Es war ein Skandal ohnegleichen, als der Maler Paul Gauguin 1891 seine Familie verließ und nach Tahiti auswanderte. Alle Welt bezichtigte ihn der moralischen Kälte, während Gauguin auf dem Recht beharrte, seine Existenz als Künstler zu verwirklichen. Gauguins Entscheidung, Anna Kareninas Dilemma, Dostojewskijs Romane - das war der Stoff, mit dem der englische Moralphilosoph Bernard Williams sein Denken fütterte. Unter Kollegen war Williams, einer der brillantesten Köpfe der analytischen Philosophie, gefürchtet. Ihre Moralphilosophie, so warf er ihnen vor, sei auf originelle Weise langweilig, weil sie die eigentlich moralischen Fragen am Wegesrand liegen ließen. Indem sie allgemeine Theorien auf konkrete Lebensformen anwendeten, so Williams in Ethik und die Grenzen der Philosophie, verführen sie reduktionistisch. Und doch war Williams alles andere als ein Relativist.

Er wollte die heikle Balance zwischen Wahrhaftigkeit und Wahrheit, zwischen dem Recht auf das "zutiefst eigene Leben" und den moralischen Pflichten. Am Donnerstag vergangener Woche ist Sir Bernard Williams, der in Berkeley, Princeton, Cambridge und Oxford lehrte, im Alter von 73 Jahren in Rom verstorben.