im Herrensalon des Hauses. Der Professor schenkt die mit Minze, Kiwi, Banane und Zitrone versetzte, leicht moussierende Apfelschorle aus. Dann schließt er sorgfältig das Fenster und stellt die Klimaanlage an.

"An meiner Universität erstaunt mich eines", sagt der Professor. "Viele meiner Kollegen reden mehrere Stunden am Tag über gutes Verhalten." Fachgespräche? Keine Zeit. Thema sei vielmehr, wie ein guter Muslim zu leben habe, ob man fünfmal am Tag gemeinsam in der Universitätsmoschee beten solle, ob man Musik hören dürfe oder nicht. "Ein Kollege aus den Sprachwissenschaften hat mir erzählt, er benutze für den Sprachunterricht tatsächlich Lieder." Aber bloß nicht laut. Er spiele sie für seine Studenten im Sprachlabor über Kopfhörer ab, damit kein anderer Dozent es merke. "Wir leben wie benebelt in unserer engen Welt", sagt der Professor und nippt am alkoholfreien Champagner.

Aber allein aus Musikmangel wird man nicht zwingend zum Bombenleger? "Nein", sagt der Professor. "Aber wer fähig ist, Musik fanatisch zu verteufeln, könnte auch in der Lage sein, andere zur Gewalt zu erziehen." Er holt seinen Sohn, der sich mit unter das Hirschgeweih setzt. "Erzähl von deinen Klassenfahrten in der Schule", lädt der Vater ihn ein. Walid (Name von der Redaktion geändert) nimmt einen Schluck Schorle. Er ist kaum über 20 Jahre alt, sein gerader Blick und der feste Händedruck verraten Selbstbewusstsein. Walid hat einen guten Job – im Gegensatz zu vielen seiner ehemaligen Klassenkameraden. Er redet konzentriert und nicht mehr als nötig.

"Unsere Ausflüge mit den Lehrern gingen nach Mekka, in die Berge im Süden, in die Wüste bei Riad. Wir bauten Lager, die quasimilitärisch organisiert waren", erzählt Walid. Sie bewachten in wechselnden Schichten die Zelte, in deren Nähe höchstens Kamele vorbeizogen. Jeder Schüler trug einen Stock und ein Messer. Für den Gang zur Toilette musste man ein Kennwort flüstern. Aufstehen morgens um vier zum Gebet, Feuer machen ohne Feuerzeug, Orientierung nach den Sternen, verschlüsselte Botschaften lesen – so verging die Nacht. "Das könnte ein harmloses Pfadfinderlager sein, war’s aber nicht", sagt Walid.

Der Chemielehrer erklärte den Schülern gern und ausführlich, wie ein guter Muslim zu leben habe: kein Alkohol, keine Musik, keine Vergnügungsreisen, keine Freundinnen. "Er wollte, dass wir anständige Menschen werden, übertrieb aber ziemlich", sagt Walid. Der Geografielehrer wusste alles über Amerika. Jeder US-Bürger, der zum Islam konvertiere, sei ein Freund. Der Rest der Bevölkerung nicht. Die US-Regierung habe die Fußball-Weltmeisterschaft eigens ersonnen, um Muslime vom Beten abzuhalten. Sie verbreite Drogen, um Muslime von Gottes rechtem Weg abzubringen und sie zu Sklaven Amerikas zu machen. Alles, was Washington tue, sei darauf gerichtet, den Islam zu zerstören.

"Wenn man das ein- oder zweimal hört, kann man nur mit dem Kopf schütteln", sagt Walid. "Aber wir wurden in diesen Ferienlagern wochenlang bearbeitet. Eine eigene Meinung war nicht gefragt. Es galt nur, ein guter Muslim zu sein." Wer das war, bestimmten die Lehrer. Die Besten kamen am Ende der Ferien ins Wüstencamp. "Dort haben wir uns gegenseitig bespitzelt", erinnert sich Walid. "Wenn einer heimlich rauchte oder einen Walkman benutzte, wurde das gemeldet."

Zwischen den Gebeten erzählten der Physiklehrer und der Sportlehrer von Bosnien und Tschetschenien. Sie berichteten von Videofilmen mit Mudschaheddin-Kriegern. Mit großen Augen erzählten sie vom "Dschihad" des legendären Kämpfers Chattab, der in Tschetschenien sein Leben für das Paradies hingegeben habe. Wenn einer fragte: "Wie kann ich für den Dschihad kämpfen gehen?", war die Antwort der Lehrer: "Wenn du willst, wirst du schon deinen Weg finden."

Viele Schüler in Saudi-Arabien seien durch diese Ferienlager gegangen, sagt Walid. "Viele sind sicher von harmloser Frömmigkeit, aber einige sind die Schule der reinen Gewalt." Niemand wird gezwungen, dorthin zu gehen. "Im Gegenteil: Es ist eine Art Auswahl. Dann kommt man in immer neue Lager, bis man irgendwo im Ausland ist." Walid verfehlte das Klassenziel, als er Fragen stellte. "Diskussionen waren nicht erwünscht", sagt er. "Entweder man war ein ‚Muslim‘ oder ein Aussätziger. Das konnte ich nicht akzeptieren. Denn ich bin Muslim. Aber mit eigenem Kopf."

Walids Vater trinkt sein Glas aus und führt den Gast zur Tür. Als er sie öffnet, weht ein heißer Wüstenwind herein. Die Sonne blendet die Augen. Zum Abschied gibt er viele gute Wünsche und einige Ratschläge mit auf den Weg. Ein kleiner Nebensatz sagt alles über den saudischen Weg des Antiterrorkampfes: "Man muss schon sehen wollen, was man sieht."