die zeit: Herr Bieito, woher kommt die Gewalt in Ihren Opern- und Theaterinszenierungen?

Calixto Bieito: Ich mache das, was ich in den Stücken erkenne. Und in der Wirklichkeit. Es gibt Passagen in Verdis Il Trovatore, die sind der absolute Albtraum. Ich zeige sie dementsprechend – als den schlimmsten Horror, den man sich vorstellen kann.

zeit: Es gibt Massenvergewaltigungen, Folter, Hinrichtungen, die Zigeunerin Acuzena muss Kot essen.

Bieito: Beim Trovatore war ich mir immer ganz sicher, dass dies der richtige Weg ist: zu zeigen, wie die Gewalt und der Irrsinn der Menschen die Poesie zerstören. Diese Gewalt ist ja auch in der Wirklichkeit allgegenwärtig. Die modernen Kriege sind nicht so sauber, wie es uns das Fernsehen immer weismachen will. Zwei Millionen deutsche Frauen sind am Ende des Zweiten Weltkriegs von den Russen vergewaltigt worden. Die Großmutter eines Freundes, die schon sehr alt war, siebzig oder so, ist damals von zwei jungen Soldaten vergewaltigt worden. Mann, siebzig Jahre! Da geht es doch nicht mehr um Sexualität! Es reizt mich, solche abgründige Dumpfheit auf der Bühne zu zeigen. Wenn sie im Stück angelegt ist!

zeit: Sie haben mal gesagt, Ihre Inszenierungen seien wie Drogenräusche. Müssen Sie nicht ständig die Dosis erhöhen, damit Ihr Theater funktioniert?

Bieito: Nein, davor habe ich keine Angst. Jede Produktion braucht neue Ideen, neue Bilder. Die Oper muss Spiegel der Gesellschaft sein. Es ist eine fantastische Gelegenheit, die Menschen sich selbst betrachten zu lassen. Am Ende sollen sie denken: Mein Gott, das also passiert in Afghanistan, im Irak, im Kongo oder wo immer. Oper ist unglaublich emotional. Die Musik geht direkt in den Bauch. Sie verbindet sich mit den Bildern auf der Bühne zu einer unglaublich starken Einheit.

zeit: Aber Oper ist auch wahnsinnig künstlich.