Bademeister war mein Traumberuf, seit ich als Achtjähriger nahezu täglich ins Schwimmbad ging. Mein Vorbild hieß Richard Stobbe. Er war braun gebrannt und hatte eine perfekt durchtrainierte Figur. Ich bewunderte seine James-Dean-Sonnenbrille mit grünbraunem Glas. Vor allem aber war ich von seiner blütenweißen langen Hose mit akkurater Bügelfalte fasziniert, von den ebenfalls weißen Tennisschuhen und dem strahlend weißen Shirt, das ein auf die Brust fallendes Goldkettchen umso mehr hervorhob. Derart lässig sahen damals in den Fünfzigern eigentlich nur Amerikaner aus.

Und sein Gebaren! Gravitätisch schritt er den Beckenrand ab, blieb hier und da stehen, um vorwiegend mit jüngeren Frauen charmant zu plaudern – im Bewusstsein, dass alle Augen auf ihn gerichtet waren. Bella figura. Der König des Bades, immer in frischer Luft, im Dienst und dabei ganz ohne Stress. Wenn er noch mehr imponieren wollte, stieg er auf den Sprungturm, sprang einen Salto vom Dreimeterbrett und durchschnitt anschließend im eleganten Kraulstil das Bassin. Wie alle Bademeister kam er aus dem Schwimmsport. Die Schwimm- und Sonnenfreude als Beruf – das war wirklich erstrebenswert!

Mit elf Jahren trat ich in den Schwimmverein ein. Als Talent erkannt, wurde ich aufgebaut und war drei Jahre später Berliner Meister, erst in der Knaben-, dann in der Jugendklasse. Ich war schneller geworden als meine Helden, die Bademeister, so dass mich deren offizielle Berufsbezeichnung "Schwimmmeister" zu stören begann: Schwimmmeister war doch ich! Als Gymnasiast hatte ich zudem längst mitbekommen, dass mein Traumberuf außerhalb des Schwimmbades nicht allzu viel galt. Und den imposanten Auftritt im Bad – weiße Kleidung, Sonnenbrille, gebräunte Haut, beneidete Schwimmkunst, das Flirten mit hübschen Mädchen – den hatte ich inzwischen auch so drauf, dafür musste ich nicht mehr erst Bademeister werden.

Als Ferienjob aber war das die ideale Rolle. Der Berliner Jugendmeister, der ich mit 18 Jahren war, verfügte über einen Qualifikationsnachweis, der nicht zu toppen war, und so bekam ich die Stelle, für drei Mark die Stunde, sogar in der berühmtesten deutschen Badeanstalt – dem Olympia-Schwimmstadion in Berlin.

Doch dann lernte ich die dunkle Seite des Glamours kennen: In der Frühschicht morgens ab sechs musste ich zwei Stunden lang Kacheln an den inneren Beckenrändern schrubben, die am Vortag durch die Hautöle der Badegäste widerlich angefettet waren. Man musste sich dabei auf die Oberschenkel stützen und geschickt ausbalanciert übers Wasser beugen, was schnell zu Knieschmerzen führte. Putzdienst statt Beckenrandflirts!

Nichtstun ist eine der anstrengendsten Tätigkeiten überhaupt

Ich war froh, dass zu dieser Tageszeit nur die üblichen Unentwegten schwammen, meist ältere Badegäste, sodass mich in dieser demütigenden Haltung kaum einer sah. Bei der Spätschicht, kaum besser, musste ich vor dem Badeschluss die Abfallkörbe leeren, die Papierfetzen auf der Schwimmbadwiese aufsammeln und die Terrassen und Duschräume mit dem Wasserschlauch sauber spritzen. Auch dann wünschte ich mir jedes Mal, dass es bewölkt sein möge, damit die meisten Badegäste vorher gingen. Wenn es hingegen während der Schicht regnete und keine Wassernixe weit und breit zu sehen war, dann wurden die Stunden unendlich lang, und ich merkte, dass Nichtstun zu den anstrengendsten Tätigkeiten gehört. Es gab dann zwar wenigstens nichts zu reinigen, aber am Ende war ich fix und fertig.

Der Oberbademeister des Olympiastadions war klein und von Tausenden Bieren aufgeschwemmt; ein Giftzahn, der seine Chefrolle gern ausspielte. Seine Tätigkeit bestand darin, auf einem Hochsitz am vorderen Rand der Stadiontribüne zu sitzen, von dort oben herab mit Leuten zu plaudern und vor allem ab und zu über die Lautsprecheranlage, astrein berlinernd, Badegäste zurechtzuweisen oder mir stadionweit hörbare Anweisungen zu erteilen. "Geht da von die Ketten weg!", "Runter mit die Füße da!", "Scheer zu mir!" Einmal gab er mir den guten Rat, wenn ich schon ständig am Beckenrand stünde und den athletisch gestählten Johnny spielte, dann sollte ich meinen Blick wenigstens immer fest auf das Schwimmbecken richten. Es sei nicht so schlimm, wenn jemand absaufe; aber schlimm wäre es, wenn ich in einem solchen Fall nicht auf das Becken geschaut hätte: "Immer den Schein wahren!"