So unbekannt ist kein vergessener Komponist, dass er nicht in einer Enzyklopädie stünde. Die Kleinen, die als Chorleiter in Heidelberg enden, werden freilich nur als Angehörige ohne eigenen Eintrag erwähnt. So wie Richard Franck zum Beispiel. Die Mittleren, die mit einem Werk mal zeitweilig berühmt wurden, kriegen immerhin eine Spalte. So wie Wilhelm Kienzl ("Der Evangelimann"). Und die Großen, denen es knapp zum Weltruhm fehlte, erhalten einen Abschnitt fürs Leben und noch einen fürs Werk.

So wie Joaquin Turina aus Sevilla. Da stehen sie und warten auf Nischen-Labels und Raritätensucher. Die Wartezeiten werden immer kürzer, denn auf dem schrumpfenden Tonträgermarkt hat statt Resignation ein wahres Grabungsfieber eingesetzt. Vergleichen wir also ein paar Funde. Die erwähnten drei Musiker sind sich insofern ähnlich, als sie vom 19. bis tief ins 20.

Jahrhundert hinein lebten, tonal blieben - und jetzt mit Kammermusik zu hören sind. Kienzl, der von 1857 bis 1941 lebte, meinte: "Mich macht die Moderne ganz irre." Mit seinem dritten Streichquartett von 1928 hatte er ihr aber wenig entgegenzusetzen. Es erreicht an Substanz und Schwung nicht seinen Erstling in b-Moll, den er noch vor 1880 schrieb: üppig und differenziert, an Dvorák erinnernd und farbig wie der Herbst. Ein schöner Fund, das Thomas Christian Ensemble (cpo 999-805) aber schwelgt darin eher pauschal als präzise. Auch Kienzls zweites Quartett, um 1918 entstanden, könnte in seiner Tristandämmerung mehr Transparenz vertragen. Besser trifft es da seinen Zeitgenossen Richard Franck mit Pianist Bernhard Fograscher und seinen Partnern. Franck (1858 bis 1938) schrieb seine Klaviertrios um die Jahrhundertwende. Das Stück in Es-Dur klingt wie ein Brahms-Klon, wäre da nicht im ersten Satz ein wunderbar dekadentes Walzerthema, von dem der Komponist zu Recht nicht lassen mag. Für eine Richard-Franck-Renaissance reicht's nicht, ein Nugget ist es schon (audite 97.487). Darüber aber strahlt Joaquin Turina (1882 bis 1949) wie eine ganze Schatzkammer in allen iberischen Farben. Seine Musik für Klaviertrio und Klavierquartett ist berauschend, keinen Moment lang findet man, dass Stücke von 1926 bis 1933 moderner klingen müssten. Reste der Romantik fusioniert Turina mit spanischer Folklore so durchtrieben und organisch, dass er neben dem guten Platz im Grove auch einen beim Publikum verdient. Das Trio Parnassus (Dabringhaus und Grimm, 303 1163) spielt farbensprühend und strukturklar und setzt Maßstäbe für andere musikalische Ausgräber: Nicht immer sind sie ihren Funden so gewachsen.