Botho Strauß hat einmal in einem Gespräch mit der ZEIT gesagt, er stehe am Rand: "Wo anders soll man leben?" In die Mitte, wohin alle wollen und wo die meisten wohl sind, strebte er nie. Die Verwahrlosung, so hat er es zugespitzt, komme aus der Mitte der Gesellschaft, nicht von den Rändern. Deshalb sucht Botho Strauß die Maßstäbe (oder das "Gesetz", wie er es nennt) an den Rändern der Kontinente, der Sprachen, der Überlieferungen. Und deshalb entdeckt er für sich, für uns, immer wieder randständige Autoren, die anders denken und anders schreiben, wie etwa den amerikanischen Dichter Robinson Jeffers oder den schwedischen Gunnar Ekelöf. Oder hier den deutschen Dichter Konrad Weiß (siehe nebenstehenden Essay).

Soll man, muss man Konrad Weiß lesen? Die Lektüre des Prosabandes Die Löwin, über den Botho Strauß hier nachdenkt, gleicht einer Schlafwanderung durch eine Mondnacht: Auf einmal sieht alles anders aus, wird unkenntlich und gewinnt zugleich einen betörenden, gespenstischen Reiz. Zurückgekehrt ins Tageslicht, wird man zögern, das Buch blindlings weiterzuempfehlen, und nur stockend von der Reise berichten können.

Es gibt Bücher, die man so beglückt verlässt, dass man die ganze Welt an seinem Glück teilhaben lassen will. Und es gibt andere, mit denen man gern für sich bleibt. Vielleicht, weil man das möglicherweise unverständige Geschwätz der Mitmenschen nicht ertrüge. Es kommt ja auch vor, dass man sich großen Dichtern nur schwer nähern kann, weil sie umstellt sind von allzu vielen Deutern und Bewunderern. Der Nachteil von Goethe sei, hat Peter Handke einmal geschrieben, dass jedes Arschloch ihn liebe.

Jedes Gebot schließt den Gedanken seiner Übertretung ein. Jeder Kanon – das gilt übrigens auch für die ZEIT- Schülerbibliothek – erzeugt seinen Gegenkanon. Indem gesagt wird: Das ist der Kanon, den sollt ihr alle lesen, erwacht in jedem freien Kopf der Wunsch, gerade das zu lesen, was zum Kanon nicht gehört. Denn der wahre Leser (und von ihm spricht Botho Strauß) ist nicht disziplinierbar, er sucht sich im Urwald der Bücher seine eigene Spur, verlässt den Lehrpfad, den markierten Weg. Dass er sich verirren könnte, schreckt ihn nicht. Dass er etwas nicht begreift, ist in seinen Augen noch kein Einwand. In der Löwin von Konrad Weiß zum Beispiel gibt es vollkommen unverständliche Sätze. Vielleicht müssen sie sein, damit die anderen umso mehr leuchten.

Nur der geübte Lesewanderer ist den Mühen abseitiger Pfade gewachsen. Nur wer den Kanon kennt, kann auf ihn verzichten. Denn Literatur bezieht sich immer auch auf Literatur, insgeheim oder ganz direkt. Anders nämlich als im Urwald findet man sich in ihr umso besser zurecht, je weiter man in sie eindringt. Dann sieht man, dass es unterhalb der kanonischen Werke einen schier unendlichen Reichtum des Abseitig-Schönen gibt, und begreift: Das Vergessene kehrt irgendwann immer zurück.