Gestern war Elisabeth Graul vorübergehend lebensmüde. Sie erwähnt das nur nebenbei, und die Betonung liegt auf "vorübergehend", denn Elisabeth Graul hat für Lebensmüdigkeit keine Zeit. Am 17. Juni soll sie eine Rede im Magdeburger Landtag halten, darum kann sie jetzt nicht auf ihren Arzt hören und sich operieren lassen. Sie kann jetzt auch nicht einfach sterben, denn am 16. Juni ist ihr 75. Geburtstag, und vorher kommen noch die Reporter vom Rundfunk. Elisabeth Graul ist ein Opfer des Stalinismus und deshalb zu lebenslanger Heldenhaftigkeit verdammt. Sie hat bei Frost in einem Verlies gesessen, sie ist mit Schlafentzug gefoltert worden und verbrachte eine Ewigkeit in Einzelhaft. Als sie nach 375 Tagen Stille in die Gemeinschaftszelle verlegt wurde, platzte ihr fast der Kopf. Es war zum Verrücktwerden. Aber sie ist nicht verrückt geworden. Sie hat den Staat, der sie zur Staatsfeindin erklärte, überdauert.

Nur manchmal sitzt der Schmerz frühmorgens an ihrem Bett und wartet auf die längst überfällige Kapitulation. Elisabeth Graul steht trotzdem auf – wobei man das Wort aufstehen nur behelfsmäßig auf jemanden anwenden kann, der einen kaputten Rücken, eine kaputte Hüfte, ein krankes Herz und noch dazu einen schlechten Tag hat. Training des aufrechten Gangs müsste es heißen. Langsam. Mit zusammengebissenen Zähnen. Auf dem Weg vom Schlafzimmer ins Bad bekommt die verschlissene Metapher wieder Bedeutung. Das Über-sich-Hinauswachsen findet in einer gewöhnlichen Dachgeschosswohnung in einem Dorf namens Barleben statt: als gewaltsame Anstrengung, sich wenigstens so weit aufzurichten, dass man eine Schmerztablette schlucken kann.

Wenn Elisabeth Graul jetzt noch aufgeben würde, ergäbe ihre Tragödie keinen Sinn. Weder für sie selbst noch für uns, das Publikum der Geschichte. Wir wollen von den Zeitzeugen und ihren Schreckensbiografien erschüttert, vor allem aber geläutert werden. Wir wollen die Erniedrigten siegen sehen und in nachträglicher Komplizenschaft selbst ein bisschen Sieger sein.

Heute sitzt sie auf ihrer Terrasse, und weil die Sonne scheint, isst sie ein Eis. Blick über die Baumwipfel, 360 Grad Horizont. Offenbar kann sie von der Welt nicht genug bekommen. Sie hat sich einen neuen Brockhaus gekauft, 24 Bände, Millionen von Wörtern, denn sie erinnert sich noch genau, wie es war, monatelang ohne ein Buch zu sein. Oder wie der einzige Baum im Gefängnishof abgeholzt wurde. Auf ihrer Terrasse stehen die Pflanzen dicht an dicht, von der blauen Trichterwinde bis zur Birke. Auf dem Tisch liegt Walter Kempowskis Tagebuch aus dem Wendejahr. Normalerweise würde man nichts dabei denken, hier denkt man: Natürlich Kempowski, wer, wenn nicht er, der manische Aufbewahrer, der Dokumentensammler, Hüter der Zeit. 1948 bis 1956 war er wegen angeblicher Spionage in Bautzen inhaftiert.

Die Gedenktagshysteriker sind entschlossen, ihr zu applaudieren

Elisabeth Graul wirkt, als sei sie der Vergangenheit tatsächlich entronnen. Die Wandteller hängen an der Wand, die Bücher stehen im Bücherregal, und das Kalenderblatt verkündet den richtigen Monat. Nur dass nirgendwo ein Klavier zu sehen ist, obwohl sie mit Anfang 20 eine begabte Pianistin war, noch im Gefängnis komponierte sie mehrstimmige Chorsätze. Nach der Haft hat sie dreizehn Jahre am Puppentheater Magdeburg gearbeitet, doch in der Wohnung hängt keine einzige Marionette. In ihrer Jugend ist ihr die Kälte tief in die Knochen gefahren, jetzt sind die Finger zu steif zum Klavierspielen. Ansonsten scheint alles in Ordnung. Und wo Ordnung herrscht, herrscht Vernunft, wo Vernunft ist, ist Freiheit. So einfach könnte das sein: Wenn es Abend wird, geht sie schlafen. Wenn es Herbst wird, holt sie die Kübelpflanzen rein. Und von Zeit zu Zeit liest sie, begleitet von einem Jazz-Quintett, aus ihren Gefängnisgedichten.

So einfach ist das natürlich nicht. Wann endet der Ausnahmezustand? Und was heißt Aufarbeitung, wenn einer Albträume hat? Elisabeth Graul hat schreibend und Musik unterrichtend irgendwie weitergemacht. Sie engagiert sich im Verein gegen das Vergessen. Mehrere Lyrikbände sind in den Nachwendejahren erschienen, Erzählungen, Essays, ein Roman. Die neuen Manuskripte hat sie für ihren Verleger bereits sortiert – nach den Stichwörtern Politik, Humor, Liebe, Haftfolgeschäden.