Die Zeit vor dem Kampf, unmittelbar davor, wenn die Minuten plötzlich so kurz sind und die Sekunden plötzlich so lang, diese Zeit, sagt er, die sei die schönste. Wenn sich der Kampf gerade ankündigt, durch das Klopfen an der Tür, zwei Minuten noch, wenn darauf die Stille die Kabine überflutet und jedes Wort erstirbt, wenn der Kämpfer, heiß und die Haut schon schweißnass, seinen Mantel überzieht, noch schnell zwei, drei Fäuste schlägt, den Atem tief einsaugt und schließlich im Kreis geht wie ein gefangenes Tier, wartend. Wenn die Zeit sich staucht. Eine Minute noch, ein Wimpernschlag. Wenn die Zeit sich dehnt. 30 Sekunden noch, eine Ewigkeit. Er sagt: Es gibt die Worte nicht, diese Zeit zu beschreiben. Eine Zeit, die sich der reichste Mann der Welt für kein Geld der Welt kaufen könnte.

Dennie Mancini kommt aus einer Boxer-Familie. Boxer der Onkel, Boxer der Cousin, Tony, ehedem britischer Vizemeister, Boxer der Vater, der Bruder und auch er selbst, von klein auf. Bis zu jenem Tag, als er aus dummem Anlass nicht im Ring, sondern auf einer Straße Londons kämpfte, sich die Hand brach, alle Kraft in ihr verlor, aufhören musste. Er war 23. Den Kampf hatte er gewonnen.

Seit jener Zeit arbeitet Mancini als Cutman. So werden im Profi-Boxen diejenigen genannt, die dafür sorgen, dass die Boxer weiterkämpfen können, wenn ihnen die Nase blutet oder das Auge schwillt: Cutmen flicken Boxer in den Pausen eines Kampfes wieder zusammen. Dennie Mancini, 68 Jahre alt, ist der beste Cutman Europas, wenn nicht gar der Welt, so heißt es – das deutsche Fachmagazin Boxsport behauptet es, der Verein der britischen Boxjournalisten, auch die Boxer selbst, von Henry Maske bis Sven Ottke. Mancini stand bei allen Kämpfen Maskes in dessen Ringecke, bei allen Kämpfen von Axel Schulz, und er tut dies bis heute bei allen Kämpfen Ottkes. Aber er ist der Meinung, dass all diese Menschen keine Ahnung haben: "Ich bin vielleicht ganz fähig", sagt er, "aber nicht der Beste." Noch Bessere habe es gegeben, Denny Holland, Al Phillips, Denny Weary, ja vielleicht sogar Willie Ketchum, den Gangster. Seine Lehrer. Alle tot. Auch schätzt Mancini es nicht, als Cutman bezeichnet zu werden. Er sieht sich als Sekundant, so und nicht anders möchte er genannt werden: Sekundant. Weil er sich nicht allein um die Wunden der Boxer kümmere, sondern auch um ihr gesamtes Wohl. Weil er ihre Fäuste vor dem Kampf mit Mull und Klebeband zu Waffen bindet und ihnen diese Waffen danach wieder von der Hand schneidet, weil er die Kämpfer im Ring anschreit und vor dem Kampf mit ihnen schweigt. Weil er alles macht, damit sie kämpfen können.

Die Vorbereitungen dafür sind immer gleich. Mancini steht vor irgendeinem Weltmeisterschaftskampf in irgendeiner Umkleidekabine, in New York oder Tokyo oder eben Nürnberg, wie jetzt, und bereitet sein Werkzeug vor. Er ist ein kleiner Mann, keine 1,70 Meter groß; das Haupthaar längst spärlich, über der Hose wölbt sich ein Bauch. Er hinkt, sein linkes Bein ist kürzer als das rechte, Folge einiger schlecht verheilter Verletzungen, über die er nicht spricht. Morgens und abends muss er Tabletten schlucken wegen des Diabetes, der mit dem Alter kam.

Doch seine Augen sind wach. Immerzu. Obwohl er schon lange eine Brille braucht, um in der Nähe zu sehen. Die Brille ist verbogen vom vielen Auf- und Absetzen, schwarz und schief und irgendwie lächerlich sitzt sie in seinem Gesicht. Das ist Mancini egal, denn mit seiner Brille hält er es wie mit seinem Werkzeug: "Nichts Übertriebenes, nichts Besonderes. Braucht es alles nicht", sagt er und breitet sein Gerät auf einer Bank der Umkleide aus. "Wir sind ja nicht in einem Bullshit-Business." Er arbeitet still. Zunächst greift er eine zerknautschte Plastikdose, öffnet sie und holt hervor: Schere, Mull, Vaseline, Wattestäbchen, Rollen von Klebeband und ein kleines Metallteil in Form eines altertümlichen Bügeleisens, "Enswell" genannt; gekühlt hilft es gegen Schwellungen. Mit der Schere schneidet Mancini von dem Klebeband kurze Streifen ab, zweimal zwölf Stück pro Kämpfer, klebt sie in langer Reihe an die Klotür der Umkleide, schiebt zwei Stühle davor, Rücken an Rücken. Stellt dann einen grauen Putzeimer auf, füllt ihn mit Eis, legt einen Schwamm und sein Eisen gegen Schwellungen in die Kälte und dazu eine Flasche stillen Wassers, original verpackt und noch extra mit Klebeband verschlossen, aus Sorge vor heimtückischen Substanzen, die sonst jemand ins Wasser leiten könnte. Mancini hat seinen Eimer immer dabei. Wenn er zu Kämpfen fliegt, nimmt er ihn stets als Handgepäck mit. Er weiß, das ist ein seltsames Bild – ein alter Mann in abgewetztem Mantel, mit schiefer Brille im Gesicht, einen Putzeimer in der Hand, durch die Abflughalle hinkend. Einmal, er flog zu einem Kampf nach Amerika, haben sie ihn im Duty-free-Bereich angehalten. Mancini erklärte: "Ich fliege in die Staaten, die Asche meiner Frau nach Hause holen." Keine weiteren Fragen.

Das Aufputschen und Anpeitschen kann jeden Kampf entscheiden

In Wahrheit hat sich seine Frau June vor zwölf Jahren von ihm scheiden lassen. Sie habe es, sagt er, einfach nicht mehr ausgehalten. Immer die Anrufe der Boxer, ihre Geschichten, jedes Wochenende die Kämpfe. Er könne, sagt Dennie Mancini, seine Frau gut verstehen. Er sagt immer noch: meine Frau.

Es gebe diese Angst, sagt Mancini, seinen Boxer den Kampf verlieren zu sehen – weil er, Mancini, etwas vergessen hat. Deswegen habe er stets vier Rollen Klebeband dabei, weil drei unbrauchbar sein könnten und dann noch eine in Reserve ist. Er hat sogar Schnürsenkel dabei. Falls mal einer reißt im Kampf. Nur einen Glücksbringer hat er nicht. Manche Cutmen tragen Uhren an jedem Handgelenk; der Amerikaner Chuck Bodak, der wie Mancini für ein Dutzend Weltmeister arbeitet, trägt Fotos seiner Kämpfer auf einem Stirnband um den Kopf. Darüber kann Mancini nur lachen. "Bullshit", sagt er. "Alles, was du brauchst, sind Können und Selbstvertrauen." Das sei im Boxen wie im Leben.