Wir leben in einer paradoxen Zeit. Auf der einen Seite gibt es einen geradezu rauschhaften Zug zur Demontage des Gewohnten, ob traditionelle Ehe, ob Sozialstaat, ob transatlantische Freundschaft. Die Windmaschinen der öffentlichen Meinung blasen die winds of change kräftig an, auch wenn der Blick in die realen Verhältnisse nahe legt, dass da vor allem heiße Luft in die Welt gepustet wird. Politische Ikonen, ob Menschen, ob Ereignisse, werden in ein Laugenbad nach dem anderen getaucht und kommen ramponiert wieder heraus. So weit, so revolutionär.

Jetzt die Gegenseite: Niemals zuvor hat das branding solche Exzesse gefeiert. Je mehr die Konjunktur lahmt, der Einzelhandel von den Großmärkten in die Zange genommen wird, desto heißer das Bemühen, mit der Marke die Gefühlsbindung des Kunden zu fixieren: an die Stelle des "Geiz ist geil"-Verhaltens jenes eheähnliche Verhältnis zu setzen, das allein für langfristige Produktionsplanungen Sicherheit schafft. Wer durch Posterläden und Kulturkaufhäuser flaniert, der registriert, dass die Strategie jedenfalls in der Sphäre der medialen Phänomene aufgegangen ist. Unbeschadet der politischen Couleur eilen Würdenträger aller Parteien herbei, wenn es gilt, bei einem Markenjubiläum als lebender Lorbeerkranz zu wirken. Den Satz, dass Marken andere Marken stützen, wissen alle auswendig, die das politische Geschäft mit seinem gnadenlosen Zwang zur Bekanntheit kennen. Keiner hat mehr Scheu vor Berührung, weder Politiker noch Intellektuelle. Marken werden als Kulturgüter gefeiert.

WHAOW! Das war eine lange Einleitung. Aber sie war nötig, um sich dem überaus merkwürdigen Phänomen des neuen Cadillac CTS zu nähern. Denn das Äußere des CTS bricht bewusst mit all den klischeehaften Erwartungen, die der Europäer dem Cadillac entgegenbringt. Drei Tage bin ich mit meinem Probewagen in und um Berlin unterwegs gewesen, aber nirgendwo schaute jemand auf, als ich vorbeifuhr, noch bestaunte jemand das geparkte Auto. Ein rollendes Statussymbol ist der CTS nicht. Die Freuden, die er gewährt, sind verschwiegenerer Natur. Ein europäischer Cadillac, 100 Jahre nach der Firmengründung – welch ein mutiger Traditionsbruch! Nichts mehr findet sich da von dem wollüstigen Expansionsdrang der traditionellen Riesenlimousinen. Cadillac, das ist über ein ganzes Jahrhundert der Inbegriff des verschwenderischen amerikanischen Luxus gewesen – egal, ob man jemals in einem der Klassiker gesessen hat oder ob man das Auto nur aus Filmen oder Fotos kennt.

Meine Mutter erzählte mir, mein erstes Wort, das ich nach Mama und Papa sagen konnte, sei "Ami-Auto" gewesen. Ich möchte wetten, dass ich damit einen Cadillac meinte. Wer als Kind in der amerikanischen Besatzungszone aufwuchs, für den hatte der "Ami-Schlitten" schlechthin keinen anderen Namen als Cadillac. Man kann sich das Wort auch auf der Zunge zergehen lassen. Erst jetzt habe ich gelernt, dass die mundgängige Luxusformel nicht ein Kunstprodukt ist, sondern ein lokalpatriotisches Zitat des Firmengründers Henry M. Leland. Er wollte Antoine de la Mothe Cadillac ehren: einen französischen Offizier, der als Forschungspionier 1701 am Westufer des Eriesees die Siedlung Ville d’Etroit gründete, woraus nach 1900 dann Amerikas "Motown", die Autostadt Detroit wurde. Das Bonbon-Wort Cadillac, es schmeckt nach Chrom und lackglänzenden Rundungen, es verspricht breite und tiefe Lederpolster, in denen man versinkt, es ruft heute die Erinnerungen an schwülstige, theatralische Designträume wach. Aus dem Flugzeugstyling übernahm Cadillac 1948 die gewölbte Windschutzscheibe und die Heckflossen. Das Amerikabild der fünfziger Jahre, das eine ganze Generation und auch mich geprägt hat, schien bevölkert zu sein von nigelnagelneuen Cadillacs. Präsident Eisenhower rollte in einem offenen 1953er Eldorado zur Amtseinführung, stehend, die Arme zum V-Zeichen in die Luft gestreckt. Und selbstverständlich wurde auch J. F. K. in einem Staats-Cadillac durch die Gegend gefahren.

