Paris

Alle Räder stehen still, wenn sein starker Arm es will. Für Gewerkschaftssekretär Jean-Christophe Le Duigou reicht ein Blick aus dem Bürofenster, um den Erfolg der jüngsten Mobilisierungskampagne zu überprüfen. Wenn vor der Verwaltungsburg der mächtigen Gewerkschaft CGT (Confédération générale du Travail) an der Pariser Ringautobahn die Autokolonnen auf zehn Fahrspuren ruhen, dann weiß er, dass die Basis ganze Arbeit geleistet hat. Ein Dutzend Mal seit Anfang Mai haben die Verkehrsbediensteten in Paris sowie in den Regionalstädten die Busse und Züge lahm gelegt. Daneben streikten Flughafenpersonal, Lehrer und die Post, die Müllabfuhr und Elektrizitätswerker.

"Es wird Zeit, dass die Regierung den Dialog mit den Bürgern eröffnet", sagt der drahtige Mittfünfziger mit Dreitagesbart und setzt dabei eine Unschuldsmiene auf, als ginge ihn die Blechlawine draußen an der Porte de Montreuil nichts an. Als Rentenspezialist der radikalen CGT steht Jean-Christophe Le Duigou gleichwohl im Zentrum des Protestorkans, den die fünf großen französischen Gewerkschaften entfesselt haben. Sie wollen mithilfe des Riesenheeres der französischen Beamten und Staatsangestellten die Reformpläne der Regierung, allen voran die Rentenreform, kippen. Sie sieht vor, dass auch die Staatsdiener künftig genauso lange arbeiten sollen wie die übrigen Rentenbezieher, nämlich 40 und bald 42 Jahre.

Zu den französischen Besonderheiten gehört, dass die Gewerkschaften stets weniger gegen die Unternehmer als gegen den Staat kämpfen. Denn dieser Allesbeweger und Gesamtversorger verfügt mit 8,5 Millionen Beschäftigten über mehr als ein Drittel aller Arbeitsplätze, die wegen ihrer überdurchschnittlichen Einkommen und Privilegien zu den begehrtesten im Lande gehören. Frankreichs Staatsdiener haben im Gegensatz zu anderen europäischen Beamten volles Streikrecht, das seit 1946 sogar verfassungsmäßig garantiert ist. So kommt es, dass die Gewerkschaften machtvoll sind, obgleich ihr Organisierungsgrad mit neun Prozent im europäischen Vergleich das Schlusslicht bildet. Denn ausgerechnet unter den Privilegierten im öffentlichen Dienst finden sich viele Mitglieder. So gibt sich CGT-Sekretär Le Duigou zuversichtlich. Bereits 1997 hatte man den konservativen Premier Alain Juppé just über jene Rentenfrage gestürzt, die sein Nachfolger jetzt wieder auf den Tisch legt.

Gesangsproben im Parlament

Diesmal aber ist die Regierung fest entschlossen, nicht nachzugeben. "Jeder weiß, dass es nicht um ein Projekt der Regierung geht, sondern um die Zukunft unserer Republik", ruft Premierminister Jean-Pierre Raffarin ins voll besetzte Palais Bourbon, als am Dienstag vergangener Woche die Nationalversammlung mit der Debatte zur Rentenreform beginnt. Zur selben Zeit treten draußen auf dem Concorde-Platz 60000 Demonstranten auf. Der Aufmarsch der Lehrer, Transportarbeiter, technischen Angestellten, Studenten und vieler Kinder beginnt als Festumzug mit karnevalesken Verkleidungen und Musikeinlagen. Auch Gewerkschafter Jean-Christophe Le Duigou ist da, neben ihm CGT-Chef Bernard Thibault, der über Megaphon die Losung ausgibt: "Auch wenn sie gewählte Vertreter sind, müssen die Abgeordneten auf die Stimme des Volkes hören."

Derweil bringen im Parlament die Kommunisten und Sozialisten ihre fast 9000 Änderungsanträge zur Reform ein; sie sind umfangreicher als das umstrittene Gesetzespaket der Regierung selbst. Als sich konservative Abgeordnete darüber empören, stimmt die kleine Fraktion der Kommunisten lautstark die "Internationale" an, worauf die Konservativen weitaus stimmkräftiger mit der "Marseillaise" antworten. Bevor der Tumult italienische Ausmaße annimmt, brüllt der hartgesottene Parlamentspräsident Jean-Louis Debré "Wir sind hier doch nicht in einer Gesangsschule" und unterbricht die Sitzung. Draußen sind die meisten Demonstranten wieder abgezogen, als sich gegen Abend die üblichen "Putztruppen" zum letzten Gefecht rüsten. Absperrgitter werden zu Barrikaden aufgetürmt, Pflastersteine fliegen, und für eine halbe Stunde versinkt der Concorde-Platz in einem Nebel aus Tränengas und Wasserwerfer-Salven. Zum Abschluss des Festtages stürmen 300 Demonstranten die Aufführung von Mozarts Cosi fan tutte in der Garnier-Oper.

Der Großteil der Franzosen sorgt sich unterdessen um eine andere Massenerhebung zwei Tage später. Am vorigen Donnerstag, dem ersten Tag des baccalauréat, des Einheitsabiturs, rüsten sich landesweit 620000 Abiturienten für ihre erste Prüfung im Fach Philosophie. Doch wegen des angedrohten Lehrerstreiks befinden sich die Schulen im Belagerungszustand. Morgens um acht riegeln 400 Streikende das Gymnasium auf dem Kapitolsplatz von Toulouse ab, bis 20 Mannschaftswagen der Polizei vorfahren und die Abiturienten pünktlich um halb neun ins Schulgebäude geleiten. In Avignon bilden 300 Gewerkschafter ein Spalier vor dem Gymnasium Fréderic-Mistral. An Hunderten von Schulen zehren die gleichen Vorfälle an den Nerven der ohnehin gestressten Prüflinge. Doch am Nachmittag kann das Pariser Erziehungsministerium erleichtert verkünden, dass alle Schüler ihre diesjährigen Abitur-Aufsätze ohne größere Zwischenfälle schreiben konnten.