Es gehört zu den bevorzugten sportlichen Betätigungen des amerikanischen Independent-Kinos, über weiß lackierte Gartenzäune zu hüpfen, um in die wohlaufgeräumten Einfamilienhäuser der mittelständischen Suburbia zu spähen. Die neurotische Perfektion dieser Wohnanlagen lässt die Kamera in einer Art Schockzustand verharren. Irgendetwas scheint die Regisseure bei ihren spannerhaften Exkursionen derart zu verstören, dass sie in Deckung bleiben und die Bewohner wie ungewöhnliche Insekten betrachten. In ihrer mustergültigen Ordnung erinnern die Reihenhäuser an die keimfreien Zonen eines Krankenhauses, die jedes Leben bereits verschluckt haben, verweisen auf stickige Existenzformen, Vorstadtquarantäne. In seinem Regiedebüt L.I.E.

stilisiert Michael Cuesta die Sterilität der Siedlungen ins Hyperrealistische: Giftgrün leuchtet das Gras vor Howies Elternhaus, im Zeitraffer ziehen die Wolken vorüber, als hätten sie hier nichts mehr verloren, pünktlich schaltet sich die Bewässerungsanlage des Rasens an, und genauso mechanisch vollzieht der Vater den Sex mit seiner jungen Geliebten.

Wie sein Independent-Kollege Larry Clark hat Cuesta zuvor als Fotograf gearbeitet, auch er inszeniert den jugendlichen Körper als trotzigen Widerhaken inmitten einer unendlichen Leere. Weil Howies pubertäre Regungen keine andere Anlaufstelle finden, landet der Kerl mit dem kecken Haarschnitt schließlich in den pädophilen Armen des Vietnam-Veteranen Big John. Wenn sich Howies Armhärchen bei der ersten Berührung aufstellen, dann drücken sie zugleich Ekel und Erregung aus. Vielleicht liegt genau hier die große Leistung von Michael Cuestas Regiedebüt. Er gibt die voyeuristische Position des Independent-Kinos auf und versucht stattdessen, die Vieldeutigkeit einer Perversion zu beschreiben. L.I.E., die Initialen des Titels, stehen für den Long Island Expressway, der New York mit seinen schickeren Vororten verbindet. Bei Cuesta wird die viel befahrene Straße zur Demarkationslinie einer Pubertät, die nur über die Extreme zum Erwachsensein finden kann.