Weiter geht’s nicht. Eine Mauer steht im Weg, ein türenloses Ytong-Monster, das sich auftürmt bis zu den Dachsparren des Spanischen Pavillons. Jetzt wollen wir natürlich erst recht hinein, wollen sehen, was für Kunst dort drinnen geboten wird. Also schleichen wir ums Eck, versuchen es am Hintereingang – und laufen wieder in eine Sackgasse. Zwei Männer in Polizeiuniform fragen höflich, aber bestimmt nach unserem spanischen Pass. Ohne den sei hier nichts zu machen: Eintritt nur für Inländer. Wir fühlen uns ungewollt, abgewiesen, ausgesperrt von dieser Wand, errichtet vom Künstler Santiago Sierra. Eine Grenze zu erfahren, das ist uns fremd, erst recht auf dieser Biennale in Venedig, die sich frohgemut im Grenzenlosen verliert.

Keine andere Kunstaustellung ist so weitläufig, so unübersichtlich. Und nochmals ist sie in diesem Jahr gewachsen, obwohl Franceso Bonami, der künstlerische Direktor, eigentlich Eindämmung versprochen hatte. Sogar die "Diktatur des Betrachters" ließ er ausrufen, endlich sollte Schluss sein mit der ausufernden Zeigesucht der Ausstellungsmacher. Um die eigene Autokratie zu brechen und die Verantwortung aufzuteilen, heuerte Bonami ein knappes Dutzend Kuratoren an, die dann allerdings alle dem eigenen Geltungsdrang freien Lauf ließen und viele kleine eigene Ausstellungen vorlegten. Hinzu kam noch eine Hand voll Staaten, die endlich auch beim Wettbewerb der Künste mitmachen wollten. Und so gibt es nunmehr 63 Länderpavillons zu besichtigen, plus den Bonami-Parcours, plus die vielen inoffiziellen Beiträge. Zusammen sind es fast 100 Kunstschauen und 400 Künstler.

Die Körper rinnen und tropfen, Schweiß wird zur Ehrensache

Von einem Besuch der Ausstellung kann also keine Rede mehr sein, Venedig ist Extremsport, ist der Ironman unter den Biennalen, gemacht für Eisenmenschen. Und selbst die lösen sich auf, zerfließen bei 40 Grad im Schatten, einer Juni-Rekordhitze, die selbst den Venezianern zusetzt. Die Körper rinnen und tropfen, und viele tragen ihre Schweißflecken wie Ehrenmale, tellergroß und weiß umkrustet. Aufgeben, das käme nicht infrage. Die Kunst lockt, man will alles sehen, will Dichte spüren, will Intensität. Und wird natürlich enttäuscht, denn dichter, intensiver als diese Hitze vermag kein Kunstwerk zu sein. Das wichtigste Sinnesorgan der 50. Biennale ist nicht das Auge, es ist die Haut.

Dennoch kann niemandem entgehen, wie aufgebracht, wie politisch es in Venedig in diesem Jahr zugeht. Oft sind die Botschaften laut und unüberhörbar, so wie Sierra lassen uns viele Künstler vor die Wand laufen, sie führen uns das Unrecht dieser Welt vor, zumeist ungefiltert, ungekünstelt. Das kommt einem seltsam bekannt vor, schon auf der Documenta im vorigen Jahr hörte man die Künstler vom Krieg erzählen, von Terror und Armut. Nur ist in Venedig die Lust an der Agitation weit unverhohlener. "Tötet alle amerikanischen Träume!", ruft es herab von einem Wandbild am Thailändischen Pavillon. Ein kleiner Junge mit verstümmelten Armen blickt uns an, daneben George W. Bush. Per Sprechblase verkündet er: "Ich bombardiere euch, egal was ihr tut." Und tatächlich, wir fühlen uns bombadiert: von diesem Bild, schön bunt und fürchterlich schwarzweiß.

Viel geschmeidiger, viel abgründiger gibt sich die Kunst in den slowenischen Räumen: Blühende Feuerwolken zeigt man dort, eine explodierende Welt, auf Hochglanz gebracht, Zerstörung für die Wohnzimmerwand. Terror = decor heißt die Ausstellung und tritt an mit der Behauptung, dass wir uns an alles, auch an das schrecklichste Bild, mit der Zeit gewöhnen, es eingemeinden in unsere Normalität. Von dieser Aufweichung, so die These, seien natürlich auch die Künstler betroffen, einer wie Piet Mondrian etwa, der das Radikale wollte und heute vor allem als Muster auf Geschenkpapier in Erscheinung tritt. Was also bleibt der Kunst? Wie kann sie wahrgenommen werden, wenn selbst die Schockfotos unser Gemüt nicht mehr bewegen? Können die Künstler den Katastrophen noch etwas entgegensetzen?

Ja, sagt Christoph Schlingensief, sie können – sie müssen sich nur auf die Straße stellen, so wie er selbst und seine Mitstreiter. Gleich am Eingang zur Biennale hat Schlingensief, der Großaktioneur unter den Theaterkünstlern, sieben mächtige Pflöcke in den Boden rammen lassen, darauf sitzen nun sieben Menschen und demonstrieren: vor allem ihre Langweile, ihre Schläfrigkeit, ihren Überdruss. Eingeplant waren sie eigentlich für eine andere Rolle: Als Säulenheilige sollten sie auftreten, als leidensbereite Heroen einer Glaubensgemeinschaft namens Church of Fear, gegründet von Schlingensief und seinem Club. Die Angst als Lebensmittelpunkt, als Sinnstifter und Verheißung – mit dieser Botschaft wollte der selbst erkorene Kirchenvater die Kunstgemeinde missionieren. Und, ganz nebenbei, darauf hinweisen, wie verführbar die Geängstigten doch sind, wie groß das Geschäft ist, das sich mit der Angst nach dem 11. September machen lässt.

Am liebsten wollte Schlingensief die ganze Biennale in eine Via Dolorosa verwandeln, und wirklich, seine Church of Fear steht am Eingang und am Ende des großen Parcours durch die beiden Ausstellungsgelände der Biennale. Was mit den Holzsäulen beginnt, endet mit einem Holzkirchlein, in diesem steht nichts als ein wuchtiger Beichtstuhl. Blinzelt man hinein, ist man plötzlich wieder am Anfang, man sieht die Dauerhocker, ihren Missmut, ihr Gähnen, eingespielt per Video. Nur vom eigentlichen Seinsgrund dieser Kirche ist nichts zu erblicken. Wenn es sie hier überhaupt gibt, die Angst, dann nur als Spielart der Langeweile am eigenen Ich. In dieser Kirche erblickt man nur sich selbst. Man wartet ohne Erwartung.