Eine Frau erzählt von ihrer Familie. Sie spricht unsicher und fragend, denn sie weiß nichts von ihren Eltern; sie wurden 1944 in ein Konzentrationslager deportiert. Wir sind Begleiter dieses Weges, Seite für Seite, durch die schwarz, grau und braun gefärbten Bilder, bis der Zug in das Tor von Auschwitz-Birkenau einfährt. Während sich die Erzählerin vortastet, erhalten wir Gewissheit durch den detailversessenen Bildrealismus Roberto Innocentis. Schon das erste Bild macht uns zu Komplizen dieser ungeheuerlichen Reise. Aus steiler Aufsicht folgt unser Blick dem Zug ohne Fenster, der sich in der Bildtiefe verliert. Die Konstruktion der Eisenbahnbrücke wird mit aller Akribie dargestellt, die Heuwagen der Bauern auf der Holzbrücke daneben ziehen in die Gegenrichtung, ins Leben.

Später sehen wir dann Menschen, wie sie in die bereitstehenden Waggons geschleust werden, aber nie erkennen wir Gesichter. Innocenti verweigert den Figuren dieser Erzählung ihre Individualität; er verbarrikadiert den Blick mit Zäunen und Stacheldraht; er schneidet die Köpfe ab, wenn ein letzter Blick in die geöffnete Tür des Viehwaggons möglich wird, der mit Menschen voll gestopft ist. "Sind sie in Panik geraten, als sie hörten, wie die Türen verriegelt wurden?", lässt Ruth vander Zee ihre Erzählerin fragen. In den Armen einer Frau entdeckt man ein Bündel, das sie beschützend vor sich hält. Zeile für Zeile wird deutlich, dass die Erzählerin selbst in dem Zug mitfuhr, dass sie das kleine Bündel war, das ihre Mutter festhielt. "Und was dann passiert, ist das Einzige, was ich mit Sicherheit weiß… Meine Mutter hat mich aus dem Zug geworfen." Wenn zwei Hände den in eine Decke gewickelten Säugling aus dem fahrenden Zug werfen, wenn das Bündel durch die Luft fliegt, starrt der Betrachter für den Bruchteil einer Sekunde auf das Bild, ohne zu begreifen, so verstörend erscheint diese Szene. Innocenti gibt dem Kind in diesem Bild die Farbe zurück. Vor dem trüben Grau des Himmels erscheint das Rosa des Bündels wie ein Wunder, aber auch zugleich erschreckend fremd. Mit ähnlich ambivalenter Intention hatte Steven Spielberg 1993 in seinem schwarzweißen Film über den Holocaust Schindlers Liste die Farbe Rot für ein Kind verwendet.

"Auf ihrer Fahrt in den Tod warf meine Mutter mich ins Leben." Ruth vander Zee, die wohl nicht zufällig im gleichen Alter ist wie die Erzählerin, findet Sätze von großer Einfachheit und symbolischer Kraft. Ihre Sprache bleibt knapp, dabei vorsichtig und sensibel. Immer mehr erfahren wir über das Schicksal des Kindes: das Bündel gefunden, aufgehoben, gerettet und versorgt – so erhielt es eine Identität, einen Namen, so wurde aus der anonymen Historie Erikas Geschichte. Im doppelseitigen Schlussbild, dessen idyllische Farbigkeit irritierend wirkt, steht Erika als etwa zehnjähriges Mädchen und schaut einem Güterzug nach, der am Horizont durch das Bild zieht. Erikas Leben ist schicksalhaft an die fahrenden Züge gebunden, hier liegt ihre Herkunft, von der sie für immer abgeschnitten bleibt.

Roberto Innocenti hat sich der Herausforderung, den Holocaust im Bilderbuch darzustellen, nach fast 20 Jahren erneut gestellt. Als Rosa Weiss im Jahre 1984 auf dem deutschen Buchmarkt erschien, entstand eine kontroverse Diskussion, ob eine erdachte Geschichte über den Holocaust im Bilderbuch erlaubt sei und man Kindern diese Bilder zumuten dürfe. Heute, so scheint es, sind die mentalen und künstlerischen Spielräume größer geworden und die Blicke auf den Holocaust differenzierter. Die alte Frage, ob eine Geschichte denn wahr sei, ob Erikas Geschichte erdacht ist, bleibt von sekundärer Bedeutung, denn schon die Fragen Erikas enthalten den Schrecken. Und doch vermitteln Bild und Text neben der Ungeheuerlichkeit der Vergangenheit zugleich den Trost, dass damals ein Kind auch ins Leben geworfen werden konnte.

Ein Einwand sei zum Schluss erlaubt: Aus dem Buchcover lässt sich ein ausgestanzter Davidstern herauslösen, den man wie ein Puzzleteil in die Hand nehmen und wieder einlegen kann. Der Davidstern, im Holocaust ein Stigma, wird nun, im veränderten Kontext, zum Sticker, zum Spielobjekt ohne erkennbare Bedeutung. Erikas Geschichte braucht diese Spielidee ganz sicher nicht.

Ruth vander Zee/ Roberto Innocenti: Erikas Geschichte

Deutsch von Gabriele Haefs; Sauerländer im Patmos Verlag, Düsseldorf 2003; 24 S., 16,90 Euro (ab 8 Jahren und für alle)