Als der russische Graf in die gefährlichste Schlacht seines Lebens aufbrach, als er beschloss, die Dame seines Herzens zu erobern, und zwar endgültig, koste es, was es wolle, tot oder lebendig, jedenfalls ohne Rücksicht auf Unversehrtheit seiner Person, da warf er sich der Geliebten durchaus nicht zu Füßen. Er rief nicht: Ich liebe dich! Oder: Heirate mich! Der Graf besaß seine eigene Vorstellung von Direktheit. Mitten in einem Gespräch, praktisch im Nebensatz, bat er die Dame um ihre Hand. Die glaubte zunächst, sie hätte sich verhört. Doch anstatt nun Klarheit zu schaffen und sie endlich zu küssen, tat er, was der Held einer Novelle tun muss, wenn Heinrich von Kleist ihr Verfasser ist, wenn also die dramatischsten Ereignisse mit einer gewissen Umständlichkeit erzählt werden und selbst ein Überraschungsangriff in langen, komplizierten Satzperioden erfolgt: "Der Graf setzte sich, indem er die Hand der Dame fahren ließ, nieder, und sagte, daß er, durch die Umstände gezwungen, sich sehr kurz fassen müsse…" – Woraufhin es noch ein Dutzend weitere Konjunktionalkonstruktionen dauert, bis der Graf auf den Punkt kommt: "…daß er den Wunsch hege, mit der Hand der Frau Marquise beglückt zu werden, und daß er auf das ehrfurchtsvollste, inständigste und dringendste bitte, sich ihm hierüber gütig zu erklären."

Heinrich von Kleist schreibt ein Deutsch, mit dem er heute an keiner Journalistenschule durchkäme. Es ist ein Deutsch, das auch in der Literatur bald ausgestorben sein wird – dank jener normativen Stilistik, die von den Regelpoetiken der Aufklärung herrührt und in so genannten creative writing- Kursen zur Textoptimierungsseuche pervertiert wurde. Ihr mildestes Symptom ist noch die Hauptsatzidiotie, tückischer jedoch ist der Wahn, man könne alles auf der Welt mitteilen, wenn man nur geradlinig schriebe. Dieser vorsintflutliche Erkenntnisoptimismus war einem Heinrich von Kleist (1777 bis 1811) bereits vor 200 Jahren fremd. Hineingeboren in die Ära der Bildungseuphorie, fand er über die Lektüre der Kantschen Philosophie zu der Überzeugung, dass die Welt größer ist als der Kopf, dass also dem menschlichen Verstand und noch mehr der Sprache Grenzen gesetzt sind. An seine Stiefschwester schrieb er einmal: "Ich weiß nicht, was ich Dir über mich unaussprechlichen Menschen sagen soll. Ich wollte, ich könnte mir das Herz aus dem Leibe reißen, in diesen Brief packen und Dir zuschicken."

Die Grenzen zu kennen und sie trotzdem zu überwinden, darin besteht Kleists Kunst. Eine Erzählung wie Die Marquise von O. zielt auf das, was mehr geahnt als gewusst wird, was eher gefühlt als gesagt werden kann. Bloß weil der verliebte Graf sich schnurstracks in die Ehe stürzen will, rennen die Sätze nicht blindlings drauflos. In Abschweifungen und Andeutungen, sich selbst ständig unterbrechend, macht der Graf eine Liebeserklärung und lässt gleichzeitig durchblicken, wie zweifelhaft und furchtsam diese tollkühne Liebe ist. Am Ende stellt sich heraus, dass er die Marquise einst, während sie in Ohnmacht lag, vergewaltigt hat, dadurch gerät sein Heiratsantrag unter Verdacht, keiner spontanen Gemütsbewegung, sondern nur seinem Ehrgefühl zu entspringen. Zwischen den Zeilen erfahren wir: Das Unerhörte ist wahr und doch falsch. Die Liebe ist möglich und doch unmöglich.

Kleist stellt seine Figuren in ein Gewirr aus Relativsätzen, temporalen und kausalen Erläuterungen, das ähnlich unbegradigt wirkt wie das echte Leben. So gelangt er an Orte, die man auf direktem Weg nie erreicht. Es ist, als würden sich beim Reden, praktisch vor den Augen des Lesers, die Gedanken des Autors allmählich verfertigen. Man kann zuschauen, wie sie Sprache werden und wie das Erzählen, gerade weil es aus einem Zögern entsteht, Tempo gewinnt. Das ist nicht die glatte, dumme Schnelligkeit jener Literatur, die immer gleich zur Sache kommt – Subjekt, Prädikat, Objekt. Kleist besitzt eine stockende, diskontinuierliche Gewandheit. Wer den Michael Koolhaas liest oder Das Erdbeben in Chili, der merkt, weshalb ihn die flotte Stilfibel-Literatur oft schon nach einer halben Seite langweilt: weil die Sätze zu kurz sind. Weil sie uns keine Zeit lassen, ein Interesse an der Geschichte zu fassen. Und weil uns der Autor mit seiner sturen Unmissverständlichkeit auf die Nerven geht.

In Gesprächen soll Heinrich von Kleist durch eine seltsame Zerstreutheit aufgefallen sein. Die Zeitgenossen Achim von Arnim und Christoph Martin Wieland berichten von der „Unbestimmtheit seiner Rede, die sich dem Stammeln nähert“. Wenn man mit ihm diskutierte, habe manchmal ein einzelnes Wort „eine ganze Reihe von Ideen in seinem Gehirn“ angezogen und verursacht, „daß er nichts weiter hörte und also auch mit der Antwort zurückblieb“. Wir möchten uns mehr solche zurückgebliebenen Dichter wünschen und russische Grafen, die, anstatt mit der Tür ins Haus zu fallen, umständlich sich erklärend, unser Herz im Sturm erobern.