Von solchen Träumen bietet der CTS kaum etwas. Man müsste Kunsthistoriker mit Sinn für detektivische Motivforschung sein, um aufzuschlüsseln, wo und wie die klassischen Cadillac-Motive in der CTS-Karosserie aufscheinen. Das Schiffsbugmotiv lässt sich an der Kofferraumhaube erahnen, die Haifischzähne sind gezähmt, fast verschwunden. Der CTS ist ein klassischer europäischer "Gran Turismo", er könnte, von fern betrachtet, auch in Turin gebaut worden sein. Das Kubistische, die stürzenden Linien, das Spiel mit Ellipse und Dreieck und unregelmäßigem Viereck ist in der Tat ein Jahrhundert Kunst- und Karosseriegeschichte, eingedampft in ein Automobil, das von der europäischen Rationalität dominiert wird. Und die wiederum ist ja in Wahrheit kein Gegensatz zur inneren, technischen Geschichte des Cadillac. Denn jenseits des lustvollen Spiels mit den Klischees und Träumen waren die Detroiter Autobauer auch Erfindungspioniere: 1910 entwickelten sie die erste geschlossene Limousine, 1912 den elektrischen Anlasser, 1929 das erste Sicherheitsglas, 1941 das automatische Getriebe, 1954 die erste serienmäßige Servolenkung.

Auch der CTS hat alles, was man sich für den Preis wünschen kann. Man steigt ein, und auf geheimnisvolle Weise wird einem der Sitz zurechtgerückt. All die anderen Wunder, die der Wagen bereithält (etwa das raffinierte Navigationssystem), habe ich in der Kürze der Zeit gar nicht ausprobieren können. Man beginnt zu fahren, ohne dass ein Ruck oder ein unziemliches Geräusch das Wohlgefühl stört. Man bremst, weil man ans Bremsen denkt, und gewaltige Servokräfte denken mit, lautlos, zart, elegant. Bei Tempo 50, dem Geschwindigkeits-Normalzustand des Automobil-Städters, hat der Motor gerade einmal 1400 Umdrehungen. Da tickt der Blinker nicht anders als eine alte Stehuhr im Mahagoni-Wohnzimmer. Die exzellente Bose-Anlage weht ein Chopin-Nocturne herein, während man lautlos durch eine Dahlemer Allee gleitet. Man kann sehr schnell fahren mit dem CTS und hat das Gefühl, der Wagen würde nicht getrieben, sondern schnurgerade gezogen, so wie man mit dem Lineal einen Strich über Papier zieht. Auch dann ist nur ein fernes Summen im Auto zu hören.

Die Cadillac-Ingenieure haben den CTS auf dem Nürburgring für die engen Kurven Alteuropas eingerichtet. Das funktioniert fabelhaft, nur muss man diese Qualität auf märkischen Pflasterstraßen mit einer unamerikanisch griffigen Federung erkaufen. Am schönsten ist es mit dem CTS, wenn man ein kulturkritisches Vorurteil revidiert. Es heißt, Autos seien nicht dazu da, um damit zum Briefkasten zu fahren. Das Gegenteil ist wahr. Im CTS dachte ich: Es lebe die Kurzstrecke, es lebe die Langsamkeit. Es lebe der Luxus, die Riesenkraft, die in dem Ding steckt, nur ein ganz klein wenig, sozusagen mit der Fingerspitze, in Anspruch zu nehmen. Vielleicht ist das neue Cadillac-Gefühl pures Understatement. Wenn es auf dem Markt funktionierte, wäre es eine wirkliche Revolution.

PS Nächste Woche am Start: Felix Zimmermann, ZEIT-Autor, im Nissan Micra 1.4l