An einem Dienstag im Morgengrauen, irgendwo in Gaza-Stadt: Nach dem ersten Gebet schnallt sich der Hamas-Terrorist Bahaa al-Din einen Bombengürtel um, verabschiedet sich von seinen Freunden und versucht mit sich selbst eine israelische Polizeistation in die Luft zu sprengen. Das war am 14.September 1993, einen Tag nachdem Jitzhak Rabin und Jassir Arafat im Rosengarten des Weißen Hauses ihren Friedenspakt besiegelt hatten. Die Moral dieser Geschichte liegt wie ein Fluch über jenem winzigen Teil des Nahen Ostens, der immer noch das "Heilige Land" genannt wird, und der Fluch lautet: Der Weg zum Frieden führt immer wieder zum Monstrum des Krieges.

Einen Moment lang, vor zwei Wochen, sah es so aus, als würde dieses Gesetz nicht mehr gelten. Da pries George W. Bush auf dem Dreier-Gipfel in Akaba den "großen und hoffnungsfrohen Wandel", der über die Region gekommen sei. Da sprach der neue Palästinenser-Premier Mahmud Abbas jene magischen Worte aus, zu denen sich sein Präsident Jassir Arafat nie durchringen konnte: "Keinen Terror gegen Israelis, wo immer sie auch sein mögen."

75 Minuten Hoffnung

Sein israelischer Kollege Ariel Scharon quälte sich über eine politische Hürde, die er stets verweigert hatte. "Ein eigener Staat, in dem die Palästinenser sich selbst regieren", liege auch in "Israels Interesse". Ein "zusammenhängendes Gebiet" sollte es sein, also kein Inselreich, das von israelischen Straßen in kleine Teile zerschnitten wird. Zuvor schon hatte Scharon das "B-Wort" in den Mund genommen, "B" wie "Besatzung" – und damit meinte er die Präsenz seiner Truppen im Westjordanland. Es war in der Tat ein hoffnungsfroher Moment, der umso stärker wog, als auch die arabischen Potentaten ringsum, der ägyptische Präsident, der jordanische König und der saudische Kronprinz, vom richtigen Skript ablasen: "Wir werden gegen die Geißel des Terrorismus ankämpfen". Doch sollte dieser historische Moment kaum länger währen als der 75-Minuten-Gipfel von Akaba. Schon kurz vor dem Vorbereitungstreffen zwischen Abbas und Scharon in der zweiten Maihälfte hatten sich fünf palästinensische Selbstmordbomber auf den Weg gemacht.

Diesmal hielt Israel noch still. Doch vier Tage nach dem Akaba-Gipfel organisierten die Friedensfeinde eine beispiellose "konzertierte Aktion". Hamas, Islamischer Dschihad und Arafats Aksa-Terrorbrigade attackierten einen israelischen Grenzposten bei Gaza und töteten vier Israelis, bevor sie selbst erschossen wurden. Der Rest ist so bekannt wie ein alter Film, der durch ewiges Abspielen rissig geworden ist: israelische Hubschrauber-Attacken gegen Hamas-Führer, eine Selbstmordbombe in Jerusalem mit 17 Toten, weitere "gezielte Tötungen", wie es in den offiziellen israelischen Verlautbarungen heißt. Mit der Präzision eines Uhrwerks läuft hier ein Prozess ab, in dem nur die Anlässe variieren. Das scheinbar Neue in diesem Fall trägt alte Namen: erstens Jassir Arafat, zweitens Hamas – als Kürzel für all jene Kräfte in der palästinensischen Gesellschaft, die sich mit einem israelischen Staat nicht abfinden wollen. Hamas und Dschihad sagen es ganz offen: Kampf bis zur Vernichtung Israels. Doch muss Arafat – immer noch Palästinenser-Präsident, immer noch PLO-Chef – vor dem Gericht der Geschichte mit der härtesten Anklage rechnen. Vierzig Jahre lang war ihm seine eigene Macht wichtiger als das Schicksal seines geschundenen Volkes, vierzig Jahre lang hat er finassiert und zum Schluss doch für Gewalt optiert.

Dass er seine Aksa-Brigade zusammen mit Hamas und Dschihad in den Kampf schickte, ist ein neuer Tiefpunkt in seiner destruktiven Karriere, war doch das eigentliche Ziel nicht das verhasste Israel, sondern sein eigener Premier Machmud Abbas. Der hatte mutig den Neuanfang geprobt und war dabei auf einen Scharon gestoßen, der sich ebenfalls von den alten Reflexen zu lösen begann. Das aber durfte nicht sein: Abbas durfte nicht die Früchte ernten, die Arafat so oft verschmäht hatte. Nur deshalb mussten vergangene Woche 36 Palästinenser und 24 Israelis sterben.

Das grausame Fazit: Es wird keinen Frieden geben, solange die Terrortruppen von Aksa, Hamas und Dschihad ihn nicht wollen. Ihre ärgste Waffe ist ihr Wissen, dass keine israelische Regierung ihre Mordanschläge achselzuckend hinnehmen kann. Was also tun? Die Frage ist leicht gestellt. Die Antwort können, wie das politisch verlorene Jahrzehnt seit dem Händedruck Rabin/Arafat im Rosengarten des Weißen Hauses beweist, nur die Palästinenser geben: Der Terror gegen israelische Zivilisten muss beendet werden. Das schaffen nicht israelische Raketen, sondern nur die Palästinenser selbst. Bevor der Frieden eine Chance bekommt, müssen allerdings zwei "Bürgerkriege" ausgefochten werden, und zwar gegen jene Kräfte im israelischen wie im palästinensischen Lager, die so erfolgreich mit ihren unterschiedlichen Veto-Waffen zu hantieren verstehen.

Sterben für die Siedler?