Kaum eine Frage, abgesehen vom Streit um die Agenda 2010, hat es in den vergangenen Monaten so oft in die Schlagzeilen geschafft wie diese: Bleibt die Zwangsabgabe auf Einweggetränke? Oder kippt sie wieder? Wird es bald ein bundesweit einheitliches Rücknahmesystem geben? Oder doch nicht? Und wann werden Getränke mit und ohne Kohlensäure endlich gleich behandelt?

Am Dosenpfand, so scheint es, entscheiden sich Wohl und Wehe der deutschen Wirtschaft. Das ist zwar falsch. Gleichwohl sorgt der Dosen-Dauerstreit für unendliche Debatten an den Stammtischen.

Schließlich geht es um den Alltag von Millionen Verbrauchern – und um ihr Geld. Die Meldungen der vergangenen Tage machten ihnen zumindest ein wenig Hoffnung. "Rücknahmesystem kommt bis Oktober", hieß es. Ist also endlich Schluss mit dem lebensfremden Durcheinander? Damit, dass der Dosen-Obulus nur dort erstattet wird, wo die Dose gekauft wurde?

Wohl kaum. Zwar hat der Großhändler Lekkerland-Tobaccoland versprochen, bis zum Herbst ein flächendeckendes Rücknahmesystem aufzubauen. Doch dabei dürfte sich das Unternehmen im Wesentlichen auf Kioske und Tankstellen beschränken, die es beliefert. Die meisten Supermärkte und Handelsketten machen weiter wie gehabt. Aktueller Stand der Dinge: Edeka und der Metro-Konzern (Real, Extra, Kaufhof, Cash & Carry) wollen künftig gar keine Dosen mehr verkaufen – und selbstverständlich auch keine zurücknehmen. Die Unternehmensgruppe Tengelmann (Kaiser’s, Tengelmann, Plus) will offenbar dasselbe, allerdings nur in ihren Kaiser’s- und Tengelmann-Filialen. Der Discount-Ableger Plus hingegen hat demnächst spezielle Plus-Einwegverpackungen im Sortiment – und nimmt nur diese zurück. Auch Lidl könnte bald nur noch Leergut akzeptieren, das Lidl verkauft hat. So viel zum Thema Übersichtlichkeit.

Der elende Streit ums Dosenpfand weitet sich zu einem schier endlosen Lehrstück in Sachen Umweltpolitik aus – und hat das viel beschworene Kooperationsprinzip bereits schwer beschädigt. Ein ums andere Mal setzte sich Bundesumweltminister Jürgen Trittin nämlich mit den Handelvertretern an einen Tisch und versuchte, Politik nicht gegen sie zu machen, sondern mit ihnen. Eine feine Sache, in der Theorie. Praktisch ist sie gescheitert. Aus dem Gemeinschaftsprojekt ist eine Posse voller gebrochener Versprechen geworden. Der Einzelhandel hat sich dabei gründlich blamiert.

Seit 1991 wissen Händler und Hersteller, was ihnen blüht, wenn sie weniger als 72 Prozent der Getränke in Mehrwegflaschen verkaufen: ein Zwangspfand auf Büchsen und Wegwerfflaschen. So steht es in der Verpackungs-Verordnung, die nicht der Grüne Jürgen Trittin erfunden hat, sondern sein Vorvorgänger an der Spitze des Umweltministeriums, Klaus Töpfer (CDU). Doch was geschah, als der Ernstfall eintrat und Trittin sich anschickte, geltendes Recht zum 1. Januar 2003 umzusetzen? Anstatt die Logistik für die Dosen-Rücknahme aufzubauen, tat der Handel überrascht, stellte sich stur und zog vor die Gerichte.

Selbst nachdem sämtliche Versuche gescheitert waren, das Pfand per Urteil zu kippen, ließ der Umweltminister noch mit sich reden. Vor lauter Prozessiererei hatten die Händler schließlich "vergessen", für ein einheitliches Rücknahmesystem zu sorgen. Großzügig versprachen sie nun dem Minister, wenigstens bis zum Oktober dafür zu sorgen, dass jedermann seine Dosen ebenso einfach zurückgeben kann wie heute schon die Standard-Mineralwasserkisten. Auch das war freilich nicht das letzte Wort. Vor einigen Wochen machten die Pfandgegner einen erneuten Rückzieher und wollten beim kurz zuvor versprochenen System nun doch nicht mitmachen. Am vergangenen Wochenende schließlich kam es – jedenfalls teilweise – zu einem Rückzieher vom Rückzieher. Und was kommt morgen?

Von der Tradition ehrbarer Kaufleute ist bei hiesigen Einzelhändlern nur noch wenig zu spüren. Wer aber nicht zu seinem Wort steht, macht sich als Verhandlungspartner der Politik unglaubwürdig und wird das nächste Mal nicht mehr gefragt. Vielleicht haben die Händler im vergangenen Jahr ja darauf spekuliert, eine konservative Regierung werde Rot-Grün bei der Bundestagswahl ablösen und das Dosenpfand wieder abschaffen. Möglicherweise fehlt den Krämern aber auch bloß eine Stimme, die ihre Interessen bündelt und gegenüber der Politik vertritt. Beides disqualifiziert sie für das politische Geschäft.