Venedig, das ist die halbe Miete. Ob als Auftritts-ort für die Kommissare der Kunst in den Giardini oder für Donna Leons Polizeikommissar Brunetti in der Questura: Überall wird gut gegessen und konstant getrunken, immer kommt es zu einem irgendwie guten Ende, auch wenn hier ein paar Scheintote und dort ein paar Leichen zurückbleiben.

Im Jahr 1895 wurde die nach dem Vorschlag von Künstlern und Literaten konzipierte Biennale eröffnet. Vorbild waren die Weltausstellungen, in denen sich Kunst und Kommerz des 19. Jahrhunderts zur Selbstdarstellung zusammenfanden. In den schattigen Giardini, abseits vom venezianischen Taubentourismus, wurde am Ende einer Allee ein zentrales Ausstellungsgebäude errichtet. Ab 1907 kamen Pavillons für die einzelnen Nationen hinzu. Die vom jeweiligen Zeitgeist und Selbstverständnis geprägten Architekturen erinnern an Grab- und Gedenkstätten. Dass in diesem Jahr erst die 50. Biennale stattfindet, vom 15.6. bis 2.11., hängt mit zwei Weltkriegen zusammen. Wobei man hinzufügen darf, dass sich auf der Biennale en miniature und con sordino das widerspiegelt, was die Welt auch sonst umtreibt. 1934 stattete der Kunstexperte Hitler dem deutschen Pavillon einen Besuch ab, Mussolini war auch zugegen. 1968 gab es, wie andernorts, Kollisionen im Zusammenhang mit der Studentenrevolte. Den Rest der Welt haben diese Ereignisse verändert, aber nicht Venedig.

Wie die Köpfe der Hydra hat sich in den letzten Jahren die Zahl der Kunst-Biennalen rund um den Globus vermehrt, in der Kasseler Documenta ist ihr eine Konkurrenz, in der Basler Kunstmesse eine Assistenz zugewachsen. Anders als die Documenta hat die Biennale nie versucht, Ort der Avantgarde zu sein.

Begonnen hatte man im Stil der Salonmalerei, der Symbolismus prägte die Zeit nach der Jahrhundertwende, dann aber sorgten die Futuristen 1924 und 1926 für einen spektakulären Aufbruch ins 20. Jahrhundert, made in Italy. Im zentralen Pavillon haben sich die Gastgeber seitdem das Hausrecht des Großauftritts vorbehalten, das erst etwas reduziert wurde, als auch Nichtitaliener zum Kommissar berufen wurden. Dieser gibt zwar ein Thema vor und darf den Zentralpavillon bespielen, das Programm der anderen Pavillons aber wird von den nationalen Kuratoren bestimmt.

Hier hat die Kunst auch ihre wahren Auftritte. Zwischen 1956 und 1964 stellten sich die Amerikaner von Pollock bis zu Rauschenberg als neue Weltmacht der Kunst vor. Die Deutschen hatten ihre größten Erfolge mit der Konzentration auf einen oder zwei Teilnehmer. Hans Haackes Arbeit Bodenlos, 1993, eine totale Zerstörung der marmornen Bodenplatten des vom "Dritten Reich" kontaminierten Pavillons, war der wohl rigoroseste deutsche Beitrag. Er wurde (inklusive des Randauftritts von Nam June Paik) mit dem Goldenen Löwen honoriert. Und Ernst Jünger wurde gleichzeitig der Gran Premio Punti Cardinali dell’ Arte überreicht. Das war die Erfindung und das Werk des Kommissars Achile Bonito Oliva, der im Katalog einen Text von Jünger druckte. Einfach so.

In diesem Jahr heißt das Generalthema Die Diktatur des Betrachters. Venedig ist nicht die halbe, sondern die ganze Miete.